Ulrich Bassenge: So fern vom Leben (SRF 2/WDR 3)

Biografie eines Maschinisten

17.10.2014 •

Über Friedrich Nietzsche, den Denker, der mit dem Hammer philosophieren wollte, streiten sich die Gelehrten. Sie streiten sich nicht zuletzt über die Frage, ob es sich bei dem sprichwörtlichen Werkzeug um einen Vorschlaghammer oder ein Geologenhämmerchen handelt. Gleichviel, in Nietzsches Werkzeugkasten befinden sich etliche Instrumente: begriffliche, wie das „Hörspiel“ oder die „ewige Wiederkehr des Gleichen“, und materielle, wie eine der ersten mechanischen Schreibmaschinen. Dem noch unausgereiften, kugelförmigen Gerät des Dänen Malling-Hansen widmete Nietzsche den Satz: „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“

Ulrich Bassenge widmet der Schreibmaschine in seinem rund 55-minütigen Nietzsche-Hörspiel „So fern vom Leben“, dem er die Gattungsbezeichung „Dramödie“ gegeben hat, einen Song. Mit weiteren moritatenhaften Liedern führen Elise Lichtenstern und die Emil-Teiger-Band durch Friedrich Nietzsches Leben. Der casioartige Sound eines Omnichord erinnert an die frühen Tage der Neuen Deutschen Welle, wobei das repetitiv-maschinenhafte der Soundebene durchaus beabsichtigt ist. In seinen Briefen verwendet Nietzsche, der als wichtigster Vorläufer des philosophischen Vitalismus gilt, überraschend oft Maschinenbilder. Der stets kränkliche und früh verrentete Basler Philosophie-Professor fürchtete, dass seine ganze Körpermaschinerie trotz „der lächerlich strengsten Diät“ in Stücke zu gehen drohe und auch die „Denkmaschine“ wolle vor Kopfschmerz schier zerspringen. Ursache für all das seien „die pathologischen Vorgänge im Auge“ des stark kurzsichtigen Nietzsche, sagte jedenfalls sein Arzt, der diese Gebrechen als Folgen von Onanismus diagnostizierte und das auch noch gegenüber der Familie Wagner ausplauderte.

Ulrich Bassenge hat im Richard-Wagner-Jahr 2013 für das Radio des öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunks und Fernsehens (SRF) eine sehr komische Daily Soap in zehn Teilen unter dem Titel „Die Maintöchter“ geschrieben, die ebenso wie das aktuelle Stück von SRF-Redakteur Johannes Mayr inszeniert wurde. Da lag es nahe, gleich auch noch den Wagner-Verehrer Nietzsche zu porträtieren. So entstand das Stück „So fern vom Leben“, zu hören am 17. Oktober bei WDR 3, nachdem es zwei Tage zuvor im Programm SRF 2 Kultur erstausgestrahlt worden war. Gespielt wird der Philosoph von Santiago Ziesmer, der deutschen Stimme der US-amerikanischen Zeichentrickfigur Sponge Bob (Schwammkopf). Ziesmers Nietzsche bekommt allein durch die Stimme etwas Brüchiges und gänzlich Unheroisches, und zwar ohne dass der Schauspieler seine Figur billig parodieren müsste. Denn Nietzsche-Witze gibt es im Internet schon genug, sogar ein einschlägiges Zitate-Quiz: „Wer hat’s gesagt – Nietzsche oder Sponge Bob?“

Der Hörspieltitel „So fern vom Leben“ geht auf ein Nietzsche-Zitat zurück, in dem er das Oberengadin beschreibt: „Meine Landschaft: so fern vom Leben, so metaphysisch.“ Nietzsche wünschte sich, dass zu der Schreibmaschine auch noch eine Vorlesemaschine erfunden werden möge. Das Hörspiel schenkt sie ihm, indem es ihm die Briefe seiner Mutter und seiner Schwester, die hier zu einer Figur verschmolzen sind, von einem (klanglich manipulierten) Text-to-speech-Programm vorlesen lässt. Nietzsche empfindet seine Familienverhältnisse als eine „vollkommene Höllenmaschine“ – was, so hörbar gemacht wie hier, unmittelbar einleuchtet. Seine Sehnsucht nach dem Menschenlosen, befeuert von ständig scheiternden Beziehungen (zuletzt mit der zu Lou von Salomé) erweist sich schon allein durch die akustischen Gestaltung als hoch ambivalent – ohne dass man darum viel Worte machen müsste. Über die Schreibmaschine hat Friedrich Nietzsche etwas geschrieben, was auch auf Ulrich Bassenges Hörspiel zutrifft: „Diese Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth – und einige Unterhaltung.“

• Text aus Heft Nr. 42/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

17.10.2014 – Jochen Meißner/FK