Klaus Buhlert: Hölderlin. Geschichte einer Abschiebung (Bayern 2/SWR 2)

Rappend und steppend

22.10.2018 • Wer sich als Autor, Hörspielmacher oder eben Medienkünstler auf den Weg macht, um eine weitere Interpretation über Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843), seinen Wortkosmos und sein physisches Leiden in die Radiowelt zu setzen, der kann – Hand aufs Herz – eigentlich nichts mehr richtig falsch machen. Fast alles ist über den Turmdichter und seine Tübinger Behausung schon gesagt worden, unendlich viel kann noch gemutmaßt werden, jede (neue) Sicht spiegelt aber zugleich auch den Kanon des längst Beschriebenen, ist Nachklang auf ein beachtliches radiophones Pantheon, an das wenigstens in Auszügen erinnert sei, als da unter anderem wären: Stephan Hermlin: „Scardanelli“ (WDR und Radio DDR 1970), Wilfried F. Schoeller: „Hölderlins Verwirrung“ (HR 1985), Hans Dieter Schmidt: „Hölderlin in Waltershausen“ (BR 1987), Said: „Friedrich Hölderlin empfängt niemanden mehr“ (SWR 2001), Harald Bergmann: „Scardanelli“ (ECM Records 2004) und Joy Markert: „The Beat Goes On oder: Die Hölderlinakte“ (Deutschlandradio Kultur 2010).

Der Komponist, Autor und Regisseur Klaus Buhlert ist das Wagnis einer weiteren Auseinandersetzung mit Hölderlin eingegangen. Rappend und förmlich vor dem Mikro auch steppend durcheilen in Buhlerts 46-minütigem Stück Jens Harzer, Bibiana Beglau, Felix Goeser und Uchenna van Capelleveen Auszüge aus dem Hölderlin-Fragment „Empedokles“ oder dem Briefroman „Hyperion“. Das wirkt nicht erzwungen oder gewürfelt, sondern entpuppt sich als stimmiges Spiel von Stimmen und Bewusstseinsstufen, die durch die merk-würdigen Turm-, ja, steif-symbiotischen Liebesbriefe an die Mutter im fernen Nürtingen gebrochen werden. Diese Mischung von erhabener Dichtung und dokumentarischen Episteln erreicht das Ohr mit Spannung und Interesse.

Wenn Buhlert (Regie, Musik und Arrangement) dann freilich in das Hörgeschehen in äußerst schmalen Sequenzen die Befragung eines kaum konturierten Asylanten im „Deutsch-Test“ einfügt, dann wirkt dies doch etwas gewollt und konstruiert, ebenso künstlich und schreibtischbezogen wie der Titel des Hörspiels selbst: „Hölderlin. Geschichte einer Abschiebung“. Was der Titel anreißt oder verspricht, wird so gut wie überhaupt nicht eingelöst. Eine wie auch immer geartete „Abschiebung“ rückt nicht ins akustische Blickfeld, wenn man einmal von der „Abschiebung“ Hölderlins aus der Tübinger Klinik in das spätere Turmzimmer am Neckar absieht, die sich allerdings der kundige Hörer selbst erschließen müsste.

Kurz: Dieses konstruktivistischen Überbaus in Sachen Hölderlin, Flucht und Abschiebung hätte es in der ansonsten spannenden, im Juli urgesendeten Produktion des Bayerischen Rundfunks (BR), die am 4. Oktober auch bei SWR 2 ausgestrahlt wurde, nicht bedurft. Eine nur mager angerissene „Asyl-Psyche“, untermauert mit wenigen Sprechübungen vor einer imaginären Sprechkommission, trägt hier ausnahmsweise nicht, war nicht einmal verstörend, sondern ein vermeidbares dramaturgisches Malheur. Entschädigen für zu viel an Überbau konnten aber Klaus Buhlerts musikalische Einlassungen in das Hörgeschehen. Da zeigte sich der Komponist als Meister.

22.10.2018 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 24/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren