Hugo Rendler: Handicap 55. Reihe „ARD Radio Tatort“ (SWR 2)

Von Cliffhanger zu Cliffhanger

30.09.2018 • Hugo Rendler, der begnadete Hörspiel- und Fernsehspielautor, eingeklemmt zwischen Elsass, Schwarzwald und Baden, hat wieder mit einem „ARD Radio Tatort“ zugeschlagen, produziert im Auftrag des Südwestrundfunks (SWR). Das gute Stück Unterhaltung trägt den seltsamen Titel „Handicap 55“ und was damit gemeint ist, kann sich wirklich nur dem Hörer erschließen, der wirklich bis zur letzten Sendeminute am Ball bleibt. Die ganz neu in diesen „Radio-Tatort“ des SWR eingeschleuste Polizeibeamtin Constanze (Lisa Hrdina), die gerade eben die Polizeihochschule abgeschlossen hat – ja doch: sie schreibt sich „mit C“, wie immer wieder betont wird –, sie hatte mit einem Professor an der Polizeihochschule ein kleines Techtelmechtel oder eben eine handfeste Affäre, wobei die junge Polizeibeamtin im Finale beklagt, dass der Ausbilder im Bett eben doch das ein oder andere Handicap gehabt habe, eben „Handicap 55“, altersmäßig. Auf so eine Pointe und freundliche Irreführung der Hörerschaft muss man erst einmal kommen. Hugo Rendler schafft das, klar!

Festzustehen scheint, dass mit der Einführung und Neuerwerbung von Constanze Früh in den folgenden „Radio-Tatort“-Folgen des SWR sich auch das Feld der Protagonisten ändern wird oder könnte. Soll die kesse Ermittlerin Nina Brändle (Karoline Eichhorn) wegen eines bei ihr immer denkbaren Motorradunfalls für längere „Radio-Tatort“-Zeiten ausfallen? Wird Kollege Sieger (Matti Krause) etwas widerfahren? Oder ist gar mit einer Hüft-OP und anschließender Reha bei Kriminaloberrat Xaver Finkbeiner (Ueli Jäggi) zu rechnen? All das steht demnächst im Raum.

Auch diesmal konnte Hugo Rendler mit seiner persönlichen Berufserfahrung als ehemaliger Krankenpfleger treffsicher in die Vollen greifen, zumal dieser „Radio-Tatort“ sehr lustvoll und sarkastisch den allgemeinen Pflegenotstand in unseren Alteneinrichtungen aufgriff und hier schönen Biss zeigte, gepaart mit liebevollen Ausflügen in die Lebenswelt eines Migranten aus Kenia, der seine hervorragenden Deutschkenntnisse vor allem dem Fernsehen und speziell der ARD-Soap „Sturm der Liebe“ verdankt. Die Enttarnung eines Mörders gibt es natürlich in „Handicap 55“ auch, ist hier aber letztlich nicht das Wichtigste. Der Hörspielautor hüpfte in seinen kurzen und temporeichen Szenen von Cliffhanger zu Cliffhanger und lacht sich stets ins Fäustchen, wenn er gemeinsam mit Regisseur Alexander Schuhmacher den Hörer wieder und wieder an der Nase herumführt.

In einem Telefongespräch mit dem Rezensenten anlässlich der Ausstrahlung von „Handicap 55“ machte Hugo Rendler ein persönliches „Radio-Tatort“-Bekenntnis: „Das ist eine sehr erfolgreiche Reihe und ich freue mich, meinen Teil dazu beitragen zu dürfen. Ich mag Brändle, Finkbeiner, Sieger & Co. sehr. Und es ist jedes Mal eine spannende Herausforderung, sie mit Konstellationen zu konfrontieren, die sie in ihrer Funktion als Kripobeamte und Privatpersonen in die eine oder andere Schwierigkeit bringt. Und wenn das dann alles ein bisschen schräg daherkommen darf und man das Augenzwinkern einer Karoline Eichhorn, eines Ueli Jäggi und eines Matti Krause hören kann – dann freut mich das. Die Krimis sind in den ‘Nebenrollen’ top besetzt, will heißen: Es gibt keine Nebenrolle. Bei den Aufnahmen bin ich fast immer dabei. Und wenn Schauspieler die Sätze sprechen, die ich für sie aufgeschrieben habe, also wenn sie vor dem Mikro dann auf der Suche nach der Täterin oder dem Täter sind, denke ich schon über das nächste Verbrechen nach, die nächste Tote, den nächsten Toten – und dann, dann schaut Regisseur Alexander Schuhmacher manchmal zu mir rüber und freut sich auch. Hoff’ ich. Kurz und bündig: Ekkehard Skoruppa als Dramaturg lässt mir große Freiheit in der Auswahl der Stoffe und der formalen Umsetzung. Manchmal muss er mich aber auch bremsen. Ein bisschen – das schätze ich sehr. Es gibt auch kein Gut oder Böse. Es gibt nur Menschen, die aus welchen Gründen auch immer in die oder die Situation geraten. Und weil es ein Krimi ist, gibt es leider oft auch eine Leiche.“

30.09.2018 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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