Katharina Schlender: Sie.Du.Ich.Ellen. (RBB Kulturradio)

Komplexe Erzählform, simpler Plot

07.07.2017 •

07.07.2017 • Satzzeichen als Sinnträger sind in der Literatur beheimatet und nicht im Radio, in dem sich die typographischen Markierungen in der Regel nicht mitteilen. Im Titel von Katharina Schlenders Hörspiel „Sie.Du.Ich.Ellen.“ geben sie jedoch schon einen Hinweis auf das zu Erwartende. Die Personalpronomen von der dritten bis zu ersten Person Singular und ein Eigenname, alle durch Punkte getrennt. Sie, Du, Ich und Ellen, so ist zu vermuten, funktionieren als abgespaltene Teile derselben Person, möglicherweise wird eine Bewegungsrichtung hin zu einer (neuen) Identität formuliert, wahrscheinlich aber kommt beides zusammen.

Diese „Sie“, von der zu Beginn des Hörspiels berichtet wird, verfügt über Eigenschaften, die nicht unbedingt Personen zugeordnet werden. „Sie“ ist „eine Kleinstadt, die nach Großküche riecht“, „das Gemüse, was geschnitten“, und „der Teig, der geknetet“ wird. Ihr Bestreben ist es, mit ihrer Umwelt zu verschmelzen oder in ihrer Funktion aufzugehen. Aber „Sie“ empfindet sich auch selbst als fleischgewordene Verdinglichung beziehungsweise als eine Figur, die nur aus ihrer Funktion besteht. „Sie“, das erfährt man in der ersten Szene aus den sperrig gebauten Sätzen gleich zweier Erzählerinnen, schlägt sich als Küchenhilfe durch, bis sie eine Lehrgangsbescheinigung braucht, um weiter beschäftigt werden zu können. Doch das wird schwierig für eine Aushilfskraft, die nicht lesen kann. „Sie“, das ist auch „eine abwehrende Geste“, „ein Angebot, das ausgeschlagen wurde“.

Katharina Schlenders Hörspiel basiert auf ihrem Theatertext „Die Anfängerin“, der als „Monodialog für mindestens eine Schauspielerin oder für Erzählerin I und Erzählerin II“ konzipiert ist. Und obwohl im Manuskript die Nebenfiguren einzeln aufgeführt sind, ist das weder eine einfache Gattungsbezeichnung noch eine einfache Regieanweisung. Regisseurin Judith Lorentz hat alle Rollen besetzt, was dem Hörspiel Transparenz und Nachvollziehbarkeit verleiht. Die Positionen der beiden Erzählerinnen (Anna Böttcher und Ulrike Krumbiegel) lassen sich nicht so eindeutig fixieren, zumal sich Erzählerin II als „Du“ im Verlauf des Stücks von der Beobachterposition zu einer „monodialogischen“ Partnerin entwickelt. „Sie“, gespielt von Jennipher Antoni, ist zunächst das Objekt einer doppelten Außensicht – die eigentlich eine externalisierte Sicht der Figur aus sich selbst ist. Obwohl „Sie“ von Anfang an präsent ist, wird sie erst nach zwei Dritteln des Hörspiels beginnen, „Ich“ zu sagen. Den Namen Ellen erobert sie sich noch später.

So komplex die Erzählform ist, so simpel ist der Plot gestrickt. Nach und nach erfährt man, dass „Sie“ Anfang 40 ist, ihr Mann („Der Flaschenöffner“) 52 und beide einen 17-jährigen Sohn und eine 14-jährige Tochter haben. Irgendwann bricht „Sie“ nach Berlin auf, um einen Alphabetisierungskurs an der Volkshochschule zu machen und sich neu zu erfinden. „Ab wann ändert sich ein Mensch nicht mehr großartig? Ab wann wirkt das Muster kleinkariert?“, fragt sie sich. Denn Ellen will kein behüteter „Du-bist-doch-mein-Liebling“ mehr sein und lernt in der Großstadt in einer Imbissbude namens „Dada Falafel“ den Poolbillard spielenden Fouzi (Sammy Ounis) kennen, mit dem sie sich anfreundet. Doch natürlich gibt es Rückschläge und Niederlagen bei der Ich-Werdung: „Brot ist Brot und sie ist sie. Sie ist kein Brot. Brot hat Charakter“, kommentiert Erzählerin II. Das Ende dieser Geschichte des Erwachsenwerdens mit Anfang 40 bleibt offen.

Der Künstlichkeit in der sprachlichen Form begegnet Regisseurin Judith Lorentz mit einem gewissen Realismus in der Inszenierung der akustischen Umgebungen. Die Eingangsszenen sind offensichtlich in einer Kantine aufgenommen worden, denn auf den Produktionsfotos sind die Akteure und den Toningenieur mit Kittel und Haarnetz abgebildet. Aufnahmen in Kostüm und Maske sieht man beim Hörspiel nicht oft – und manchmal erfährt man durch solche Produktionsdetails mehr über das Hörspiel, als man eigentlich hört und schon durch den Titel suggeriert bekommen hat.

07.07.2017 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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