Helmut Oehring: Mit diesen Händen – Ein Stück voller Poesie und Schmutz (SWR 2)

Nie trostlos, immer untröstlich

03.12.2018 •

03.11.2018 • „Was die Kunst braucht, einzig und allein braucht, ist Material“, sagte Heinrich Böll 1966 in seiner Rede zur Eröffnung des Wuppertaler Schauspielhauses und fuhr fort: „Freiheit braucht sie nicht, sie ist Freiheit.“ Es sind starke Worte, mit denen der Komponist Helmut Oehring sein zweites Hörspiel, „Mit diesen Händen – Ein Stück voller Poesie und Schmutz“, einleitet. Neben dieser Rede verwendet Oehring in seiner knapp einstündigen Autorenproduktion außerdem O-Töne aus Bölls Frankfurter Vorlesungen sowie Briefe, Tagebucheinträge und Gedichte des Autors. Anlässlich von Bölls 100. Geburtstag im Jahr 2017 komponierte und inszenierte Helmut Oehring im Auftrag der Oper Köln und des „Ensembles Musikfabrik“ das doku-poetische Instrumentaltheater „Kunst muss (zu weit gehen) oder Der Engel schwieg“. Auch in der eigenständigen Hörspielinszenierung bleibt nun der musiktheatralisch-sinfonische Charakter erhalten.

Wie schon in Oehrings erstem Hörspiel „Mit anderen Augen“ (vgl. MK-Kritik) taucht in seinem neuen Stück Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ auf. Jener Engel, der von einem Sturm mit dem Rücken voran in die Zukunft geblasen wird und der seinen Blick auf die Zerstörungen der Vergangenheit gerichtet hat. Böll hat diesem Engel einige Gedichte gewidmet („Wer rief dich zurück / aus dem schnöden Zeitwind / der wieder mal drehte“) und einen Roman aus dem Jahr 1947, der posthum veröffentlicht wurde, hatte er mit „Der Engel schwieg“ betitelt. Das Zentrum von Oehrings Hörstück ist jedoch Bölls Text „Mit diesen Händen“, ebenfalls aus dem Jahr 1947, in dem zu lesen steht: „Mit diesen Händen, die abends das Kreuzzeichen auf die Stirn deines Kindes zeichnen, hast du den Abzug des Maschinengewehrs um jene entscheidenden Millionstel Millimeter verrückt, sodaß er die Stirne anderer und Unschuldiger zerschmettere.“

In aus dem Jahr 1940 stammenden Briefen an seine spätere Frau, die Übersetzerin Annemaire Čech, gibt sich Böll als jemand, der alles Moderne wild und unerbittlich hasst und Trost nur in der Musik findet – und sei es Radiomusik. Später vertritt er jedoch die im Wortsinn avantgardistische Auffassung, dass die (jetzt untröstliche) Kunst „zu weit gehen“ müsse, „um herauszufinden, wie weit sie gehen darf, wie weit die ihr gelassene Freiheitsleine reicht“.

Bölls Poetologie, die sich im Hörspiel mit Ausschnitten aus seinen Frankfurter Vorlesungen aus dem Jahr 1964 wiederfindet, besteht in einer etymologischen Herleitung des griechischen Wortstamms „poeo“ und seiner Ableitungen „poeomei“, „poein“, „poem“ und schließlich „poeteis“, was „Täter und Vollbringer des Wortes“ bedeute, so Böll. Der Schriftsteller denkt explizit Tätigkeit und Täterschaft zusammen und ruft dafür als Kronzeugen den vorausdenkenden Prometheus auf, der „nicht das Feuer vom Himmel geholt [hat], nur damit die Wurstbratereien ihre Geschäfte machen können; er hat es geholt, auf dass die Erde brenne.“

Vielleicht sollte man die Metapher von der brennenden Erde nicht so wörtlich nehmen. Denn Kernbestandteil von Bölls Poetik ist die Anerkennung des von der Kunst „erst geordneten und geformten (was gleichbedeutend ist mit: erst in Unordnung gebrachten und reformierten) Materials“ als Kunst. Deren Einhegung – Böll nennt sie „das Formieren in die Marschordnungen der Marktwirtschaft hinein“ – übernimmt dann sowieso alsbald die Gesellschaft oder der Staat. Böll ist da begrifflich etwas unscharf, ihm gilt das eine für das andere.

Auf seinem eigenen Gebiet argumentiert Böll das differenzierter. Für ihn sind es drei Eigenschaften, die die Poesie ausmachen: Sie ist frei, geordnet und untröstlich. „Trostlos“, so Böll, „ist sie nie, aber immer untröstlich – das ist auch nur eins der unzähligen Synonyme für Poesie.“ Hier treffen sich die Vorstellungen von Heinrich Böll und Helmut Oehring. Letzterer hatte schon in seinem Vorgängerstück „Mit anderen Augen“ auch den untröstlichen „Engel aus Eisen“ von Thomas Brasch zitiert, der „aus einem Untrost heraus“ zu weit geht. Was bleibt, ist die Musik. Oder, genauer gesagt, die akustisch in ihre Konsonanten zerhackte „M s k“.

Für sein neues Hörspiel hat Helmut Oehring verschiedene O-Töne des Schriftstellers und späteren Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll mit der Schauspielerin Dagmar Manzel, dem Schauspieler Hannes Hellmann und seinen Kindern Mia und Joscha Oehring verdoppelt und überlagert. Chorische und solistische Passagen sind um die Texte gruppiert, die Oehring in seine Hände genommen und für sein Werk neu justiert und in Stellung gebracht hat. Auch wenn sonst umgekehrt auf die Kunst gezielt wird: „Wenn sie zu weit geht, dann merkt sie’s schon: Es wird auf sie geschossen“, sagt Böll und schließt mit dem Satz: „Ein guter Poet, das steht nicht im Lexikon, hat immer einen Stein in der Tasche.“ Bölls Kunstauffassung, die aus seiner Rede zur Eröffnung des Wuppertaler Schauspielhauses 1966 spricht, speist sich – ebenso wie die Oehrings – aus dem Geist der Gegenwehr. Im Jahr 2013 wurde das Schauspielhaus Wuppertal geschlossen.

03.12.2018 – Jochen Meißner/MK