Max Frisch: Homo faber. 6-teiliges Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman, Funkbearbeitung: Heinz Sommer (HR 2 Kultur)

Virtuose des Understatements

17.11.2018 •

17.11.2018 • Leben ist Unterwegssein. Die alte Vorstellung der Lebensreise drängt sich auch bei Walter Fabers modernem Alltag auf. Der Züricher Ingenieur ist weltweit unterwegs, meist beruflich als Experte für Entwicklungshilfe der Unesco. So führt Max Frischs Erfolgsroman von 1957 den Titelhelden in einer einschlägigen Lieblingssituation ein, beim Start eines Flugs, diesmal von New York nach Guatemala. Die neue Hörversion des Romans (Funkbearbeitung: Heinz Sommer) spielt den Smalltalk der einsteigenden Passagiere über die Vorlage hinaus als Muster vielsprachiger Mobilität aus. Das gibt dieser Eingangsszene angemessenen Nachdruck.

Dabei zeigt sich zugleich die Doppelfunktion dieser Szene. Denn einerseits beginnt so locker das um internationale Flug- und Schiffsrouten erweiterte Roadmovie, das den Roman durchzieht. Andererseits bahnt sich hier in Fabers Begegnung mit seinem deutschen Sitznachbarn in der „Super Constellation“ eine strenge Enthüllungshandlung an, die Fabers verdrängter Vergangenheit gilt und folgenreich auf eine Tragödie zuläuft. So lässig wie kühn verbindet Frisch in seinem Text damit zwei disparate Erzählformen. Leonhard Koppelmann stellt das heraus, indem er in seiner souveränen Inszenierung Reiserouten und Erinnerungslinien jeweils klar konturiert und doch verschränkt. Er schafft dies mit vielseitigen akustischen Mitteln, durch kluge Montage von Text und Sound, mit der Komposition von Jörg Achim Keller, in der die HR- Bigband oft Jazz der 1950er Jahre variiert, und natürlich dominant mit prägnanten Stimmen.

In Frischs gesamtem Roman ist Faber auch der Ich-Erzähler, in der akustischen Inszenierung spricht diesen Part Matthias Brandt als Faber nur streckenweise, besonders mit Tagebuchaufzeichnungen und inneren Monologen, die Stimmungsbilder, Reflexionen und Bekenntnisse vereinen. Es steigert die Transparenz der Hörspielversion, dass sie den Teil des Erzählerparts, der Übersicht gibt, der schweizerisch getönten, erfahrungsgesättigten Stimme Ueli Jäggis zuweist, die schon in Koppelmanns Hörcollage zu Frischs Erzählung „Montauk“ (SWR/SRF 2011) überzeugte. Zwischen Anteilnahme und Distanz kann der Hörer so – von der Notlandung des Flugzeugs in der Sierra Madre Oriental an – Fabers Abenteuer, Glücksmomente und Schrecken verfolgen, ja, mehr noch, dessen zentrale eigene Zerrissenheit und Selbstentfremdung, aus der er chronisch in Sachlichkeit flieht.

Sind die Wechselfälle auf Fabers Wegen Zufall oder Fügung? Jedenfalls stellt sich ausgerechnet Fabers Flugbekannter nach der Notlandung in der Wüste als Bruder seines Studienfreunds Joachim heraus, der ihm Hinweise zu Ereignissen in Zürich gibt, die 1936 nach Fabers Berufsstart in Bagdad stattfanden. Entsetzt über Fabers lieblose Reaktion auf ihre Schwangerschaft hatte sich damals Fabers Geliebte Hanna (Eva Mattes) von ihm getrennt, und dies, obwohl die Schweizer Ehe ihr als Jüdin 1936 das Überleben gesichert hätte. Unklar ist, ob sie danach die Schwangerschaft abrechen ließ. Jedenfalls heiratete Hanna dann Joachim und die beiden zogen wohl auch gemeinsam ein Kind auf, ehe sie sich trennten. Doch beim Besuch auf Joachims mittelamerikanischer Tabakplantage erlebt Faber statt Aufklärung ein weiteres Rätsel: Joachims Selbstmord. Der technikfixierte, fortschrittsgläubige Faber, der bislang den Tod ausklammerte, ist schockiert und erzählt davon im Hörspiel wiederholt.

Auf Fabers Rückreise nimmt die Tragödie Fahrt auf. Faber begegnet auf dem Schiff von New York nach Le Havre der Studentin Sabeth, in deren Rolle hier Paula Beer glänzt, frisch, eigenwillig und immer wieder überraschend. Ohne dass Sabeth es ahnt und ohne dass der bald in sie verliebte Faber es noch wissen will – sie ist seine und Hannas Tochter. Doch im Verlauf der Reise deuten darauf dann und wann Indizien und Erzählerhinweise, die den Hörer beunruhigen. Atemberaubend spielt das Hörspiel das Paradox aus, dass Faber, den Mann routinierter Affären, ausgerechnet unter falschem Vorzeichen eine wirkliche Liebe ergreift.

Um die zwanzigjährige Sabeth vor den Gefahren des Trampens zu bewahren, unternimmt er mit ihr die Fahrt durch Südfrankreich und Italien, schließlich auch nach Griechenland, wo ihre Mutter in Athen als Archäologin arbeitet. Auch wenn ihn Sabeths Besichtigungseifer von Paris bis Nîmes, von Assisi bis Rom manchmal strapaziert, stecken ihn unterwegs ihre Kunstbegeisterung und ihr Staunen über schöne Aussichten doch auch an und öffnen ihm Blickweisen auf die Welt, die er vorher nie kannte. Komplementär dazu lauscht die junge Enthusiastin seinen naturwissenschaftlichen Erklärungen, beispielsweise bei der Mondfinsternis in Avignon.

Ohne je in Melodramatik abzurutschen, inszeniert Leonhard Koppelmann das Finale mit Lakonie und eindringlicher Klarheit. Dem Höhepunkt, einer wundersamen Nachtwanderung bei Korinth, folgt der Fall. So mythosnah wie real ereilt die Schlange die beiden im Paradies. Sabeth wird von einer Viper gebissen und stürzt vor Schrecken auf den Hinterkopf. Beinahe wird sie in der Athener Klinik gerettet, Injektionen heilen ihre Vergiftung, doch stirbt sie am Schädelbruch. Wortkarg bekennt Hanna die Vaterschaft Fabers, er gesteht das Liebesverhältnis. Zu hören ist, wie zwei Arten zu leiden, die Tragödie krönen. Das Roadmovie geht noch kurz weiter. Im Schnelldurchgang reist Faber zurück an frühere Einsatzorte, um seinen Beruf abzuwickeln. Dann führt sein letzter Flug nach Athen. Dort in der Klinik wird sein Magenkrebs behandelt. Hanna besucht ihn täglich: „Hanna ist mein Freund“, schreibt er ins Tagebuch. Damit ist er am Ziel seiner Lebensreise angelangt.

Das besondere Erlebnis der Inszenierung wird Matthias Brandt. Er bringt zunächst den Technikexperten und routiniert flirtenden Faber nahe, der zwar dem Misslingen seiner großen Jugendliebe zu Hanna auf die Spur, aber sich selbst nur zögernd auf die Schliche kommt. Schillernd lebt er auf als moderner Ödipus zwischen Wunschdenken und Verblendung, ehe er scheiternd zu spät seine Irrtümer revidiert. Brandt entwickelt diese tragende Rolle, ihre Fallhöhe und ihre Wandlungen herb und nachdenklich, ja, er schafft es sogar, Fabers späte Einsichten in Tod und Leben trocken zu vermitteln – ein Virtuose des Understatements.

„Homo faber“ wurde mit dieser Produktion des Hessischen Rundfunks erstmals als Hörspiel eingerichtet. Die Erstausstrahlung der sechsteiligen Hörversion war dieses Jahr zu Pfingsten (19., 20., 21. Mai) im Programm HR 2 Kultur erfolgt; gesendet wurde an den drei Tagen jeweils ein Teil von 14.04 bis 14.57 Uhr und von 18.04 bis 18.57 Uhr. Jetzt wiederholte HR 2 Kultur das äußerst hörenswerte Stück am 30. September sowie 3. und 10. Oktober jeweils ab 14.04 Uhr in drei fortlaufenden Teilen von jeweils 106 Minuten Länge.

17.11.2018 – Eva-Maria Lenz/MK