Ruth Toma/Matti Geschonneck: Der verlorene Bruder (ARD/WDR/MDR/BR/Degeto)

Alltagsgeschichte im Nachkriegsdeutschland

10.12.2015 •

In dem Fernsehfilm „Der verlorene Bruder“ geht es um die Angst eines Kindes, von seinen Eltern nicht beachtet und weniger geliebt zu werden als das ältere Geschwisterkind. Das ist ein geradezu klassisches Thema des Familienfilms, hier jedoch auf die besondere Situation bezogen, dass dieser ältere Bruder gar nicht anwesend ist. Es geht um traumatische Folgen der Flucht aus dem Osten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als Elisabeth und Ludwig Blaschke (Katharina Lorenz, Charly Hübner) ihren 14 Monate alten Jungen Arnold verloren.

Noch mehr als zehn Jahre danach sind die Eltern auf der Suche; sie hoffen, dass ein in einem Waisenhaus aufgewachsenes Flüchtlingskind der vermisste Sohn sein könnte. Ihre Gedanken kreisen immer wieder um ihn. Die Geschichte wird aus der Perspektive des nachgeborenen 13-jährigen Sohnes Max (Noah Kraus) erzählt, der darunter leidet, dass sein großer Bruder, der gar nicht bei der Familie ist, für die Eltern wichtiger zu sein scheint als er. Das Drehbuch zu dem Anfang der 1960er Jahre in der deutschen Provinz spielenden Film hat Ruth Toma nach Hans-Ulrich Treichels Romanvorlage „Der Verlorene“ verfasst, Matti Geschonneck hat Regie geführt (Produktion: Claussen+Putz).

Trotz dieser Erzählperspektive ist „Der verlorene Bruder“ nicht vorrangig ein Kinderfilm, wenn er auch einige Elemente dieses Genres enthält. So spielen beispielsweise die reichlich kindlichen Streiche von Max, die verhindern sollen, dass demnächst tatsächlich ein älterer Bruder bei ihnen einzieht, eine wichtige Rolle. Auch die Szenen mit seiner Schulkameradin Milli (Flora Li Thiemann), auf deren kleinere Geschwister Max aufpassen soll, haben mit der eigentlichen Filmthematik wenig zu tun, sind aber voller Situationskomik und machen so den Stoff gerade für die Zielgruppe der älteren Kinder in einem guten Sinne leichter.

Im Kern jedoch erweist sich der Film als eine penible Studie über die Nachkriegszeit, bei der nicht nur die äußere Kulisse stimmt, sondern auch das Denken und Tun der handelnden Personen sehr genau dem damaligen Zeitgeist entsprechen. Da passen nicht nur die im Film verwendeten Auto- und Fernsehmarken, sondern auch die Moralvorstellungen und Musikwünsche der Handelnden geben gut den Geist der Zeit um 1960 wieder. Da die Filmhandlung in einer ländlichen Umgebung angesiedelt ist, wirkt alles sehr überschaubar und wenig komplex. So ist „Der verlorene Bruder“ ein gelungener Familienfilm, der zugleich auch ein historisch angelegter Film ist, der Alltagsgeschichte im Nachkriegsdeutschland thematisiert.

Nicht nur die Eltern treiben mit ihrer Suche nach dem verlorenen Sohn die Handlung voran, sondern auch Max tut dies mit seinen Aktionen nebst seinen Gedankengängen, die die Filmhandlung permanent als Voice-over aus dem Off begleiten. Diese Erzählperspektive macht das Familientrauma kleiner und größer zugleich: kleiner, weil das Kind Max das Unglück noch nicht in vollem Umfang begreifen kann, größer, weil sichtbar und hörbar wird, wie sehr ihn diese Situation überfordert und wie wenig seine Umgebung wahrnimmt, dass er darunter leidet. Noah Kraus verkörpert diese Mischung aus Kindlichkeit und Ernst bei Max hervorragend.

Beeindruckend ist auch Charly Hübner in der Rolle des Vaters Ludwig, diese typische 50er/60er-Jahre-Vaterrolle, wo väterlicher Autoritätsanspruch mit der Unbeholfenheit einhergeht, wie man eigentlich mit Kindern umzugehen habe. So wie Vater Blaschke seine Augenbrauen bedeutsam zusammenzieht und streng blickt, wirkt er borniert-starrköpfig und gutmütig-nachdenklich zugleich. Dem Männerbild der Zeit entsprechend versucht er stets die Vernunft zu bewahren und den Emotionen nicht Oberhand zu geben.

Dennoch – oder gerade deswegen? – wird Ludwig zum Opfer, indem er früh und offensichtlich stressbedingt an einem Herzinfarkt stirbt. Die ‘schwachen’ Frauen hingegen erweisen sich hier als die eigentlich starken Personen: Mutter Elisabeth, hochempfindsam und eher von ängstlicher Natur, und Tante und Schwägerin Josepha (Johanna Gastdorf), die bissig und bibelfest (ein wenig überzogen dargestellt) Angriff für die beste Verteidigung hält. Diese beiden meistern dann auch die Zukunft: Sie retten das Geschäft und schaffen Seelen­frieden, indem sie zwar nicht den verlorenen Jungen finden, aber dennoch einen Schlussstrich zu ziehen vermögen. So schildert der Film mit viel Lokal- und Zeitkolorit ein Familientrauma, aus der Perspektive eines Kindes. Die Vergangenheit ist hier immer gegenwärtig, obwohl der Film (5,77 Mio Zuschauer, Marktanteil: 18,7 Prozent) keine Rückblenden kennt und das gegenwärtige Geschehen sehr konventionell chronologisch erzählt wird. Vieles bleibt ungesagt und wird dennoch vom Zuschauer verstanden, nicht zuletzt durch die ruhige Erzählweise des Films, die beispielsweise der Kamera immer viel Zeit gibt, um Blickkontakte zwischen den am Geschehen Beteiligten abzubilden.

10.12.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK