Raid Sabbah/Ipek Zübert/Andreas Dirr/Randa Chahoud: Bruder – Schwarze Macht. 4-teilige Dramaserie (ZDFneo)

Wie eine junge Seele verlorengeht

21.11.2017 •

Die Serie „Bruder – Schwarze Macht“ beginnt aufregend. Eine junge Frau dringt mit vorgehaltener Waffe in eine Moschee ein und verlangt aufgewühlt nach ihrem Bruder. Aktion und Dramatik, der Aufmerksamkeitswert ist hoch. Doch die Szene, nach der die Erzählung in einer langen Rückblende erst einmal um hundert Tage zurückgesetzt wird, führt auch in die Irre. „Bruder – Schwarze Macht“ (Aspekt Medienproduktion) ist sehr viel mehr Drama- denn Thrillerserie. Fesselnd ist sie sehr wohl; sie erzielt aber die emotionale Bindung des Zuschauers nicht mit den hochfrequenten Reizen des Actionkinos, sondern vor allem anderen vermöge einer präzisen Gestaltung authentischer Figuren. Sodann über eine sorgfältige Milieuzeichnung und über Anknüpfungspunkte, die die Erzählung mit der Erlebniswelt vieler Zuschauer verbinden.

Modern – zumindest für deutsche Verhältnisse – ist die Serie darin, dass sie beinahe durchweg ambivalente Figuren präsentiert. Im Mittelpunkt steht die deutsch-türkische Streifenpolizistin Sibel Reents (Sibel Kekilli). Als Ehefrau eines deutschen Gatten (Bjarne Mädel) und Mutter einer kleinen Tochter ist sie zärtlich und liebevoll, ansonsten aber eher streng, pflichtbewusst und bestimmend. Das ist psychologisch stimmig, denn Sibel Reents bewegte sich Zeit ihres Lebens im Gegenwind. Geschlecht, Herkunft und kulturelles Milieu haben es ihr schwerer gemacht als anderen. Sie musste kämpfen, um sich in ihrer Umwelt zu behaupten. Sie erlebt es noch immer, nicht zuletzt in Form sexistischer und rassistischer Bemerkungen unter Kollegen und beim Dienst in ihrem Einsatzgebiet in Hamburg-Wilhelmsburg.

Auch Sibels 21-jähriger Bruder Melih (Yasin Boynuince) erfährt Benachteiligung, wenn er beispielsweise vom Türsteher eines Clubs abgewiesen wird. Dabei verbindet ihn wie Sibel nur noch wenig mit der Türkei und der islamischen Religion. Melih ist ein begabter Informatiker, der jedoch lieber in freundschaftlicher Atmosphäre an der Seite seines deutschen Kumpels Tobi (Rouven Israel) in einem zwielichtigen Handy-Laden jobbt als zu studieren.

Seine Schwester Sibel macht aus ihrer Missbilligung seines Tuns keinen Hehl. Die beiden Geschwister sind ohne Vater aufgewachsen, Sibel sieht sich als die Ältere in der Pflicht, sich um den Bruder zu kümmern. Fatalerweise ist es ihr korrektes Verhalten, das eine Kette tragischer Ereignisse in Gang setzt. Sie macht bei ihrem Vorgesetzten Meldung, als ihr Kollege André (Friedrich Mücke) in einem mutmaßlichen Fall häuslicher Gewalt den Täter verprügelt. André rächt sich, indem er Melih auf der Straße aufgreift, ihn schikaniert und ihn wegen einer Tätlichkeit anzeigt, die der junge Mann nicht begangen hat. In der folgenden Gerichtsverhandlung tritt Sibel für Melih ein. Der Richter setzt die Strafe zur Bewährung aus, unter der Auflage, dass Melih bei den Reents einzieht und Sibel die Verantwortung für ihn übernimmt.

Melihs Freund Tobi, ein dicklicher Außenseiter, der von einer Freundin träumt, hat unterdessen den Salafisten Baris (Tim Seyfi) kennengelernt, der ihn mit Propagandavideos und islamistischem Rap versorgt und im Weiteren mit dem radikalen Prediger Abu Nour (Lennart Lemster) bekannt macht. Anfangs belächelt Melih die Entwicklung des Freundes, der plötzlich beginnt, traditionelle arabische Kleidung zu tragen. Aber unter dem Eindruck der erlittenen Demütigungen und dem Verlust des von der Polizei geschlossenen Handy-Ladens als Lebensmittelpunkt nähert sich auch Melih den Salafisten an. Sein Schwager Kurt erkennt die ersten Anzeichen und äußert seine Sorge. Sibel tut sie als islamfeindliche Vorurteile ab. Bis auch sie nicht mehr ignorieren kann, dass Melih und Tobi in die Terrorszene abgerutscht sind. Der Verfassungsschutz beobachtet die beiden und möchte Melih als Informanten gewinnen. Doch dafür ist es längst zu spät. Melih ist abgetaucht und will neben Tobi im Nahen Osten für das Kalifat kämpfen. Die Anführer haben indes für Tobi und Melih eine andere Aufgabe vorgesehen. Sie sollen sich während der Abendvorstellung eines Hamburger Kinos in die Luft sprengen.

Die ursprüngliche Idee zu der Geschichte stammt von dem Palästina-stämmigen Autor Raid Sabbah. Handlung und Figuren wurden gemeinschaftlich mit Ipek Zübert und Andreas Dirr ausgearbeitet. Sabbah schrieb zwei der vier Episodenskripte, die anderen Beteiligten jeweils eines. Als Fachberater standen der aus Israel stammende Psychologe und Autor Ahmad Mansour, auch Sprecher des Muslimischen Forums Deutschland, sowie der Islamwissenschaftler und Journalist Christoph Reuter zur Verfügung. Regie führte bei allen vier Folgen Randa Chahoud, die sich selbst als Halbsyrerin bezeichnet.

Die federführende Beteiligung von Fernsehschaffenden, die mit ihren Figuren einen zumindest entfernt verwandten Erfahrungshorizont teilen, kommt der Serie erkennbar zugute. Der Islam wird hier nicht in Hollywood-Manier auf die rein dramaturgische Funktion einer abstrakten Bedrohung reduziert und nicht ausschließlich von verblendeten Fanatikern personifiziert. Die eigentliche, von der Mehrzahl der in Deutschland lebenden 4,5 Millionen Muslime täglich praktizierte islamische Religion spricht vielmehr aus der Figur eines verständnisvollen Imams der muslimischen Gemeinde, der um Aufklärung bemüht ist und in einer Szene die eigentliche Bedeutung des Wortes „Dschihad“ erklärt, das heutzutage in der Regel benutzt wird als Synonym für den sogenannten ‘Heiligen Krieg der Muslime zur Ausbreitung des Islams’. Das Wort „Dschihad“, erläutert der Imam, stehe vom Ursprung her für Arbeit an sich selbst, im ständigen Bestreben, ein besserer Mensch zu werden. Der Schriftgelehrte predigt Demut, nicht Hochmut.

Doch genau darin, in der Selbsterhebung, liegt die Macht der Verführer. Abgefeimte Menschenjäger jeglicher Couleur wissen, wie sie Jugendliche, denen es an Orientierung oder festen Strukturen mangelt, zu fassen bekommen und sie ihren Zielen unterwerfen können. Die Autoren der Serie zeigen es am Beispiel des frustrierten Tobi. Zweifel werden geweckt, das Gefühl vermeintlicher Unterdrückung wird bestärkt, der Verfolgungswahn entzündet. Es folgt die Abhärtung der Gefühle und das Schüren von Hass und Wut. Und natürlich wird Abhilfe in Aussicht gestellt, die Möglichkeit, Macht auszuüben, Rache zu nehmen. Auch Melih springt darauf an. „High wie auf Droge“ fühlt er sich, nachdem er eine erste Mutprobe absolviert hat. Von dort ist es nicht mehr weit zu den Wehrsportübungen mit scharfen Waffen. Ähnlich wird es auch bei rechten Gruppen praktiziert.

Nicht die aktionsreichen Szenen liefern dieser ZDFneo-Serie die Spannung, sondern die dialogischen – das verzweifelte Ringen um eine mählich abdriftende, bald unwiederbringlich verlorene junge Seele. Ohne die Dinge zu beschönigen oder gar zu verharmlosen – das mutig gestaltete Ende ist finster –, wird dabei doch deutlich, dass die verführten Jugendlichen Opfer sind. So wie es vormals die Jünger der Moon-Sekte waren, viele Scientology-Anhänger, naive Neonazis, eben alle, die einer totalitären, das freie Denken unterdrückenden Ideologie erliegen.

Viel wurde in jüngster Zeit über Fernsehserien – vor allem solche US-amerikanischer Herkunft – geschrieben. Nicht immer sind die Kriterien nachvollziehbar, nach denen nicht wenige dieser Serien-Produktionen als besondere Spitzenleistungen bewertet werden. Da gibt es dann viel Applaus, aber wenig Argumente. „Bruder – Schwarze Macht“ mag in manchen Passagen überbetont wirken, doch diese Serie hat wirklich ihre Qualitäten. Ganz oben steht eine der wichtigsten: Die der Gegenwart entnommene, schmerzvolle Tragödie besitzt aktuelle Relevanz.

21.11.2017 – Harald Keller/MK