Katrin Bühlig/Daniel Nocke/Stefan Krohmer: Meine fremde Freundin (ARD/NDR)

Ein aufwühlender Film

25.11.2017 •

25.11.2017 • Scheinbar passend zur derzeit in den Medien unter dem „MeToo“-Label geführten Sexismus-Debatte veranstaltete die ARD am 8. November einen Themenabend über „Sexuelle Nötigung, Lügen und Vorurteile“. Er bestand – wie es im Ersten meistens der Fall ist – aus zwei Programmteilen: einem thematisch einschlägigen Fernsehfilm und einer sich anschließenden Talkrunde, in diesem Fall war es die Sendung „Maischberger“, die aus dem Anlass um 21.45 Uhr begann und damit eine Stunde früher als üblich.

Doch bei näherem Blick auf die im Fernsehfilm „Meine fremde Freundin“ erzählte Geschichte schien es hier eher um ein ‘Gegenprogramm’ zur „MeToo“-Debatte zu gehen, denn diese Geschichte erzählt gerade nicht von einer Frau als unschuldigem Opfer männlicher sexueller Nötigung. In dem Film geht es vielmehr um den von einer Frau erhobenen Vorwurf der Vergewaltigung, bei dem sich dann später herausstellt, dass er nicht stimmt. Sie ist nicht ein (Vergewaltigungs-)Opfer, sondern eine Täterin, die sich nur als Opfer sieht, denn sie entpuppt sich im Lauf der Handlung als zwang­hafte Lügnerin, die einen Unschuldigen hinter Gitter bringt.

Konzipiert und gedreht wurde der Film längst vor dieser zur Zeit aktuellen Sexismus-Debatte, die in der Filmbranche von Hollywood mit dem Fall Weinstein ihren Ausgang genommen hat. Den Stoff für die erzählte fiktive Geschichte – das Drehbuch schrieben Katrin Bühlig und Daniel Nocke – lieferte vielmehr der reale Fall des deutschen Lehrers Horst Arnold, der im Jahr 2002 wegen einer Vergewaltigung, die er nicht begangen hatte, rechtskräftig verurteilt, im Jahr 2011 aber im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde und 2012 im Alter von 53 Jahren plötzlich an Herzversagen starb. Es macht die Qualität des Films aus, dass er sehr sensibel mit dieser Thematik umgeht und daher – selbst in diesem durch die „MeToo“-Debatte aufgeheizten Meinungsklima – nicht auf inhaltliche Kritik stößt.

Die Filmgeschichte spielt vor realistischer Kulisse im Gesundheitsamt von Hannover. Der wenig glamouröse Hintergrund eines Behördenalltags kontrastiert mit der großen Fallhöhe des Geschehens, denn der Vorwurf der Vergewaltigung, den eine Kollegin gegenüber einem vorgesetzten Kollegen erhebt, ist für diesen vernichtend. Der Vorwurf trifft Volker Lehmann (Hannes Jaenicke), der unsympathisch und offen frauenfeindlich auftritt (also eigentlich wie geschaffen für die Rolle des ‘Bösewichts’ in einer „MeToo“-Kampagne wäre) und der dennoch, wie sich im Verlauf des Geschehens herausstellt, zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt wird. Die neue Kollegin Judith Lorenz (Ursula Strauss), die ihn deswegen angezeigt hat, erscheint hingegen zunächst als eine Sympathieträgerin, kompetent und glaubwürdig.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Andrea Bredow (Valerie Niehaus), der Freundin und Kollegin von Judith. Dieser Figur der Andrea kommt damit eine wichtige Rolle für den Verlauf des Konflikts zu. Durch ihr Verhalten und ihre Einschätzung der Vorkommnisse kommt die Handlung erst so richtig in Gang, aber sie ist es auch, die dafür sorgt, dass Judith später als Lügnerin entlarvt wird.

Es gelingt dem Film, den Wandel vom vermutlichen Vergewaltiger in ein Justizopfer und den des scheinbaren Vergewaltigungsopfers in die Rolle einer Täterin plausibel zu erzählen. Das ist dem schauspielerischen Können der beiden Hauptdarsteller geschuldet, aber auch der speziellen Dramaturgie des Films, bei dem Stefan Krohmer Regie führte. Er gibt streng chronologisch den Handlungsverlauf wieder, erzählt sehr realitätsnah vom Geschehen. Gerade auch bei der Schilderung der emotionalen Befindlichkeiten ist die Regie verhalten und nuanciert, so dass das Ganze fast unterkühlt wirkt: Der Film erzählt seine Geschichte episch-distanziert und nicht als intensives Gefühlsdrama.

Es gibt davon nur eine und dann wirklich große Ausnahme, nämlich die sehr emotionsreiche Szene, bei der Judith den verurteilten Volker Lehmann im Gefängnis besucht. Er wundert sich zunächst über diesen von Judith gewünschten Besuch, übergibt ihr dann einen Brief und fordert sie leidenschaftlich auf: „Sagen Sie endlich die Wahrheit!“ Daraufhin verliert sie die Nerven und verlässt fluchtartig den Raum. Diese Szene zeigt somit nicht nur große Gefühle und nimmt einen hochdramatischen Verlauf, sondern durchbricht auch als einzige die strenge Chronologie des Films, da sie bereits, bevor sie der Handlung gemäß an der Reihe ist, einmal zu sehen ist, nämlich im Titelvorspann.

Es ist eine Schlüsselszene: Erst wenn der Zuschauer sie zum zweiten Mal sieht, an der ‘richtigen’ Stelle im Handlungsverlauf etwa zwanzig Minuten vor Filmende, versteht er ihren Sinn vollständig. Kurz danach fallen Andrea zum ersten Mal Widersprüche auf, in die sich Judith mehr und mehr verstrickt hat, so dass sich nunmehr das Filmgeschehen zugunsten von Volker Lehmann wendet. Dennoch hat der sehenswerte und aufwühlende Film (5,37 Mio Zuschauer, Marktanteil: 17,2 Prozent) nicht so etwas wie ein Happy End, da der endlich Rehabilitierte – wie das reale Vorbild – kurz nach seiner Entlassung aus der Haft an Herzversagen stirbt.

25.11.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK