Treckerfahrer dürfen das! Die Champions: Wer holt den Titel beim Landpartiefest? Show mit Sven Tietzer (NDR Fernsehen)

Bizarres Paralleluniversum

06.06.2019 •

Welch ein nervenaufreibendes Wochenende für Fernsehzuschauer. Am Samstagnachmittag erst das hochspannende Fußball-Bundesliga-Finale, dann abends der Eurovision Song Contest und zur Krönung am Sonntag zur besten Sendezeit schließlich noch „Treckerfahrer dürfen das! Die Champions: Wer holt den Titel beim Landpartiefest?“, die Show im Dritten Programm NDR Fernsehen, in der, so der offizielle Ehrentitel, „der beste Treckerfahrer des Nordens“ ermittelt wurde.

Stammzuschauer des Nordsenders werden sich womöglich erinnert haben, dass diese Show gar nicht aus den aktuellen Leistungen aus der Kreativschmiede des NDR stammt, sondern es den Wettbewerb im Oktober vorigen Jahres schon einmal gab. Damals allerdings im Nachmittagsprogramm des Reformationstags, der 2018 in Norddeutschland ausnahmsweise auch Feiertag war. Nun fand man beim Norddeutschen Rundfunk die, im Neusprech, Challenge offenbar so packend, dass man sie am Sonntag zur Primetime unter anderem gegen den „Tatort“ im Ersten antreten ließ. Den Rahmen für die Party rund um den Treckertrubel bildete das zweitägige „Landpartiefest“, diesmal in Neustrelitz (Mecklenburg). Dabei handelt es sich um eine Art Volksfest, mit dem der Vier-Länder-Sender NDR alljährlich durch sein Sendegebiet tingelt. Dabei werde zu eigenen Werbezwecken viele Buden aufbaut, an denen sich dann Moderatoren von Hörfunk und Fernsehen blicken lassen, fleißig Autogramme geben und Luftballons, lustige Aufkleber und Kugelschreiber verteilen.

Zum Intro der Show sah man einen Mann mittleren Alters in Jeans und rosa Hemd auf einem betagten roten Traktor, wie er, eine Hand am Lenker, in der anderen ein Mikrofon, über das Areal tuckerte, wie ein Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff auf Stimmung machte und „viele witzige Spiele“ ankündigte. Für eingefleischte Fans des NDR Fernsehens war das natürlich nicht einfach irgendein Mann auf einem Schlepper, sondern Sven Tietzer auf Brunhilde. Denn die beiden sind seit Jahren veritable Stars des nördlichen Heimatfernsehens. Seit 2016 ist Tietzer, dessen Strubbelfrisur ihn ein wenig nach einem gemäßigten Rod-Steward-Double auf einer dörflichen Look-alike-Party aussehen lässt, mit seiner Brunhilde für das Fernsehen unterwegs. Seine Filme tragen Titel wie „Mit Brunhilde auf Hausbesuch“, „Brunhilde lernt das Tanzen“ oder „Mit Brunhilde an steilen Hängen und durchs tiefe Watt“.

Der Promi-Faktor bei der Suche nach dem besten Treckerfahrer Norddeutschlands war also schon durch den Starmoderator gesichert. Und wie lief das Ganze ab? Nun ja, im Prinzip so ähnlich wie „Schlag den Raab“, die einstige Pro-Sieben-Show. Nur vor allem langsamer und wesentlich preiswerter. Mit Jan Neumann, beim NDR sonst eher für den Regionalsport zuständig, hatte man auch einen Off-Kommentator an Bord, der wie weiland Frank Buschmann bei Raab für ironische Zwischentöne sorgen sollte. Neumann sagte dann zwischendurch Dinge wie „Gänsehautmoment“ oder er titulierte Tietzer als „weltbesten Treckermoderator“. Was irgendwie lustig gemeint war.

Doch während sich Tietzer 2018 mit Brunhilde noch selbst ins Traktors-League-Rennen geworfen hatte, beschränkte er sich diesmal auf die Rolle des unbändig lustigen Moderators. Als Kandidaten gingen vier Jungbauern aus den Bundesländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg an den Start. Jedes der vier NDR-Sendeländer war also vertreten. Und evident war auch: Treckerfahren ist beim NDR Männersache, Emanzipation hin oder her. Die Kandidaten hatte man praktischerweise in verschiedenfarbige T-Shirts gesteckt und das wusste man auch noch messerscharf zu begründen. Beispielsweise so: „Niedersachsen, das Land mit viel Weideflächen und Acker, das muss grün sein!“ Und so war das Leibchen von Thore denn auch grün. Für die Einspieler zwischendurch, mit denen die Wettstreiter im Lauf der Sendung vorgestellt wurden, hatte man ihnen offenbar gesagt, dass es unbedingt gut komme, wenn sie mit gekreuzten Armen vor ihren privaten Schleppern posieren und tiefschürfende Sätze wie diesen aufsagen würden: „Ich fahre gern Trecker, weil es mir Spaß macht.“

Und die angekündigten „witzigen Spiele“ verliefen entsprechend originell. Die Herausforderungen an die Kandidaten – also die Treckerfahrer, die das dürfen – trugen Titel wie „Enten-Angeln“, „Treckerkegeln“, „Trecker auf Schienen“ oder „Treckerblitzer“. Nach jeder Runde wurde von einem dubiosen Schiedsrichter in gelber Warnweste eine Punkteverteilung durchgegeben, die sich offensichtlich weder den Kandidaten, noch dem Moderator, geschweige denn den Zuschauern erschloss. Auch nicht denen am Bildschirm und schon gar nicht den Interessierten vor Ort, die hinter großräumig platzierten Absperrgittern ohnehin kaum mitbekamen, was da gerade vermeintlich Sensationelles passierte. Ihnen zum Trost: Sie haben nichts verpasst. Was Moderator Sven Tietzer freilich nicht davon abhielt, das weitgehend regungslos verharrende Volk vor Ort mit „Ihr seid ein tolles Publikum!“ zu preisen.

Unter dem Strich: Die 90-minütige (aufgezeichnete) Show offenbarte ein im Netflix-Zeitalter geradezu bizarres Paralleluniversum, das Heimatfernsehen als bemerkenswert döselige beitragsfinanzierte Angelegenheit erscheinen ließ. Den Champion-Titel beim diesjährigen „Landpartiefest“ gewann übrigens unser Thore aus Niedersachsen. Als Pokal erhielt er ein dickes Brett mit einem Treckermotiv, um das die Wappen der vier NDR-Staatsvertragsländer (Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern) gruppiert waren.

06.06.2019 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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