Andreas Schmidt: Exodus. Die unglaubliche Reise von 4500 Holocaust-Überlebenden (NDR Fernsehen)

Beschämende Vorgänge

21.10.2017 •

Die Natur hat den Schandfleck mittlerweile gnädig mit Waldpflanzen bedeckt. Vor 70 Jahren gab es an dieser Stelle im Waldhusener Forst bei Lübeck ein Zwangslager. Umzäunt, mit Wachtürmen und bewaffneten Aufsehern. Eingepfercht waren dort europäische Juden, die den Holocaust überlebt hatten. Interniert wurden sie von britischen Soldaten. Die Weltöffentlichkeit war empört. Großbritannien war primär zuständig, weil Schleswig-Holstein damals, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, noch Teil der britischen Besatzungszone Deutschlands war.

Wie es zu den skandalösen Vorgängen kommen konnte und welche weltpolitischen Folgen sich daraus ergaben, schildert Andreas Schmidt in seiner im Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlten Dokumentarfilm „Exodus“ in teils non-linearer Dramaturgie. Obwohl in einem – von der Realität allerdings massiv abweichenden – Weltbestseller nachlesbar, dem Roman „Exodus“ von Leon Uris, der 1960 von Otto Preminger mit Starbesetzung verfilmt wurde, scheint das Geschehen bezüglich des Lagers im Waldhusener Forst gerade in Deutschland kaum noch präsent.

Im Jahr 1947 strebten heimatlos gewordene Juden aus ganz Europa Richtung Südfrankreich, von sie nach Palästina übersetzen wollten. Die dortige Mandatsmacht Großbritannien hatte die Gründung eines jüdischen Staats versprochen. Nach einem Regierungswechsel jedoch änderte sich die britische Politik, nachdem Vertreter Arabiens vehementen Einspruch erhoben hatten. Die Briten fürchteten ein Einfallen des Kommunismus, wenn sie ihre arabischen Partner in der Region düpierten. Trotzdem zog es weiterhin Juden nach Palästina, ins „Gelobte Land“. Der Film schildert beispielhaft den Ankauf eines kaum seetauglichen ehemaligen Vergnügungsdampfers mit Namen „President Warfield“ durch eine amerikanisch-jüdische Organisation. Freiwillige, teils ohne nautische Erfahrung, heuerten an und brachten das Schiff nach Europa, wo es umgebaut wurde, um danach so vielen Flüchtlingen wie möglich Platz zu bieten.

Es ergab sich eine vor dem Hintergrund heutiger Zustände kuriose Situation: Flüchtlinge legten an Europas Gestaden ab, um in den Nahen Osten zu gelangen. Britische Militärschiffe kreuzten auf dem Mittelmeer, um sie daran zu hindern. Sie brachten die „President Warfield“ auf, die 4500 Flüchtlinge an Bord hatte und inzwischen in „Exodus 1947“ umgetauft worden war. Das Schiff wurde von den Briten zunächst bis Haifa eskortiert; von dort wurden die Flüchtlinge dann zurück nach Europa und in das Lager im Waldhusener Forst befördert, weil es angeblich sonst nirgendwo Platz für die heimatlosen Juden gab.

Schon in Haifa waren Bildmedien zugegen gewesen und zufällig war gleichzeitig auch eine Kommission der Vereinten Nationen vor Ort. Von Lübeck aus gingen ebenfalls Bilder um die Welt, die menschenunwürdig untergebrachte ausgemergelte Flüchtlinge zeigten. Die Weltöffentlichkeit reagierte, Großbritannien sah sich an den Pranger gestellt. Die beschämenden Vorgänge hatten weitreichende Folgen: Als in der UNO über die Gründung des Staates Israel abgestimmt wurde, neigte sich die Waagschale zugunsten der Juden.

Filmautor Andreas Schmidt gelang es, für seinen Film, eine NDR-Eigenproduktion, noch lebende Zeitzeugen vor die Kamera zu bitten: Passagiere der „Exodus 1947“, jüdische Widerstandskämpfer, und einen britischen Marinesoldaten, der am Vorgehen gegen die „Exodus 1947“ beteiligt war und bis ins hohe Alter von Gewissensbissen geplagt wurde. Aus persönlichen Erinnerungen, die auch bittere Erfahrungen in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen umfassen, und der trefflich montierten Kombination mit dokumentarischem Foto- und Filmmaterial und heutigen Aufnahmen der damaligen Schauplätze entsteht ein plastisches Bild der Vorgänge.

Auch abstrakte Inhalte wie die politischen Hintergründe des Geschehens werden in der 45-minütigen Dokumentation verständlich vermittelt. Die musikalische Untermalung ist dezent, die Erzählhaltung nüchtern und doch wird angemessen deutlich, dass erlittenes Unrecht lebenslang nachwirkt. „Ich möchte vergessen“, sagt im Film die betagte Henia Marcus, deren Verwandte in Auschwitz ermordet wurden: „Ich möchte wiedergeboren werden und ein normales Leben beginnen.“

Ein Gedanke am Rande: Hier bietet sich ein substanzielles Thema für fiktionales Fernsehen, bedeutsamer und notwendiger als viele der derzeit beliebten leichtgewichtigen, nostalgiesatten Nichtigkeiten.

21.10.2017 – Harald Keller/MK