Shapira Shapira. 8-teilige Comedy-Showreihe mit Shahak Shapira (ZDFneo)

Psycho

22.05.2019 •

Oh Gott, sie hat „Komiker“ gesagt. Nadine Bilke war es, die Senderchefin von ZDFneo. In der Presseankündigung zu „Shapira Shapira“, der neuen Comedy-Show zur Late Night im öffentlich-rechtlichen Spartenkanal, lässt sich Bilke mit dem Satz zitieren, man habe mit Shahak Shapira „einen der derzeit spannendsten Komiker und Künstler“ zu ZDFneo geholt. Abgesehen davon, dass über den Superlativ „spannendste“ noch zu reden sein wird: Die Berufsbezeichnung „Komiker“ geht natürlich gar nicht, seit in der Woche vor Ostern Shapiras Berufskollegin Enissa Amani auf der Bühne einer von Pro Sieben übertragenen Preisverleihung sich und allen anderen ihrer Zunft verbat, jemals wieder als „Komikerin“ tituliert zu werden. „Comedian“ oder „Stand-uppa“, das, liebes Feuilleton, sei die korrekte Ansprache. Und sollte sie noch einmal dieses Unwort „Komiker“ vernehmen, drohte Amani schnappatmend, sie würde umgehend nach Nicaragua auswandern und Papayas züchten.

Wie sich der als „Komiker“ Gelobte zu dieser Wortklauberei verhält? (Einer Wortklauberei, die sich übrigens im Nachgang zu einer Explosion auf Twitter auswuchs, nachzulesen unter den Hashtags #Komikerin, #EnissaAmani, #AnjaRützel; Rützel schrieb zu der besagten Preisverleihung bei „Spiegel Online“ eine Kritik, von der sich Amani beleidigt fühlte, woraufhin sie auf ihren Social-Media-Kanälen ihre nicht wenigen Follower gegen Rützel in Stellung brachte.) Shapira Shapira bezeichnet sich in seinen diversen Social-Media-Kanälen selbst als „comedian and artist“. Von Auswanderungsabsichten nach Mittelamerika ist seinerseits indes nichts bekannt. Und das, obwohl Shapira gleichermaßen wie Amani Repräsentant einer neuen Unterhaltungskünstlergeneration ist, die das klassische Comedy-Establishment aufmischt, weil ihr Ton roh und böse ist. Weil sie mit Worten fast so gut rappt wie ihre Vorbilder in der amerikanischen Stand-up-Szene. Weil sie das Stilmittel der Beleidigung pflegt, ob die des Gegners in speziellen Battles oder in Form der Publikumsbeschimpfung. Und nicht zuletzt deshalb, weil sie den eigenen Migrationshintergrund selbstbewusst als Projektionsfläche für Pointen und Punchlines nutzt.

Shahak Shapira wurde vor 31 Jahren im Westjordanland als Nachfahre von Auschwitz-Überlebenden geboren. Mit 14 zog er nach Sachsen-Anhalt um. 2015 wurde er in der Berliner U-Bahn von Antisemiten verprügelt. Die Geschichte des damals unbekannten Israeli ging durch die Medien. Er, der bis dato kreativ in der Werbebranche war, schrieb daraufhin ein Buch über seine Erfahrungen als Jude in Deutschland und twitterte sich mit provozierenden, aber oft klugen Gedanken über Gott, die Welt und Boris Palmer zur Berühmtheit mit mittlerweile 154.000 Followern. Nebenbei übte sich Shapira als Comedian auf Offenen Bühnen. Da lag der Schritt zur ersten eigenen Fernsehshow letztlich nahe.

In „Shapira Shapira“ bleibt sich Shapira nun seinem Lebensthema treu. Ob im Stand-up auf der schummrig-intimen Bühne der CBC Studios in Berlin-Mitte (dort wird „Shapira Shapira“ noch bis zum 25. Mai jeden Samstag aufgezeichnet und von der Studio-Hamburg-Tochter B.vision Media für ZDFneo produziert) oder im eingespielten Sketch: Von der ersten Minute an haut er einen Joke nach dem anderen raus über alte und neue Nazis und über den Holocaust. Mal streift er sich „Sieg Heil“ rufend die Nazi-Uniform über, mal pinselt er in einer Persiflage des schon unzählig oft persiflierten Do-it-yourself-TV-Malers Bob Ross („The Joy of Painting“) wie wild Swastikas auf die Leinwand, ohne sie ein einziges Mal korrekt hinzubekommen.

Ein andermal, in Ausgabe 3, reist Shapira ins Jahr 1939, um Hitler zu töten. Das gelingt ihm auch, doch ähnlich wie Marty McFly, der zeitreisende Filmheld aus Hollywood, übersieht er dabei das sogenannte Großvaterparadoxon. Durch den Tyrannenmord löscht er nämlich auch eine zwingende Ursache seiner eigenen Existenz aus. Verkürzt gesagt: Ohne Holocaust gäbe es den Staat Israel nicht. Ohne den Staat Israel hätten sich Shapiras Eltern nie getroffen… Also überlegt er es sich nochmal: „Hey, äh, wegen Endlösung, ich habe da ein kleines Update“, ruft er in den Berliner Sportpalast, in dem einst Goebbels Zustimmung zum „totalen Krieg“ einforderte und in den ihn die Technik von 2019 reinkopiert. Die Schlusspointe ist, wenn man sie denn richtig verstanden hat, dass sich nach Shapiras Sportpalast-Rede ein anderer Comedian jüdischen Glaubens, Oliver Polak, auf Zeitreise-Mission begibt, um die Sache mit Hitler zu Ende zu führen.

Solche Witze aus dem NS-Kosmos, von denen man nicht so recht weiß, ob man über sie lachen darf und überhaupt kann, weil sie das Ziel, die Pointe, schleppend oder gar nicht erreichen, gehören sozusagen zu Shapiras Unique Selling Proposition (USP). Sie sind insofern, um es in Anlehnung an Frau Bilke zu formulieren, „spannend“, als ihm in der aktuellen deutschen Comedy-Landschaft allenfalls noch der erwähnte Oliver Polak dieses Alleinstellungsmerkmal streitig macht. In der Vernichtung von Juden Comedy-Potenzial zu erkennen, wie die beiden es tun, das traut sich hierzulande sonst niemand.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: „Shapira Shapira“ ist keine Ein-Thema-Show und auch keine One-Man-Show. Abseitiges aus der Sharing- und App-Kultur (etwa eine App zum Thema Hämorrhoiden) hat er sich bisher ebenso vorgeknöpft wie skurrile Geschenkideen der Wurstwarenindustrie und die cool tuenden Großstadt-Hipster, die sich eine in Plastik gewickelte Leiche als letzten Schrei des Interior Designs andrehen lassen. In Einspielern arbeitet der Gastgeber im Ensemble, auch prominente Gäste wie Hazel Brugger und Serdar Somuncu haben sich verpflichten lassen. Mit Letzterem kochte Shapira in Ausgabe 4 das israelische Nationalgericht Shakshuka. Nebenbei loteten sie gemeinsam an der eisernen Pfanne die Feinheiten zwischen Antisemitismus und Rassismus aus, woraufhin Somuncu zu dem Schluss kam, dem man an dieser Stelle wirklich nicht widersprechen möchte: „Du bist jedenfalls ’n viel besserer Koch als Comedian.“ Was uns zum Anfang der Kritik führt.

Bringt man „Komiker“ und „Comedian“ auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, dass es sich also um Menschen handelt, die komisch sind und andere Menschen mit lustigen Worten oder Taten unterhalten, dann lässt sich Shahak Shapira weder in die eine noch in die andere Kategorie einordnen, weil er Zutaten in seiner Show verkocht, die nur mittel bis mäßig „komisch“ schmecken und mit „verrückt“, ja, „befremdlich“ besser beschrieben sind.

So gehört zu Shapiras sehr eigentümlichem Unterhaltungsverständnis zum Beispiel, öffentlich die Hosen herunterzulassen, im übertragenen Sinne: Er hat sich bei den Sitzungen mit einem Psychotherapeuten filmen lassen. Ausschnitte daraus zeigt die Show in der Rubrik „Open Therapy“; Shapira erzählt darin von Versagensängsten und depressiven Gefühlen, also von Dingen, deren Komik-Faktor sehr weit unten anzusiedeln ist. Wer die mit unendlich langen Monologen und Sprechpausen gespickten, jeweils fast einstündigen Originalfassungen der Gespräche dieser Sitzungen kennt (sie stehen als Zusatzangebot in der ZDF-Mediathek bereit; die erste Folge nur als Podcast, die folgenden als Video), zieht den Hut vor jenen Usern, die bisher tief in Shapiras Seele geblickt haben (die ersten vier Ausgaben verzeichneten bis zum 6. Mai in Summe insgesamt 9679 Abrufe).

Er wolle das Tabu-Thema Psychotherapie „normalisieren“, hat Shapira in „Shapira Shapira“ gesagt. Nun ja, es bleibt „spannend“, ob ihm das in den weiteren Folgen gelingt.

22.05.2019 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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