Stefan Aust/Charlotte Krüger: Die Entdeckung des Blauen Planeten (N24 Doku)

Kurzweilige Zeitreise

29.01.2018 •

29.01.2018 • Die Erwähnung des Mordversuchs an Rudi Dutschke würde man nicht unbedingt in einer Dokumentation vermuten, die sich mit einem Foto beschäftigt, das ein US-Astronaut 1968 aus dem Weltraum schoss. Und was hatte Beate Klarsfeld damit zu tun, die einst den amtierenden Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) wegen dessen NSDAP-Vergangenheit ohrfeigte? Im Grunde genommen nichts. Außer der Tatsache, dass alle drei Ereignisse in eben dem Jahr 1968 stattfanden, das gesellschaftlich bekanntermaßen politisch als eines der ereignisreichsten der jüngeren Vergangenheit gilt.

Das Foto aus dem Weltraum, das unter dem Titel „Earthrise“ berühmt wurde, es zeigt, wie die Erde als blauer Planet über dem Horizont des Mondes aufgeht. Aufgenommen hat es der US-Astronaut Bill Anders an Bord der Apollo 8. Im Film „Die Entdeckung des Blauen Planeten“ erinnert er sich, damit gegen die Vorschriften verstoßen zu haben, da er eigentlich nur die Oberfläche des Mondes ablichten sollte. Da Anders das Bild am 24. Dezember machte, also Heiligabend, und die Astronauten abends in einer Live-Schaltung aus der Schöpfungsgeschichte vorlasen, wurde das Foto Teil eines clever inszenierten weihnachtlichen Friedensappells.

Bis das Bild in dieser Dokumentation auftauchte, dauerte es allerdings mehr als 30 Minuten. Davor zeichneten die Autoren Stefan Aust und Charlotte Krüger vom Sputnik bis zu den Apollo-Missionen detailliert die Geschichte des Wettrüstens im All zwischen Amerikanern und Sowjets nach. Wobei die Filmemacher – vor allem auf US-Seite – auf umfangreiches Archivmaterial zurückgreifen konnten. Manch detaillierte Informationen zu einzelnen Raketentypen, zu ihren Antrieben und Fehlschlägen bei der Entwicklung dürften dabei allenfalls für Raumfahrt-Freaks von Interesse gewesen sein.

Doch immer wenn der Film in technische Fachsimpelei abzudriften drohte, gelang es den Autoren dann doch wieder, den zeitgeschichtlichen Kontext der einzelnen Missionen ins Bild zu rücken. Wozu etwa die Ermordung von John F. Kennedy, der Vietnam-Krieg, Bürgerrechts- und Studentenbewegung, der Prager Frühling und eben auch Rudi Dutschke und Beate Klarsfeld gehörten. Und bisweilen offenbarten die Archivbilder aus den 1960er Jahren aus heutiger Sicht auch recht Kurioses. So etwa, dass im Kontrollzentrum der US-Raumfahrtbehörde NASA in Houston kein Rauchverbot bestand und die Ingenieure vor ihre Monitoren angespannt vor sich hinqualmten.

Nicht zuletzt aber lebte die Dokumentation von Bill Anders, den die Autoren in den USA aufgesucht hatten. Der ehemalige Astronaut und spätere Diplomat (US-Botschafter in Norwegen), immerhin Jahrgang 1933, entpuppte sich als ebenso humorvoller wie informativer Zeitzeuge. Er berichtete nicht nur anschaulich von dem politischen Druck auf die Raumfahrt während der Zeit des Kalten Krieges, sondern hatte auch die eine oder andere Anekdote parat. So etwa, dass die Besatzung bei der Mission von Apollo 8 einmal längere Zeit mit der Säuberung der Raumkapsel beschäftigt war, da dem Kommandanten speiübel geworden sei. Und das Einfangen von Erbrochenem in der Schwerelosigkeit sei wahrlich kein Vergnügen. Und mit Blick auf sein Smartphone staunte der vitale Senior, dass dieses kleine Ding in seiner Hand eine größere Rechnerkapazität habe als seinerzeit das ganze voluminöse Rechenzentrum in Houston. Schließlich erinnerte sich Bill Anders noch, dass er im Hinblick auf den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun einst einem russischen Kollegen scherzhaft gesagt hatte, sie, die Amerikaner, hätten sich nach dem Zweiten Weltkrieg sozusagen die besseren Nazis geholt. Schließlich hatten auch die Sowjets bei ihren Raumfahrtprojekten auf die Mitarbeit von ehemaligen NS-Ingenieuren aus von Brauns damals in Peenemünde arbeitendem Team gesetzt.

Nervig war an dieser Dokumentation, die beim privaten Spartenkanal N24 Doku ihre Erstausstrahlung hatte, einzig die Unterlegung vieler unkommentierter Sequenzen mit einem Soundteppich, der vornehmlich Dramatik suggerierte. Und als man die Autoren schon dafür loben wollte, wenigstens auf David Bowies allzu naheliegenden Song „Space Oddity“ verzichtet zu haben, erklang „Major Tom“ dann kurz vor dem Finale doch noch.

Nichtsdestotrotz bot der Film ebenso informative wie kurzweilige Einblicke in ein bewegtes Stück Zeitgeschichte. Und für eine Produktion eines kleinen Spartensenders hatten die Autoren hier einen durchaus beträchtlichen Aufwand betrieben, der auch nicht eben preiswert gewesen sein wird. Aber wenn mit Stefan Aust, Herausgeber der Welt-N24-Gruppe im Hause Springer, quasi der Chef persönlich ein Filmprojekt in Angriff nimmt, dürften die Kosten auch nicht die entscheidende Rolle spielen. (N24, der Muttersender von N24 Doku, hat im Übrigen am 18. Januar 2018 den neuen Namen „Welt“ erhalten; vgl. diese MK-Meldung.)

29.01.2018 – Reinhard Lüke/MK

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