Friedrich Moser: Terrorjagd im Netz (Arte/RBB)

Die Nadel im Heuhaufen

21.10.2017 •

21.10.2017 • Die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA hätten verhindert werden können. Auch die Terrorakte in Paris, Nizza und in Berlin, um nur einige aus der jüngeren Vergangenheit zu nennen, wären vermeidbar gewesen. Diese kühne These vertritt Friedrich Moser in seinem Dokumentarfilm „Terrorjagd im Netz“, den der deutsch-französische Kulturkanal Arte im Rahmen seines Themenabends „Welt 3.0 – Die Macht der Algorithmen“ als Erstausstrahlung zeigte.

Der österreichische Filmemacher stützt seine These auf eine dreigliedrige Argumentation. Im ersten Schritt führt er vor Augen, dass islamistische Anschläge signifikante Gemeinsamkeiten aufweisen. Dieses Muster, so der zweite Schritt, macht sich eine Gruppe von Internet-Aktivisten zunutze, um das Verhalten potenzieller Gefährder zu analysieren. Im dritten Schritt erinnert Moser daran, dass diese Methode nicht neu ist: Sie wurde bereits in den 1990er Jahren vom US-Geheimdienst NSA entwickelt – aber nie zum Einsatz gebracht.

Bei der Beantwortung der Frage, warum diese Methode nicht eingesetzt wurde, verarbeitet Moser eine große Menge Stoff. So etwas kann schiefgehen, doch dem Autor gelingt es, mit einer Mischung aus Experteninterviews, sinnvoll eingesetzten Grafiken und stimmungsvollen Stadtpanoramen über die 90 Filmminuten hinweg den Themenkomplex verständlich zu strukturieren und Spannung zu erzeugen. Das liegt vor allem daran, dass Moser eine neue Perspektive auf das Problem der Terrorprävention eröffnet.

Grundlage des Films – der dem Arte-Programm vom RBB zugeliefert wurde – ist eine nüchterne Faktenerhebung: Seit 2005 gab es 14 islamistische Terroranschläge in der westlichen Welt, bei denen 429 Menschen getötet und weitere 2472 verletzt wurden. Diese Anschläge wurden von 32 Attentätern verübt. An jedem dieser Terrorakte war mindestens ein beteiligter Täter den Sicherheitsbehörden bzw. der Polizei bekannt. Im Schnitt ein Jahr lang wurden die Anschläge vorbereitet; dabei hatten die Täter im Zuge ihrer Radikalisierung über das Internet digitale Fingerabdrücke hinterlassen. Wieso, fragt Moser in seinem Film, ging keiner von ihnen ins Netz jener Massenüberwachung, die nach den Anschlägen in den USA im Jahr 2001 doch so exzessiv ausgeweitet wurde?

Moser zeichnet nach, wie Christian Weichselbaum, Ingenieur für künstliche Intelligenz, Robert Wesley, Spezialist für Terrorabwehr, und der Mathematiker Jan Van Oort analysiert haben, dass eine solche Massenüberwachung das Problem nicht lösen kann. Die IT-Spezialisten entwickelten ein Programm, das Interaktionen auf Tweets und Facebook-Postings auswertet, um Terrornetzwerke zu erkennen und potenzielle Angriffe aufzudecken. Alle verarbeiteten Informationen sind öffentlich verfügbar. Durch die Software von Weichselbaum, Wesley und Van Oort wird im Gegensatz zum Vorgehen der NSA nicht in die Privatsphäre unverdächtiger Internet-Nutzer eingegriffen. Der Film hebt hervor, dass die drei Internet-Aktivisten zunächst gar nicht wussten, dass es ein solches Programm de facto bereits gab. Entwickelt wurde es in den 1990er Jahren von Bill Binney, dem damaligen technischen Direktor der NSA.

Mit dem Porträt dieses Nachrichtendienst-Mitarbeiters, der Ende September 2001 die NSA verließ, erweitert der Film seinen Fokus. Moser greift dabei auf die Vorarbeit seines Binney-Porträts „The Good American“ zurück, das im November 2016 relativ unbeachtet in den Kinos lief. Beide Filme rekonstruieren die NSA-Karriere von Binney, der bereits 1979 den sowjetischen Geheimdienst ausspionieren und so die Afghanistan-Offensive der Roten Armee vorhersagen konnte.

Als das Internet im Jahr 1997 mehr oder weniger auf einen Schlag das Aufkommen des heutigen massenhaften Datenverkehrs ermöglichte, ersann Binney eine Methode, die diese Flut an Informationen bewältigen konnte. Sein Grundgedanke: Anstatt alle verfügbaren Informationen – also auch Inhalte etwa privater E-Mails – zu sammeln, um dann den so entstehenden Heuhaufen mühsam nach einer Nadel bzw. einem Terroristen zu durchforsten, werden nutzlose Daten schon vorher aussortiert. Binney konzentrierte sich auf sogenannte „Metadaten“, die bei einer Kommunikation über das Internet zwischen Personen entstehen. Und damit auf die Frage: Wer kommuniziert mit wem wann wie oft und von wo aus?

Das mag abstrakt klingen, doch der Film macht transparent, warum diese NSA-Software namens „ThinThread“ die Vernetzung zwischen Mitgliedern einer Terrororganisation wie dem sogenannten Islamischen Staat (IS) in der gleichen Art und Geschwindigkeit erfasst, wie eine x-beliebige Google-Anfrage funktioniert. Im Jahr 2002 ergab eine nachträgliche Anwendung von „ThinThread“ „sogar, dass die Daten der Täter vom 11. September alle in den Computern der NSA vorhanden waren. Doch dieses Programm war drei Wochen vor den Anschlägen gestoppt worden. Weshalb kam es dazu? Diese Fragestellung bildet das Herzstück des Films.

Vor der Kamera erklärt Bill Binney, warum die NSA dann seinerzeit ein alternatives Programm namens „Trailblazer“ bevorzugte, das sich aufgrund seiner Massenüberwachung aber als ineffektiv erwies. Über den eigentlichen Zweck der Terrorprävention hinaus ermöglichte dieses Alternativprogramm eine immense Kontrolle der Bürger und damit einen erheblichen Machtzuwachs. Außerdem gelang es der NSA dadurch, von der US-Regierung ein wesentlich höheres Budget zu erhalten.

Die Informationen in dem Film von Friedrich Moser (Buch, Regie, Kamera) sind umfangreich; der Argumentationsgang ist verzweigt und droht sich zuweilen im Dickicht einer Verschwörungstheorie zu verheddern. Etwa wenn nachgezeichnet wird, wie ehemalige Mitarbeiter Binneys in den USA unter fadenscheinigen Gründen angeklagt wurden. Es gelingt Moser jedoch immer wieder, seine Ausführungen mit handfesten Argumenten zu erden. Denn „Terrorjagd im Netz“ (Produktion: Blue and Green Communication) basiert auf einer sehr breiten Recherche. So kann der Film durchaus plausibel machen, dass nicht nur in den USA ein teures und ineffektives Programm zur Massenüberwachung des Internets bevorzugt wird, sondern auch in Großbritannien.

Der Film verweist zudem darauf, dass in Deutschland Überwachungsmaßnahmen ausgeweitet worden sind. Beispielsweise hat das Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) Forschungsgelder erhalten, um spezielle Überwachungskameras für Bahnsteige zu entwickeln. Basierend auf der Annahme, dass aktiv tätige Terroristen besonders erregt seien, soll das System emotional auffällige Passanten erkennen. Die Finanzierung eines solchen Programms, das jeden aufgeregten Passanten verdächtig erscheinen lässt, ist symptomatisch für jene problematische Methode, die alle Menschen überwachen will, statt sich auf Metadaten zu konzentrieren.

Obwohl sich die komplexe Problemstellung erst nach der zweiten Sichtung erschließt, ist Moser ein mitreißender Film gelungen. Der Zuschauer taucht ein in die Welt der Geheimdienste und die Problematik der Terrorprävention. Man hätte allerdings gerne durch den Film erfahren, wodurch sich das Team um Robert Wesley finanziert. Trotz dieses kleinen Mankos formuliert der Dokumentarist eine nachdenklich stimmende Kritik an der NSA und dem gegenwärtigen Konzept der Massenüberwachung, das selten so bündig zusammengefasst dargestellt wurde.

21.10.2017 – Manfred Riepe/MK