Natalie Scharf/Christoph Silber/Ben Verbong: Honigfrauen. 3‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Unglaubwürdige Ost-Anmutung

12.05.2017 •

Huch – was war das denn? Eine junge Frau steht sehnsüchtig staunend vor einem ungarischen Luxushotel, derweil zwei Grobiane von hinten an sie herantreten. Der eine greift ihr unverschämt zwischen die Beine. Als die Frau sich beschwert und davoneilt, klopfen die beiden Machos obszöne Sprüche. Die Szene erscheint merkwürdig, weil die Situation des sexistischen Übergriffs dramaturgisch nicht angemessen hergeleitet wird und auch im weiteren Verlauf der Filmhandlung überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Dabei ist die Beobachtung an sich realistisch. In dem von Ben Verbong inszenierten ZDF-Dreiteiler „Honigfrauen“, zu dem Natalie Scharf und Christoph Silber das Drehbuch geschrieben haben, wird die Geschichte von Maja (Sonja Gerhardt) und Catrin (Cornelia Gröschel) erzählt, zwei Mädchen aus der DDR, die 1986 erstmals alleine Urlaub machen – und zwar am Plattensee, dem Balaton. Im Gegensatz zum restlichen Ostblock herrschte in Ungarn der sogenannte Gulaschkommunismus, eine Art Laisser-faire-Sozialismus, der mehr Freizügigkeit und zumindest einen Hauch von Luxus ermöglichte. Für die in ihrer Reisefreiheit beschnittenen DDR-Bürger war der Balaton der gefühlte Westen. Aufgrund der Kontakte mit österreichischen und westdeutschen Urlaubern gab es hier aber auch einen florierenden Sex-Tourismus, aus dem beide Seiten Vorteile zu ziehen versuchten. Als „Honigfrauen“ galten Mädels aus dem Osten, die sozusagen mit dem Westen flirteten – oder vielleicht ein wenig mehr wollten.

Alles in allem ein spannendes Thema. Doch diese prekäre Form der deutsch-deutschen Begegnung vor dem Mauerfall wird in „Honigfrauen“ (Produktion: Seven Dogs) weitgehend ausgeblendet. Nur wenige Beobachtungen überzeugen. Bevor die (Halb-)Schwestern Maja und Catrin aufbrechen, schneidert ihre Mutter (Anja Kling) ihnen noch rasch je einen Bikini – aus dem roten Wohnzimmervorhang. Dieser augenzwinkernde Blick auf die Mangelwirtschaft ist ebenso sympathisch wie jene Begegnung am Pool eines ungarischen Luxushotels, bei der Catrin dank ihrer differenzierten Geografie-Kenntnisse snobistischen West-Urlaubern vorgaukelt, sie würde sich in Paris perfekt auskennen.

Solche Szenen, in denen die Sehnsucht eingesperrter DDR-Bürger und der Überdruss dekadenter Westler humorvoll aufeinanderprallen, bleiben leider eine Seltenheit in dieser viereinhalbstündigen Produktion. Die plump eingefädelte Geschichte erzählt, wie Maja und Catrin auf dem Zeltplatz für DDR-Reisende ankommen, wo sie von einem anderen Urlauber auffällig unauffällig beobachtet werden. Ein Stasi-Spitzel? Nein, dieser Verdacht kann gar nicht erst aufkommen. Denn dramaturgisch ungeschickt ist der Zuschauer bereits darüber informiert worden, dass es sich bei diesem Gaffer um Erik Waller (Dominic Raacke) handelt, Catrins leiblichen Vater, der vor ihrer Geburt in den Westen floh und dort Chef eines Konzerns wurde.

Dass ein solcher Konzernchef auf einem ungarischen Zeltplatz nach 25 Jahren erstmals seine erwachsene Tochter sehen will, ist nur eine von zahlreichen Ungereimtheiten des Drehbuchs. Man müsste eigentlich noch darauf eingehen, dass aus einer Unterredung zwischen der Mutter Kirsten und besagtem Erik hervorgeht, dass Catrin und Maja Halbschwestern sind und nicht, wie es im ZDF-Presseheft heißt, Schwestern. Wie dem auch sei, Catrin lernt auf dem Campingplatz den patenten Rudi (Franz Dinda) kennen, der so demonstrativ mit der Super-8-Kamera hantiert, dass in diesem Fall seine Spitzeltätigkeit nur allzu offensichtlich ist. Das macht aber nichts, denn am Ende, als Catrin von seiner Tätigkeit fürs DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) erfährt, hält sie ihm mitfühlend die Hand. Das mit der Stasi ist offenbar nicht so wild.

Allerdings scheint Rudi für die junge Urlauberin zunächst nur ein Ersatz zu sein. Denn der ansehnliche Hoteldirektor Tamás Szabo (Stipe Erceg), in den Catrin sich verliebt hat, wird ihr von Maja ausgespannt. Dabei findet Maja auch heraus, dass Tamás DDR-Bürger bei ihrer Flucht in den Westen unterstützt. Nicht etwa als habgieriger Schleuser, sondern anscheinend als idealistischer Humanist – doch wirklich deutlich wird seine Motivation nicht. So unscharf wie die restlichen Charaktere wird auch der des Fluchthelfers gezeichnet. Selten hat man den Charakterkopf Stipe Erceg in einer derart ausdruckslosen Rolle gesehen.

Dass die Geschichte so seltsam schleppend erzählt wird, liegt sicherlich am Drehbuch, aber auch an der einfallslosen Inszenierung. Permanent blendet der Film zwischen den beiden Hauptschauplätzen, dem Zeltplatz und dem Luxushotel, hin und her. Weder beim Camping noch in der Balaton-Residenz entsteht irgendeine Atmosphäre. Was unter anderem daran liegt, dass bei den mechanisch zwischengeschnittenen Luftaufnahmen der Zeltplatz aus der Vogelperspektive ziemlich mickrig erscheint. Und wenn der Trabi mit den anreisenden Eltern erwartungsgemäß mit Motorschaden liegenbleibt, dann hört man dazu aus dem Autoradio die Live-Reportage über ein Formel-1-Rennen, bei dem gleichzeitig ein Rennwagen wegen Motorschadens ausscheiden muss. Das soll womöglich witzig sein.

Deutlich spürbar ist, dass es Regisseur Ben Verbong – bekannt durch seine Kinderfilme aus der „Sams“-Reihe – nicht gelingt, die Feinheiten der deutsch-deutschen Begegnung auszuleuchten. Dieser „Urlaubsflirt mit dem Westen“, so der Slogan auf den ZDF-Werbeplakaten zu dieser Großproduktion, ist eine Seifenoper, die das Thema leider weitgehend verschenkt. Vielleicht auch kein Wunder, denn auf dem für „Herzkino“ reservierten Sonntagsendeplatz um 20.15 Uhr, auf dem die drei Folgen ausgestrahlt wurden, sind ansonsten unter anderem Rosamunde-Pilcher- und Katie-Fforde-Schmonzetten zu sehen.

Geradezu unsympathisch wird das „Honigfrauen“-Projekt durch die plakative Musikuntermalung. Dass permanent New-Wave-Hits aus den 1980er Jahren angespielt werden, von Art of Noise über Eurythmics bis zu den Talking Heads, lässt auffallend deutlich werden, dass der Dreiteiler sich nicht wirklich für seine DDR-Figuren interessiert. Es geht mehr darum, einem West-Publikum anhand einer schalen und unglaubwürdigen Ost-Anmutung ein gewisses Nostalgie-Gefühl zu vermitteln.

12.05.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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