Rodica Döhnert/Uli Edel: Das Adlon. Eine Familiensaga. 3‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Lügen, Eifersucht, Betrug, Verrat

18.01.2013 •

Kurz bevor der „Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 14. Januar 2013 Vertragsdetails veröffentlichte, in denen beispielsweise die Modalitäten für die Präsentation des Gewinnwagens in der Show „Wetten, dass..?“ festgelegt wurden, die dem Bericht zufolge deutlich die Grenze des Erlaubten in Sachen Werbung im Hauptabendprogramm überschritt, hatte das ZDF einen Mehrteiler ausgestrahlt, der schon im Titel deutlich für ein Unternehmen warb. Denn das „Hotel Adlon“ in Berlin existiert ja immer noch und seit 1997 sogar – worauf der Film in seiner Rahmenhandlung mehrfach hinwies – im Glanze eines Neubaus am Brandenburger Tor so wie einst in der guten alten Kaiserzeit, als es 1907 eröffnet wurde. Man möchte nicht wissen, wie Regie, Produktion, Schauspieler und vielleicht auch Redakteure nach der sehr erfolgreichen Ausstrahlung im realen Hotel begrüßt werden, welche Vorteile und Annehmlichkeiten ihnen darob zugewachsen sind und vielleicht noch werden. Das Hotel kann sich, wurde kolportiert, der Besucheranfragen nicht erwehren.

Angesichts dessen, dass in Fernsehfilmen Bierflaschenetikette mühevoll abgeklebt und Namen von Zeitungen fingiert werden, erscheint zumindest der Titel dieses ZDF-Dreiteilers der Reklame verdächtig. Umgekehrt, könnten allerdings die Hotelbetreiber einwenden, hat der Sender ja mit dem Film den Nimbus des Hotels ausgenutzt, von dessen Ruf als deutschem Nobelquartier profitiert und um dessen gratis einkassierte Geschichte ein Melodram gerankt, das viele Zuschauer über die drei Sendetage so in den Bann schlug, dass sie ihm auf die Dauer folgten (vgl. Quotenkasten). Tatsächlich war aber vom Hotel, seiner Logistik, seiner Ökonomie und der in solch ein Haus täglich zu steckenden Arbeit nur am Rande die Rede.

Im Mittelpunkt der insgesamt fast fünf Filmstunden stehen vielmehr zwei verwickelte Familiengeschichten, und zwar die des Hotelgründers Lorenz Adlon und jene von dessen Finanzier Gustaf Schadt. Während sich in der Adlon-Familie nach der ersten Folge alles um Louis, den Sohn der Gründers, dreht, steht im Mittelpunkt der anderen Familiengeschichte die un­ehelich geborene Enkelin von Gustaf Schadt. Sie, Sonja Schadt, zieht im zweiten Teil in das Hotel ein, managt es zeitweise auch, ehe sie es in der Rahmenhandlung in der Gegenwart besucht und reklamegleich bestaunt.

Zusammengesetzt sind diese beiden Familiengeschichten – wobei natürlich nur die der Adlons als die im Titel genannte „Saga“ zu verstehen ist – aus den üblichen Zutaten des Melodrams wie Geheimnisse aller Art, Lügen, Eifersucht, Betrug, Verrat. Hier angereichert mit zeitgenössischen Erscheinungen wie Rassismus, Antisemitismus, die mörderische Gewalt der Nazis und den Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge ein Teil des Hotels zerstört wird. Und es mutet mitunter krude an, wie da individuelle Lebens- und Liebesgeschichten mit der deutschen Allgemeingeschichte kurzgeschlossen werden. Zeitigt aber gelegentlich beispielhafte Szenen, in denen dank guter Schauspieler etwas vom Leiden der Menschen an der Gewalt der Verhältnisse aufscheint.

In der Summe jedoch muss der Dreiteiler (Produktion: Moovie – The Art of Entertainment) viel zu viele Stationen abarbeiten, zu viel Personal immer wieder auftauchen und wieder abgehen lassen und dann in wundergleichen Fügungen zusammenführen. Vor allem im dritten Teil schnellt der Film durch die Historie, dass man sich als Zuschauer verwundert die Augen über den nächsten Zeitsprung reibt. Das ist und bleibt bei allem Bemühen der Produktion und der Redaktion eine enorm aufgehübschte Kolportage, in die beispielsweise die Masken- und Trickabteilung wesentlich mehr Herzblut investierte als beispielsweise die Regie von Uli Edel (der zusammen mit Rodica Döhnert das Drehbuch schrieb).

Wie Heino Ferch, der Louis Adlon spielt, oder Marie Bäumer als dessen zweite Ehefrau in 30 Jahren altern, ist dann wesentlich beeindruckender als viele Szenen, in denen sie diesen Alterungsprozess dann auch durch geänderte Erfahrungen widerspiegeln müssten. Eine Reihe von Figuren wie die Tochter von Sonja Schadt oder gar der historische Billy Wilder bleiben im Klischee verhaftet. Hinzu kommt eine oft rollentypische Besetzung, in der Katharina Wackernagel die aufgedrehte Telefonistin gibt, Thomas Thieme ein statuarisches Familienoberhaupt, Sunnyi Melles eine zickenhafte Dame und Christiane Paul den Inbegriff der patenten und modernen Frau.

Ungewöhnlich hingegen ist die Besetzung des Nazi-Bösewichts mit Jürgen Vogel, der am Ende dann auch eine für die Hauptfigur Sonja Schadt überraschende Tatsache ans Tageslicht befördert. Eine Entdeckung in dieser 10 Mio Euro teuren ZDF-Großproduktion sicherlich die aus der ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“ bekannte Josefine Preuß, die ebendiese Hauptfigur durchaus ambivalent anlegte und widerstrebende Momente von Pragmatismus und Haltung, Anpassung und Widerstand, Alltag und Liebe gut zu verkörpern verstand. Positiv zu erwähnen noch: Burghard Klaußner, Ken Duken und besonders Wotan Wilke Möhring. Als Zuschauer sah man das alles so routiniert an, wie es produziert war.

• Text aus Heft Nr. 3/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

18.01.2013 – Dietrich Leder/FK

10 Mio Euro teure ZDF-Großproduktion: Es ist und bleibt bei allem Bemühen eine enorm aufgehübschte Kolportage

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