Heiko Rauber: Superfrauen – Die weibliche Seite des deutschen Films (ARD/BR)

Hommage statt kritischer Auseinandersetzung

21.12.2018 •

In dieser Dokumentation, die von der ARD im Rahmen ihrer „Themenwoche Gerechtigkeit“ (11. bis 17. November) im Ersten ausgestrahlt wurde, geht es um Produzentinnen und Regisseurinnen und darum, dass Frauen in der deutschen Filmbranche immer noch unterrepräsentiert sind. Obgleich es an den Filmhochschulen etwa im Fach Regie einen hohen Anteil an Studentinnen gibt, schaffen es später nur wenige, sich als Regisseurinnen beim Film und in den Fernsehabteilungen der Sender durchzusetzen.

Diese allgemein bekannte Tatsache wird in der halbstündigen Dokumentation von Heiko Rauber durch Gespräche mit mehr als einem Dutzend Filmemacherinnen vielfach belegt. All den interviewten Frauen ist gemeinsam, dass sie bereits erfolgreich im Filmgeschäft tätig sind, und das trotz der Schwierigkeiten, gegen die sie zu kämpfen hatten. Ihnen allen ist vermutlich weiterhin gemeinsam, dass sie der Initiative ‘Pro Quote Regie’ angehören, die im Jahr 2014 gegründet wurde und die sich Anfang dieses Jahres in ‘Pro Quote Film’ umbenannt hat, so dass nunmehr auch die weiteren Gewerke des Filmemachens (wie beispielsweise Drehbuch, Kamera, Schnitt) in der Initiative mit einbezogen sind. Denn deren Forderung nach einer Quote von 50 Prozent für die Berücksichtigung von Frauen im Filmgeschäft machen sich alle Befragten zu eigen, wie ihre Statements im Film belegen. Was allerdings nicht in der Dokumentation diskutiert wird, ist die Frage, wie man glaubt, diese Forderung über den bloßen Appell hinaus konkret durchsetzen zu können. Weder wurden etwa strukturelle oder inhaltliche Aspekte des Filmgeschäfts thematisiert (geschweige denn problematisiert) noch etwa wurde die Meinung einiger Männer eingeholt, die einflussreiche Positionen in dieser Branche haben.

Die Dokumentation bewegt sich stattdessen ausschließlich im Umfeld von betroffenen Frauen, die über ihre negativen Erfahrungen eindrücklich berichten. Die bestätigen nun allesamt die Ausgangsaussage, dass Frauen in der Branche karrieremäßig mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hätten, ohne dass im Film tatsächlich konkrete zukunftsweisende Aspekte zur Sprache kommen. So fällt die Bilanz mit Blick auf eine künftige Filmpolitik für diese Dokumentation eher dürftig aus. Was jedoch positiv ins Gewicht fällt, ist der Punkt, dass die Befragten hier mehr über sich und ihre Arbeit anzubieten haben, als diese – doch ziemlich realitätsfern wirkende – Quotenforderung zu betonen. Denn darüber hinausgehend formen sich die Gespräche, so wie sie in die Dokumentation hineingeschnitten worden sind, zu teils sehr informativen Kurzporträts dieser Filmfrauen. Sie werden dazu ergänzend auch noch mit interessanten Ausschnitten aus ihren besten Filmen vorgestellt. So lässt sich sagen, dass es sich bei diesem zwar nicht um eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit dem Thema der Ungleichbehandlung von Frauen im Filmgeschäft handelt, aber doch um eine recht gelungene Hommage auf das, was Frauen hier trotz widriger Umstände an Qualität bereits bisher bereits geleistet haben.

Der Film hat den Haupttitel „Superfrauen“. Er ist dementsprechend ein mit Appellcharakter ausgerüsteter Werbefilm für eine bisher zu wenig beachtete und zu Unrecht diskriminierte Minderheit. Die Dokumentation (630.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,2 Prozent) ist somit eine durchaus sympathische Hommage an die Film-Frauen, dabei dann aber auch ein Beitrag, der das Filmgeschäft als solches – an dem ja auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit ihrem großen Anteil an von ihnen verantworteten Fernsehfilmen beteiligt sind – noch nicht einmal ansatzweise kritisch zu hinterfragen sich bemüht.

Eine derjenigen, die in der Dokumentation am meisten zu Wort kommen, ist die Filmproduzentin Regina Ziegler. Das 45-jährige Bestehen ihrer Produktionsfirma, das sie mit ihrer 1973 gegründeten Firma Ziegler Film, in die bereits Tochter Tanja als weitere Produzentin erfolgreich eingestiegen ist, soeben gefeiert hat, liefert sozusagen den Rahmen für die Dokumentation. Mit Regina Ziegler beginnt der Film, ihr Lebenswerk wird gewürdigt, sogar mit Ausschnitten aus ihrer allerersten Produktion aus dem Jahr 1973 („Ich dachte, ich wäre tot“). Als Pionierin unter den deutschen Regisseurinnen darf dann auch Margarete von Trotta nicht fehlen. Zahlreiche gut ausgewählte Ausschnitte von erfolgreichen Produktionen älterer und neuerer Art, auch erfolgreiche Filme aus jüngster Zeit werden mit ihren Regisseurinnen vorgestellt, wie beispielsweise der Überraschungserfolg „Toni Erdmann“ von Maren Ade.

Eine Vertreterin aus dem Bereich Filmförderung (Berlin/Brandenburg), die sich besonders der Frauenförderung angenommen hat, meldet sich in der Dokumentation ebenso zu Wort wie auch die Präsidentin der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), Bettina Reitz, die zuvor Fernsehfilmchefin (2003 bis 2011) und Fernsehdirektorin (2011 bis 2015) beim Bayerischen Rundfunk (BR) war, dem Sender, der jetzt auch für die Produktion „Superfrauen – Die weibliche Seite des deutschen Films“ verantwortlich ist.

Dann ist in der Dokumentation ein Ausschnitt vom Filmfest München 2016 ist zu sehen, bei dem der jährlich verliehene Bayerische Filmpreis in jenem Jahr, statt wie zuvor üblich an einen Regisseur, an fünf Regisseurinnen gleichzeitig vergeben wurde. In ihrem Statement weisen die Regisseurinnen darauf hin, dass so etwas der männlichen Kollegenschaft niemals zugemutet worden wäre. Mit Blick auf das Filmfestival in Cannes schaut der Beitrag schließlich auch noch auf das internationale Filmgeschäft, wo es ebenfalls Initiativen zur verstärkten Berücksichtigung von Filmfrauen gibt.

21.12.2018 – Brigitte Knott-Wolf/MK