Peter Heller: Panzer in der Goldenen Stadt. Das Ende des Prager Frühlings im August 1968 (Arte)

Rundfunk im Widerstand

29.08.2008 •

29.08.2008 • Die Dokumentation von Peter Heller wurde am Vorabend des 40. Jahrestages der gewaltsamen Beendigung des sogenannten Prager Frühlings gesendet: In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 hatte die Invasion der Truppen des Warschauer Pakts begonnen. Der Film erinnert an ein Ereignis in Zeiten des Ost-West-Konflikts, das gerade erst wieder durch die Vorkommnisse in Georgien an Aktualität gewonnen hat. Heller, der, als er diesen Film produzierte, sicher nicht mit dieser Aktualität rechnen konnte, verknüpft die Erinnerungen an die Niederschlagung des Prager Frühlings mit der erfolgreichen ‘samtenen Revolution‘ des Jahres 1989 in Prag und macht damit diese Reformbewegung innerhalb des kommunistischen Systems zur Vorgeschichte der Demokratiebewegung, die zwanzig Jahre später zum Zusammenbruch des autoritären Sozialismus nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern im gesamten Ostblock führte.

Viele der zahlreichen Zeitzeugen, die der Autor zu den Ereignissen im August 1968 befragt, treten auch 1989 wieder ins politische Rampenlicht, allen voran der Journalist und Bürgerrechtler Jiri Dienstbier, der 1968 den Widerstand im tschechoslowakischen Rundfunk organisierte, sich dann als Heizer verdingen musste, bis er im Dezember 1989 in der ersten postkommunistischen Regierung unter Vaclav Havel Außenminister wurde. Die Sängerin Marta Kubisova, die damals so etwas wie ein Widerstandslied („Gebet für Marta“) kreierte, dann zwanzig Jahre lag nicht mehr auftreten durfte, sang dieses Lied 1989 bei der ‘samtenen Revolution’ an gleicher Stelle auf dem Prager Wenzelsplatz erneut. Das Lied, darauf macht der Film aufmerksam, endet mit der Zeile „Möge die Regelung der Sache, die du verloren hast, zurückgelegt werden in deine Hände, mein Volk“ – ein Zitat des böhmischen Gelehrten Comenius aus Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs.

Der Rundfunk leistete im August 1968 Widerstand, indem er so lange wie möglich über die Ereignisse berichtete. So ist es vor allem das Geschehen vor dem Rundfunkgebäude am Wenzelsplatz, das von Heller exemplarisch für die Ereignisse am 21. August 1968 rekonstruiert wird. Neben Dienstbier kommt auch die ehemalige Fernsehmoderatorin Kamila Mouckova zu Wort, die unter extremen Bedingungen weiterarbeitete, so lange es möglich war. Die Dokumentation vernachlässigt auch nicht das Emotionale, indem sie eine Liebesgeschichte zur Rahmenhandlung macht: Ein westdeutscher Student trifft sich mit einer ukrainischen Studentin, die er über eine Brieffreundschaft kennen gelernt hat, in Prag und gerät nichtsahnend in die gewalttätige militärische Auseinandersetzung. Er wird schwer verwundet, und nur der Einsatz der aus der damaligen UdSSR stammenden Studentin rettet ihm das Leben.

Es ist eine authentische Geschichte, und sie wird erzählt ohne fiktive Spielszenen. Die beiden treffen sich, begleitet von der Kamera, nach vierzig Jahren wieder in Prag und suchen die Orte auf, an denen ihnen dies widerfahren ist. Hellers Film, der mühelos den Zeitsprung von 1968 über 1989 bis in die Gegenwart bewältigt, ist daher ein geradezu klassischer Dokumentarfilm. Als Dokumente dienen neben Bildmaterial aus den Fernseharchiven und originalen Radiobeiträgen aus dieser Zeit vor allem auch Bilder des Fotografen und damaligen Filmstudenten Josef Raz, der jetzt zusammen mit dem Filmautor jene Plätze wieder aufsucht, wo er damals Bilder vom Geschehen gemacht hatte. Immer wieder öffnet der Fotografenblick auf einen Ort der Gegenwart den Blick in die Vergangenheit: auf das, was an diesem Ort vor vierzig Jahren geschehen ist. Auch diese Bilder des Fotografen haben damals, indem sie um die Welt gingen, den politischen Widerstand beeinflusst.

Hellers Sympathien gelten diesen Repräsentanten der Prager Bürgerrechtsbewegung. Im Vergleich zu ihnen treten die hierzulande besonders prominenten Gestalten des Prager Frühlings, allen voran Alexander Dubcek, eher in den Hintergrund; ein so bekannter Dissident wie Vaclav Havel, der lange Jahre als Präsident an der Spitze der neuen Demokratie in Prag stand, kommt überhaupt nicht vor. Der Dokumentarfilmer Peter Heller, ausgebildet an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF), der seit den 70er Jahren Filme dreht und sich vor allem mit Dokumentationen über Afrika und Dritte-Welt-Themen einen Namen gemacht hat, wurde selbst 1946 in Prag geboren. Er wuchs tschechisch sprechend auf und verbrachte in der Hauptstadt bis 1960 seine Kindheit – als sudetendeutsches Kind, wie er sich selbst in einem Gespräch bezeichnete (in: „Dokumentarisches Fernsehen“, herausgegeben von Cornelia Bolesch, 1990). Es ist gerade die Konzentration auf wenige Ereignisse, die beispielhaft für die Situation im August 1968 sind, und auf Personen, die dem Filmemacher offensichtlich nahestehen, die Hellers Dokumentation über den Prager Frühling so sehenswert macht.

• Text aus Heft Nr. 35/2008 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

29.08.2008 – Brigitte Knott-Wolf/FK