Lutz Konermann/Rodica Döhnert: Prager Botschaft (RTL)

Die kleinen Gesten

28.09.2007 •

28.09.2007 • Die deutsche Wiedervereinigung zählt zweifellos zu den dramatischsten historischen Ereignissen der Nachkriegszeit. Obwohl diese Ost/West-Geschichte schlechthin nicht nur in den beiden deutschen Staaten, sondern in der ganzen Welt mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde, gibt es bis heute erstaunlich wenige hoch budgetierte Fernsehfilme über diese friedliche Revolution, die doch ein solch enormes Potenzial an erzählbaren Geschichten birgt.

Nach einem Drehbuch von Rodica Döhnert hat Regisseur Lutz Konermann nun in einem aufwendigen RTL-Event-Movie die Schlüsselereignisse in der Prager Botschaft vom August/September 1989, die in Hans-Dietrich Genschers unvergessenem Balkonauftritt gipfeln, filmisch umgesetzt. „Prager Botschaft“, der Film, ist durchaus nicht misslungen und auch nicht unspannend. Doch angesichts der Singularität des historischen Geschehens bleibt das TV-Movie (Produktion: Filmpool Köln) im Hinblick auf die geschichtlichen Details und Zusammenhänge etwas unscharf: Ausgeblendet wurde beispielsweise, dass der eigentliche Zusammenbruch der DDR durch die Ungarn bewirkt wurde, die schon am 2. Mai 1989 – also rund vier Monate vor den Turbulenzen in Prag – in der kleinen Ortschaft Köszeg ganz beiläufig die Grenze zu Österreich öffneten. In der Folge kamen die Trabbi-Ströme. Dass die Flüchtlinge in der bundesdeutschen Botschaft in Prag von dieser subversiven Initiative der pragmatischen Ungarn überhaupt erst beflügelt wurden, fehlt in dem Film.

Von der Dramaturgie richten Konermann und Döhnert den Fokus auf eine DDR-Familie. Der Ost-Berliner Architekt Stefan (Christoph Bach) feiert mit seiner Frau Bettina (Anneke Kim Sarnau) im Freundeskreis Hochzeit in Prag. Spät nachts eröffnet Stefan dann seiner Frau, dass er über ihren Kopf hinweg die gemeinsame Flucht über die deutsche Botschaft in der Stadt vorbereitet habe. Dass ihr kleiner Sohn noch bei den Eltern in Ost-Berlin weilt, dient der Tarnung.

Doch bei ihrem gemeinsamen Versuch, über den Zaun der Botschaft zu klettern, werden Stefan und Bettina getrennt. Durch diesen dramaturgisch gelungenen Kniff arbeitet der Film zwei Aspekte parallel auf. Stefan muss nach Ost-Berlin zurückfahren, um den Sohn zu holen. Er gerät dabei in einen moralischen Konflikt mit seinem Vater, der die DDR mit aufgebaut hat und nun zutiefst enttäuscht ist, dass der Sohn einfach abhauen will. Doch Stefans Argument, er verdiene als Architekt im Osten einfach zu wenig, ist in dieser Situation ebenso profan wie erfrischend ehrlich.

Aus Bettinas Sicht erleben wir unterdessen das hygienische und sanitäre Chaos im Garten der Botschaft mit. Außerdem wird Bettina damit konfrontiert, dass einer ihrer Freunde und Mitflüchtlinge ein Stasi-Spitzel ist, der Stefan verraten hat. Bewegend ist zudem die kleine Randepisode um den Ossi-Jungen, dem die DDR-Behörden erklären, seine Eltern seien tot, obwohl sie in Wahrheit in den Westen geflohen sind.

Im Gegensatz zu schönen kleinen Randbeobachtungen wie dieser ist der große dramaturgische Bogen, die Flucht aus der Prager Botschaft als (wieder einmal) amouröse Dreiecksgeschichte aufzuziehen, nicht sehr gelungen. Bettina trifft in der Botschaft den Kulturattaché Georg Stein (Hans-Werner Meyer), mit dem sie in Ost-Berlin vor einigen Jahren eine heimliche Affäre hatte. Er versuchte sie damals zur Flucht in den Westen zu bewegen, doch sie entschied sich für Stefan. Obwohl Georg darüber noch immer tief betrübt ist, ermöglicht er durch seine selbstlose Zivilcourage, dass seinem Nebenbuhler Stefan mit dem kleinen Sohn die Flucht gelingt und die Familie – symbolisch für ganz Deutschland – wieder vereinigt wird.

Diese platte Emotionalisierung der Historie entspricht einem gängigen US-amerikanischen Muster – doch im Hollywood-Kino hätte man so etwas differenzierter hinbekommen. Dafür stimmen die darstellerischen Leistungen von Anneke Kim Sarnau und Christoph Bach – obwohl Letzterer, auch wenn zumindest Kleidung und Outfit passend sind, selbst auf den zweiten Blick nicht wie ein Ossi aussieht. Trotz guter Ansätze ist „Prager Botschaft“ unterm Strich ein eher mittelmäßiger Film. Ähnlich wie seinerzeit in Frank Beyers ambitioniertem, nach Erich Loests Roman entstandenem Zweiteiler „Nikolaikirche“ (ARD/WDR/Arte; vgl. FK-Heft Nr. 42/95) entsteht auch hier beim Zuschauen nicht das Gefühl, dass die Ereignisse von vor 18 Jahren, deren TV-Bilder man noch lebhaft vor Augen hat, wirklich lebendig werden. Die Schwächen liegen im Buch, dessen Dialoge oft nicht überzeugen: „Das ist die letzte Schlacht im Kalten Krieg“, sagt in prätentiöser Manier Botschafter Huber (Dietrich Mattausch), der dabei eher wie eine Karikatur wirkt.

Ein anderes Defizit ist der Regie geschuldet, der es nur ansatzweise gelingt, die beklemmende Situation im eingezäunten Botschaftsgarten in Bilder umzusetzen. Mit großem Aufwand an Komparsen und Material (kann man im RTL-Presseheft detailliert nachlesen) strebt Lutz Konermann in den Massenszenen nach einem Realismus, der aber zum Scheitern verurteilt ist: Was dort „wirklich“ geschah, entzieht sich der Darstellung. Den Punkt trifft der Film immer nur in winzig kleinen Gesten. Etwa wenn Stefans Freund Ziesche (gut: Heinrich Schmieder) erfährt, dass sein langjähriger Kumpel Thomas (Hinnerk Schönemann) für die Stasi spitzelt – und daraufhin das Glas Bier, das er gerade mit ihm leeren wollte, lieber in den Spülstein schüttet.

• Text aus Heft Nr. 39/2007 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

28.09.2007 – Manfred Riepe/FK

Aufwendiges RTL-Event-Movie: Als DDR-Bürgern über die deutsche Botschaft in Prag die Flucht in die Bundesrepublik gelang

Bettina (Anneke Kim Sarnau) feiert mit ihrem Mann Stefan Hochzeit in Prag: Dann eröffnet Stefan seiner Frau, dass er ihre gemeinsame Flucht vorbereitet habe – über die deutsche Botschaft in Prag

Fotos: Screenshots


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