Martin Rauhaus/Pia Strietmann: Endlich Witwer (ZDF)

Kein Krimi, kein Herzkino

27.05.2019 •

Georg Weiser (Joachim Król) ist ein verbiesterter Kleinunternehmer. Seit Jahrzehnten beugt er sich zu Hause dem Willen seiner Ehefrau. Nicht einmal das Bier darf der Pantoffelheld kaltstellen – weil dann zu wenig Platz für anderes im Kühlschrank ist. Das überraschende Ableben seiner Gattin, die ihn ohnehin verlassen wollte, dann aber beim gemeinsamen Fernsehabend geräuschlos dahingeschieden ist, kommt dem sich unterdrückt fühlenden Ehemann gerade recht. Rein statistisch gesehen bleiben ihm noch 20 Jahre, so sieht es der etwa 60-jährige Geschäftsmann, und die restliche Lebenszeit möchte er nun möglichst in vollen Zügen genießen. Doch das Projekt, sich ein nörgelfreies Single-Paradies mit kaltem Bier und Dolby-Surround-Großbildschirm einzurichten, erleidet Schiffbruch. Rasch versinkt der unbeaufsichtigte Witwer bis über beide Ohren ins Chaos – außerdem droht seine Seele endgültig einzufrieren. Doch eine gegen seinen Willen engagierte Putzfrau und Haushaltshilfe (gespielt von Anneke Kim Sarnau) bringt ihn zurück in die Spur.

Der Plot dieses ZDF-„Fernsehfilms der Woche“ erscheint zunächst einmal nicht außergewöhnlich. Die Geschichte von der Menschwerdung eines Misanthropen wurde schon oft erzählt. So verweist auch das ZDF-Presseheft zu „Endlich Witwer“ auf Vorbilder wie den Hollywood-Film „About Schmidt“, in dem Jack Nicholson die Hauptrolle spielte. Doch Pia Strietmann, die Regisseurin von „Endlich Witwer“ (Produktion: Bavaria Fiction), weiß eigene Akzente zu setzen. In ihrer Inszenierung der Tragikomödie macht der Ton die Musik, im wahren Wortsinn. So wirft Georg Weiser in einer der schönsten Szenen gleich zu Anfang alles, was an seine Frau erinnert – gerahmte Fotos, Porzellan-Nippes, Tischdecken, Ohrensessel, geblümte Stehlampen, kurzum: alles, was ein Haus auf spießige Weise wohnlich gestaltet und einen Mann wider Willen zivilisiert –, kurzerhand auf den Sperrmüll und das bittersüße Pathos dieser Aktion wird mit den Klängen des Deep-Purple-Brüllers „Child in Time“ unterstrichen: Eine solch komische Szene gab es in einem ZDF-Film seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr.

Doch auf diesen trotzigen Furor der Befreiung folgt bittersüße Katerstimmung. Schon kurz darauf blickt Witwer Weiser im Hallenbad verstohlen hinüber zu älteren Damen bei der Aqua-Gymnastik. Dabei ertönt wieder eine programmatische Rockballade: „Wish you were here“ von Pink Floyd. Dieser ebenfalls wieder hochkomische Moment, ungewolltes Eingeständnis des nicht zugelassenen Schmerzes über den Verlust der vermeintlich ungeliebten Frau, bringt die tragikomische Grundatmosphäre des Films kongenial zum Ausdruck. Das ist witzig und tut zugleich weh – so etwas gelingt selten.

Getragen von dieser präzise umrissenen Stimmung muss sich Joachim Król als „Ekel Alfred reloaded“ in dieser Paraderolle kaum anstrengen (so könnte man beinahe meinen). Sein Auftritt als harter Typ mit weichem Kern erinnert zudem an seine einstige Rolle als muffiger Hauptkommissar Frank Steier. So wie er einst in der Frankfurter Ausgabe des ARD-„Tatorts“ als notorisch schlecht gelaunter Zyniker von der quirligen Nina Kunzendorf in der Rolle der Kollegin Conny Mey aus der Reserve gelockt wurde, so muss Król sich in diesem ZDF-Film an einer patenten Putzfrau abarbeiten, die sein vermülltes Haus ausmistet und dabei auch seine Seele durchlüftet.

Dass diese Komödie funktioniert, liegt größtenteils auch am Drehbuch von Martin Rauhaus, eigentlich ein Vielschreiber, der unter anderem Skripte für eine Fernsehfilmreihe wie „Liebe am Fjord“ (ARD/Degeto) verfasste, sich hier jedoch von den mentalen Daumenschrauben der Fernsehformatierung zu befreien vermochte. Frauenfiguren wie Weisers Tochter Susanne (Friederike Kempter) und auch Anneke Kim Sarnau als resolute Reinigungskraft bleiben zwar etwas schemenhaft, dafür birgt die Geschichte um Weisers schwierige Annäherung an seinen Sohn Gerd, einen verkrachten Privatdetektiv (köstlich: Tristan Seith), mit dem zusammen er seine Putzfrau vor den Fängen eines Heiratsschwindlers rettet, immer wieder skurrile Überraschungen.

Vor allem aber verblüfft der Film mit einem rabenschwarzem Humor, den man nicht mehr gewohnt ist auf diesem Montagsfilm-Sendeplatz des ZDF, der ja eigentlich für gehobene Unterhaltung steht, dieses Versprechen aber nur noch selten einlöst. Wenn Georg Weiser in der Kirche einen Joint durchzieht und das Grab seiner Frau mit Kunstrasen bedeckt, dann wird mit dieser trotzigen Verweigerung von Pietät das melancholische Grundthema gekonnt variiert. Das Buch überrascht mit gut getakteten Dialogen, in denen das Gefühl verschütteter Trauerarbeit glaubhaft hervorbricht. Besucht Weiser in einer der schönsten Szenen ein Klassentreffen, dann blickt sein alter Klassenlehrer ihm mit einem Udo-Jürgens-Lied in die Seele: Dieter Hallervorden glänzt hier singend am Klavier in einem denkwürdigen Gastauftritt. All diese humorvollen Momente verschmelzen in „Endlich Witwer“ (7,40 Mio Zuschauer, Marktanteil: 24,9 Prozent) zu einer homogenen Einheit. Lachen und Weinen liegen immer dicht beieinander. Und glücklicherweise gibt es kein klischeehaftes Happy-End. Das ZDF kann im Fernsehfilmbereich also doch noch mehr als Krimi und „Herzkino“. Gott sei Dank!

27.05.2019 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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