Martin Rauhaus/Markus Imboden: Die Eisläuferin (ARD/NDR/Arte) 

Seltsam uninspiriert

24.07.2015 •

Unbedarfte Zeitgenossen, die durch physiognomische Ähnlichkeit oder sonstige Zufälle urplötzlich in die Schaltzentralen von Regierungen oder Wirtschaftsunternehmen geraten, sind in Literatur, Kino und Fernsehen nun wahrlich ein alter Hut. Nehmen wir exemplarisch nur die hinreißende Hollywood-Komödie „Dave“ (1993), in der Kevin Kline als Dave Kovic wegen einer frappierenden Ähnlichkeit den US-Präsidenten doubeln muss, weil der bei einem außerehelichen Schäferstündchen einen Schlaganfall erlitten hat.

Oder aus deutschen Landen: „Der Job seines Lebens“ (ARD/MDR/Degeto) aus dem Jahr 2003 mit Wolfgang Stumph, der in diesem Film den Arbeitslosen Erwin Strunz spielt, der dem amtierenden Ministerpräsidenten wie ein eineiiger Zwilling gleicht, sich nach allerlei abstrusen Begebenheiten plötzlich in dessen Amtssitz wiederfindet und sich mit populistischen Entscheidungen beim Volk ungemein beliebt machte. Die harmlose, allenfalls nette Verwechslungskomödie nach einem Drehbuch von Claus Tinney unter der Regie von Rainer Kaufmann kam beim Publikum derart gut an (7,39 Mio Zuschauer), dass die ARD im Jahr darauf eine Fortsetzung in Auftrag gab („Der Job seines Lebens 2 – Wieder im Amt“).

Bei allen qualitativen Unterschieden dieser Art Filme geht es im Wesentlichen darum, auf unterhaltsame Weise erstarrte Rituale und sonstige Mechanismen der politischen Macht satirisch zu entlarven. Und da Politik als Drama im deutschen Film noch immer ein mehr oder minder weißer Fleck ist, freut man sich immer, wenn eine Produktion sich doch mal wieder traut, das Gewerbe zumindest komödiantisch zu sondieren. Und ein Film zu diesem Thema unter der Regie des vielfach preisgekrönten Markus Imboden mit Iris Berben, Thomas Thieme und Ulrich Noethen in den Hauptrollen – das schien doch beste Unterhaltung zu verheißen. Doch entgegen den Erwartungen entpuppte sich „Die Eisläuferin“ als erstaunlicher Langweiler, dem sowohl die politischen Spitzen wie auch jegliche Komik weitgehend abgingen.

Nach einer Romanvorlage von Katharina Münk hatte Drehbuchautor Martin Rauhaus die gängige Geschichte aufs Fernsehformat umgeschrieben. Und das ging so: Während eines privaten Ausflugs mit ihrem Gatten Helmuth (Ulrich Noethen) erleidet die amtierende Bundeskanzlerin Katharina Wendt (Iris Berben), geboren und aufgewachsen in der DDR, bei einen Unfall eine retrograde dissoziative Amnesie, mit der Folge, dass sie sich an nichts mehr erinnern kann, was nach dem Jahr 1989 geschah. Kanzleramtsminister Dieter Kahnitz (Thomas Thieme) ist entsetzt und versucht die Amtsträgerin allen Widrigkeiten zum Trotz so schnell wie möglich wieder in die Spur zu bringen. Dafür wird sogar ein russischer Wunderheiler (Sascha Alexander Gersak) angeheuert, der die Patientin mit seinen unkonventionellen Methoden jedoch eher glücklich machen möchte – zum Beispiel, indem er sie noch einmal zum Eislaufen animiert –, als ihr schnellstmöglich wieder zu alter Arbeitskraft zu verhelfen. Während Kahnitz ob des ausbleibenden Genesungsfortschritts, wie er ihn sich wünscht, zunehmend verzweifelt, findet Ehemann Helmuth („Wir haben die letzten Jahre doch nur noch funktioniert“) an der Verwandlung seiner Frau zunehmend Gefallen.

Hochrangigen Politikern eine Déformation professionnelle zu attestieren, ist nicht wirklich originell, aber in einer Komödie lassen sich daraus ja durchaus Funken schlagen. Doch diesbezüglich blieb der Film eine herbe Enttäuschung und verzettelte sich zudem zwischen Politsatire und rührseligem Beziehungsdrama. Die Zeichnung des Politikbetriebs beschränkte sich weitgehend auf Dienstwagenkolonnen, gesichtslose Apparatschiks in dunklen Anzügen und sinnfreie Rituale. Und da durfte die Kanzlerin – von Kahnitz trotz ihrer Defizite wieder ins Amt gesetzt – erstaunt feststellen, dass Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten eher Show- denn Gesprächstermine sind, weil die eigentliche Arbeit von Unterhändlern längst erledigt wurde. Auf diesem dürftigen Niveau bewegte sich die Demaskierung der Politik hier über weite Strecken.

Ein paar Spitzen über Katharina Wendts und also Angela Merkels Kunst des Aussitzens (NSA, Krim) machten die Sache nicht besser. Dazu hatte man Iris Berben eine Merkel-Perücke aufgesetzt und natürlich durfte auch die Merkel-Raute nicht fehlen. Warum Berben bis zur Mitte des Films derart maskenhaft agierte, als wäre die Amnesie mit einer Gesichtslähmung einhergegangen, blieb gänzlich rätselhaft. Und der Darsteller des russischen Staatschefs sah Wladimir Putin nicht nur ähnlich, sondern zog auch noch das Bein nach. Sollte das jetzt lustig oder irgendwie erhellend sein? Man weiß es nicht. Und sollte Thomas Thieme seine Rolle womöglich in erster Linie bekommen haben, weil er in puncto Körperfülle Peter Altmaier, dem amtierenden Chef des Bundeskanzleramts, so schön gleicht?

Die Reibungen mit dem DDR-Alltag im Wendejahr 1989, in dem sich Katharina Wendt („Die Mauer muss weg!“) doch eigentlich wähnte, wurden in diesem Film auf einen Kaufhausbesuch beschränkt, bei dem sie über Bananen (!) und Handys („Was ist das denn?“) staunte. Dass zu diesem Zeitpunkt Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung bereits ausgiebig mobil telefoniert hatten, spielte da auch schon keine Rolle mehr. Fraglos ist es immer ein Vergnügen, Ausnahmedarstellern bei der Arbeit zuzusehen; doch viel mehr war es auch nicht, dass einen hier vom Griff zur Fernbedienung abhielt. In Anbetracht des hochkarätigen Ensembles vor und hinter der Kamera nahm sich diese bei Arte erstausgestrahlte Produktion überraschend uninspiriert aus. Ein DVD-Abend mit „Good Bye Lenin!“, der mit einer ähnlich gelagerten Ungleichzeitigkeit spielt, wäre da unbedingt die bessere Alternative gewesen.

24.07.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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