Little Big Stars. Familienshow mit Thomas Gottschalk (Sat 1)

Gestaltet bis zur Verunstaltung

06.05.2017 •

06.05.2017 • Bei der Lola-Gala am 28. April in Berlin bekam die Cutterin Monika Schindler den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk verliehen, und zwar als erste Filmeditorin überhaupt in der Geschichte des Deutschen Filmpreises. Ihre Dankesrede war so zauberhaft bescheiden wie appellativ, dass man hier zumindest den Schlusssatz zitieren muss: „Zu einem guten Film“, sagte also Monika Schindler, „gehört auf alle Fälle ein guter Schnitt.“ Applaus! Dass Gleiches auch im Show-Bereich gelten muss, ist Konsens. Oder nicht?

Wenige Tage vor der Lola-Verleihung brachte der Privatsender Sat 1 mit der ersten Ausgabe von „Little Big Stars“ auf einem zweistündigen Sendeplatz ab 20.15 Uhr eine neue Sonntagabendshow in sein Programm. Darin treten Kinder im Alter zwischen 3 und 12 Jahren auf, die entweder unheimlich talentiert sind, weil sie seit dem vierten Lebensjahr Klavier am Konservatorium studieren und vor einem Millionenpublikum mit Chopin glänzen oder weil sie auf putzige „Dingsda“-Art originell sind und zum Beispiel Spaß an Dinosaurierknochen haben, die sie dann aus einer auf der Bühne aufgebauten Sandkiste ausbuddeln. Das alles tun sie – und das ist heutzutage im Show-Fernsehen eine Rarität – nicht vor einer Jury und auch nicht, um irgendeinen Preis zu gewinnen, sondern einfach so. Für den Fünf-Minuten-Ruhm und für den Elternstolz natürlich.

Die ziemlich altmodische Idee dafür kommt aus den USA, genauer: von den TV-Größen Steve Harvey und Ellen DeGeneres. Harvey moderiert das Original, „Little Big Shots“ genannt, bei NBC bullig-komisch und inzwischen in der zweiten Staffel. Keine andere Show seit „The Voice“ (ebenfalls NBC) habe auf dem US-amerikanischen Markt einen besseren Start hingelegt, so heißt es. Die Produktionsfirma Warner Brothers vermeldet mit Stolz Ableger auch im britischen, belgischen, italienischen, kolumbianischen und demnächst australischen Fernsehen. In Deutschland war dem Format größte Aufmerksamkeit gewiss, als bekannt wurde, dass „The one and only“ Thomas Gottschalk die Sendung moderieren werde.

Die 67 wird Gottschalk in diesen Mai-Tagen vollmachen. Bestes Renteneintrittsalter. Und auch wenn es seit seinem Aus bei „Wetten, dass..?“ (ZDF) und nach diversen verkrachten Jobs zuhauf Stimmen gibt, die ihm den Ruhestand nahelegen – nach seinem jetzigen Einsatz bei Sat 1 dürften es vielleicht ein paar weniger sein. Denn wie der Altmeister mit den little big stars umgeht, verdient „Reschpekt“. Großväterlich milde und trotzdem schlagfertig und selbstironisch wie eh und je begegnet er ihnen auf der Bühne. Und wahrt dabei stets die gleiche Augenhöhe. Wenn es sein muss, wortwörtlich. Dann legt sich der 1,92-Meter-Hüne bäuchlings aufs rote Sofa, um Ali, 5 Jahre jung, beim Plausch vor dem großen Auftritt als „Muskelprotz“ doch noch zu mehr als nur einem einsilbigen „Ja“ oder „Nein“ zu bewegen. Vor den modebewussten sechsjährigen Zwillingen Mila und Claudia macht er sich zum Hanswurst, indem er Po-wackelnd im hautengen Tiger-Overall sein Catwalk-Debüt gibt. Oder er begutachtet wohlwollend den Schopf des siebenjährigen Breakdance-Genies Djamal: „Wenn ich dich so sehe, glaube ich, mein Lockenstab ist kaputt.“

Natürlich wird bei diesem lustigen Wohlfühlfernsehen nichts dem Zufall überlassen. Gags sind abgesprochen und manche Kinderfrage an den berühmten Spaßmacher („Du wohnst ja in Los Angeles. Kann ich mal mit dem Schlafsack vorbeikommen?“) wurde wohl vorher aufgeschrieben. Doch Thomas Gottschalk schafft es, aus einem global kompatiblen Format, das von der Couchfarbe über die drehbare Bühne bis zu den stehenden Appläusen des Studiopublikums dermaßen strikt durchchoreografiert und durchgestylt ist, unverwechselbare Unterhaltsamkeit herauszuholen. Dass die Premiere von „Little Big Stars“ trotzdem danebenging, lag jedenfalls nicht am Moderator. Und damit zurück zu Monika Schindler.

Bei der Sat-1-Version von „Little Big Stars“ folgten Schindlers Berufskollegen offensichtlich übereifrig einem Trend, der gerade im Privatfernsehen wilde Blüten treibt. Shows werden in der Nachbearbeitung mit hastigen Schnitten, Close-ups auf gerührtes Publikum und Geklatsche vom Band gestaltet bis zur Verunstaltung. Statt filigranes Schnitthandwerk mit eleganten Übergängen zu bieten, das auf die Kraft einzelner Bilder vertraut und für das Monika Schindler in ihrem Genre einsteht, wird mit Blick auf ständige Abwechslung einfach nur geschnitten, was das Zeug hält. Doch all die Jump-Cuts, wie sie in semiprofessionellen YouTube-Videos gang und gäbe und noch ertragbar sind, nerven im linearen Fernsehen kolossal.

Möglicherweise kam es bei „Little Big Stars“ bei Sat 1 auch deshalb zu dem furchtbaren Verschnitt, weil das Sendematerial in drei statt der ursprünglich vier geplanten Show-Ausgaben gepresst werden musste. So oder so, Twitter-Prügel folgten, noch bevor Gastgeber Gottschalk in Ausgabe 1 den Abschiedsgruß gesprochen hatte. Er selbst, der neuerdings auf seine alten Tage hin Spaß an der 140-Zeichen-Kommunikation gefunden hat, twitterte: „Früher waren meine Anzüge schlecht geschnitten, jetzt sind meine Shows schlecht geschnitten.“ Applaus!

Die Schelte aus dem Netz hatte Folgen. Für die zweite Ausgabe von „Little Big Stars“ legten Produktion und Sender noch einmal Hand an; Twitter-O-Ton Sat 1: „Wir sind ja lernfähig.“ Der Umschnitt machte die Sendung insgesamt ruhiger, gefälliger. Auf die Quote der Show – die ja parallel zum hochpopulären ARD-„Tatort“ läuft – wirkte sich das allerdings nicht aus, das heißt, sie wurde nicht besser. Ausgabe 1 hatte 2,53 Mio Zuschauer (ab 3 Jahren) und einen Marktanteil von 7,3 Prozent; Ausgabe 2 kam auf 2,29 Mio und 7,9 Prozent. Am 7. Mai gibt es die dritte und also vorerst letzte Ausgabe von „Little Big Stars“ bei Sat 1.

06.05.2017 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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