Andreas Kleinert: Hedda (Arte)

Famose Theateradaption

29.03.2017 •

Filmische Adaptionen von Theaterstücken verheißen nicht immer Gutes. Wenn sie sich zu eng an die Vorlage halten, resultieren daraus oft wenig ersprießliche Kammerspiele, die die Möglichkeiten des Mediums ungenutzt lassen. Oder die Regisseure verfallen ins Gegenteil, indem sie die Vorlagen auf Teufel-komm-raus modernisieren und zu rasanten Filmen aufblasen, die allenfalls noch unter „frei nach“ zu goutieren sind.

Andererseits vergisst man leicht, dass viele Filmklassiker von „Cocktail für eine Leiche“ über „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und „Der Gott des Gemetzels“ bis hin zum jüngsten Oscar-Gewinner „Moonlight“ auf Bühnenwerke zurückgehen. Und mit dem Psychothriller „Die Frau von früher“ hatte sich 2013 auch schon der Filmregisseur und vierfache Grimme-Preisträger Andreas Kleinert in überzeugender Manier eines Theaterstücks aus der Feder von Roland Schimmelpfennig angenommen. Von daher durfte man einigermaßen gespannt sein, wie er mit dem aus dem Jahr 1890 stammenden Drama „Hedda Gabler“ des großen ‘Frauenerforschers’ Henrik Ibsen umgehen würde.

Kleinert verlegt den Ort des Geschehens an den Rand einer heutigen Stadt, wo Jorgen (Godehard Giese) für sich und seine Frau Hedda (Susanne Wolff) eine großzügige Villa gebaut hat. Anders als bei Ibsen verdient der Hausherr sein Geld nicht als Kulturwissenschaftler, sondern als Neurologe in einem Krankenhaus. Sozusagen als Schmerz-Profi. Kein schlechter Kniff für ein Drama, den sich Drehbuchautor Kleinert da hat einfallen lassen. Und mit wenigen Strichen zeichnet er das Verhältnis des mittelalten Paares, das da gerade aus den Flitterwochen zurückgekommen ist. Hier der sorgsam auf Ordnung bedachte, immer etwas ängstlich-besorgt dreinblickende Jorgen, da die lebenslustige Hedda, die ihn eher aus Statusgründen denn aus Liebe geheiratet hat.

Da der Arzt mit dem Bau des Hauses, das ganz nach den Vorstellungen seiner Frau konzipiert wurde, offenbar finanziell an seine Grenzen gegangen, wird das Geld knapp. Deshalb setzt Jorgen seine Hoffnungen auf eine baldige Beförderung. Vor diesem Hintergrund lädt das Paar Jorgens Vorgesetzten Professor Brack (Bruno Cathomas) zu einem gemütlichen Abendessen in die Villa ein. Doch Brack entpuppt sich bald als überaus frevelhafter Gast, der offenbar wenig von seinem Mitarbeiter hält und Hedda ungeniert erotische Avancen macht.

Damit nicht genug des Ungemachs, tauchen doch an diesem Abend auch noch Jorgens Ex-Geliebte Thea (Katharina Marie Schubert) und nicht zuletzt Eilert (Wanja Mues) auf, der einst Heddas große Liebe gewesen war, bevor er in die USA ging. Und schon nach wenigen Blickkontakten ist deutlich, dass sich an ihren Gefühlen für ihn wenig geändert hat. Ist er als unkonventioneller Weltenbummler doch das genaue Gegenteil ihres biederen Gatten. Zudem will Eilert, ebenfalls Neurologe, sich wieder in der Stadt niederlassen und wird damit zum Konkurrenten von Jorgen bei dessen Karriereplänen. Was Brack dem Gastgeber auch ebenso ungeniert wie amüsiert zu verstehen gibt.

Andreas Kleinert lässt Ibsens explosives Gemisch aus Begehrlichkeiten und Lebenslügen, das im Verlauf der Handlung mit zwei Toten endet, nahezu ausschließlich in der Villa und dem angrenzenden Wald spielen, wo sich die Figuren in ständig wechselnden Konstellationen zusammenfinden. Das hat bisweilen etwas von Bühnengeschehen, wird jedoch durch eine überaus bewegliche Kamera (Johann Feindt) immer wieder in lebendige szenische Auflösungen überführt, bei denen Naheinstellungen mit großformatigen Gruppentableaus wechseln.

Insgesamt behandelt Kleinert die Vorlage mit großem Respekt, lässt Ibsens Charaktere in ihren bürgerlichen Begehrlichkeiten und Ängsten weitgehend unangetastet und erlaubt sich allenfalls mal einen kleinen Scherz, wenn etwa Hedda mit ihrer antiken, vom Großvater geerbten Pistole Schießübungen auf einen Roboterstaubsauger macht. Nicht zuletzt kann er bei seiner filmischen Adaption auf ein Ensemble von Akteuren setzen, die beruflich mindestens so sehr auf der Bühne wie vor der Kamera zu Hause sind und hier 105 Minuten lang eine hochkonzentrierte Leistung abliefern. Und was Susanne Wolff – manchen Zuschauern womöglich in erster Linie bekannt aus der mit Bastian Pastewka als Protagonist besetzten ZDF-Serie „Morgen hör ich auf“ (vgl. MK-Kritik) – aus der Titelrolle macht, ist bisweilen grandios.

Unter dem Strich ist Andreas Kleinert mit seinem nun bei Arte erstausgestrahlten Film „Hedda“ eine souveräne Theateradaption gelungen, mit der die Kölner Produktionsfirma Broadview TV, ansonsten eher für hochwertige Dokumentationen bekannt, einen Schritt ins Fiction-Genre machte. Wobei das seltene Kunststück gelang, für die Produktion Arte, 3sat und das ZDF in ein gemeinsames Boot zu holen.

29.03.2017 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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