Stefan Stuckmann/Fabian Möhrke: Eichwald, MdB. Polit-Satire, 4 Folgen (ZDFneo/ZDF)

Wenn das ZDF mal geschwind ist

30.05.2015 •

Wo anfangen? Schwer, angesichts all der brillanten Zutaten, die die Polit-Satire „Eichwald, MdB“ zu einem ziemlich grandiosen Stück Fernsehen machen. Wo also anfangen? Am besten vielleicht bei den enorm witzig und präzise geschriebenen Dialogen: „Psychologietechnisch ist das total 80er!“ ist so ein besonders schöner Satz. Oder auch: „Wir haben zwei gute Ideen. Eine richtig gute und eine von Berndt.“ Diese Liste ließe sich ziemlich endlos fortsetzen.

Autor Stefan Stuckmann, der sein Handwerk vor allem bei der Pro-Sieben-Comedy „Switch Reloaded“ lernte, liefert im Lauf einer Minute so viele zündende Ideen und schlagfertige Dialoge, wie sie die meisten öffentlich-rechtlichen Produktionen nicht mal in ihrer gesamten Laufzeit hinbekommen. Aber es braucht auch die Regie und die Schauspieler, solche Texte mit unterspieltem Witz an den Mann und die Frau zu bringen. Beides hat die Mini-Serie „Eichwald, MdB“ (Kundschafter Filmproduktion), bei der man sich von der britischen Sitcom „The thick of it“ und deren US-Spin-off „Veep“ inspirieren ließ: Regisseur Fabian Möhrke setzt Stuckmanns Pointenfeuerwerk mit gutem Gespür für den Rhythmus in Szene.

Und bei den Schauspielern glänzt allen voran Bernhard Schütz, den man bislang im Fernsehen primär als soliden Nebendarsteller kannte. Den Bundestagsabgeordneten Hans-Josef „Hajo“ Eichwald, der sich in Mittelmaß und Mittelbau eingerichtet hat, spielt Schütz angesichts der anhaltenden Misserfolge, die dieser Politiker sammelt, mit verbalen Ausfällen und zunehmend verzweifeltem Flackern in den müden Augen. Hajo Eichwald besäße gerne die intellektuelle Schärfe und das kühle politische Kalkül des Oberintriganten Frank Underwood aus der US-Serie „House of Cards“ (nach britischem Vorbild), tatsächlich aber ist dieser Abgeordnete eher eine Art Homer Simpson des Deutschen Bundestags: opportunistisch, faul, ungeschickt und ein stetes Opfer der eigenen Triebe.

Das Team, das Eichwald zur Seite steht, ist da auch nicht wirklich eine Hilfe: Seine Büroleiterin Julia (Lucie Heinze) und sein Referent Sebastian (Leon Ullrich), die beiden Jungspunde, sind zwar fit, was Facebook, Twitter & Co. betrifft; doch insgeheim verhandeln sie im Wissen darum, dass Eichwalds Schiff eindeutig im Sinken begriffen ist, schon mit dem direkten Konkurrenten: Eichwalds Intimfeind Uwe Bornsen (Robert Schupp). Der wissenschaftliche Mitarbeiter Berndt Engemann (Rainer Reiners), Hajos Kampfgefährte aus alten, vermutlich etwas glorreicheren Tagen, ist der Einzige des Quartetts, der Politik nicht als Karriereoption gewählt zu haben scheint, sondern aus wirklichem Idealismus.

Die Figuren in dieser Produktion sind gut gezeichnet und gespielt, einzig Maren Kroymann als strenge Fraktionschefin Birgit Hanke schrammt nahe an der Karikatur vorbei. Und sie sind geschickt gesetzt: Aus dem Miteinander zwischen „alter“ und „junger“ Generation, aus alter Welt und neuen Medien schlägt die aus dem Formatlabor Quantum der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ stammende Comedy-Serie einen guten Teil ihres Witzes. Als Eichwald etwa in der ersten Folge („Der Konkurrent“) davon erfährt, dass der junge, dynamische Parteirivale Bornsen bei Tumblr ist, hat er zwar keine Ahnung, was das sein soll – doch er ist alarmiert. Und will erst mal nachlesen in „diesem Buch über das Internet“. Das sagt so ziemlich alles: Wer sich in einem gedruckten Buch über das Internet informiert, ist hoffnungslos hintendran.

Die Schnelligkeit und Frequenz von derlei Pointen ist atemberaubend, einen Gang hätte man in der Auftaktfolge durchaus zurückschalten können. So richtig es ist, keine drögen Figuren-Vorstellungsrunden zu veranstalten und den Zuschauer mitten ins Geschehen zu werfen, so stimmt es aber auch, dass der Mensch ein paar Momente zum Durchschnaufen braucht, dass sich Informationen auch mal setzen müssen, um wieder neue aufnehmen zu können. Unfassbar, dass man eine ZDF-Produktion mal für ihre überhöhte Geschwindigkeit kritisieren muss (aber nur ein ganz klein wenig).

Ab Folge 2 („Der Industrielle“), wenn Figuren und Setting einmal eingeführt sind, ist das Tempo dann perfekt. Sollte „Eichwald, MdB“ fortgeführt werden – was bislang noch nicht feststeht –, dann würde man sich einzig noch größere dramaturgische Bögen wünschen, die mehr als eine Folge überspannen und Story und Figuren mehr Raum für Entwicklung lassen. Natürlich, mit den realen Verhältnissen im Bundestag dürfte das alles so viel zu tun haben wie die Zustände an Homer Simpsons Arbeitsplatz mit einem echten Atomkraftwerk gemein haben. Das ist angesichts des sehr unterhaltsamen, in Sachen Realpolitik aber wirklich erbärmlichen Volksvertreters Hajo Eichwald ein durchaus beruhigender Gedanke.

Bleibt zum Schluss allerdings noch eines anzumerken. Die vier Folgen von „Eichwald, MdB“ wurden im Wochenrhythmus und zu passabler Sendezeit im ‘jungen Spartenprogramm’ ZDFneo erstausgestrahlt. Wo es nun aber an die Ausstrahlung im Hauptprogramm geht, bekommt das ZDF mal wieder Angst vor der eigenen Courage: Da gibt’s zuerst Folge 1 am 29. Mai (Freitag) um 23.00 Uhr und dann werden drei Tage später (Montag, 1. Juni) die Folgen 2 bis 4 ab 23.55 Uhr hintereinander ins nächtliche Nirwana versendet. Das ZDF will die Masse seines Publikums dann wohl doch nicht mit zu viel Geschwindigkeit verschrecken.

30.05.2015 – Katharina Zeckau/MK

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