Klaus Stern: Der Bürgermeister-Macher. Wahlkampf in der Provinz. Reihe „37°“ (ZDF)

Wie bei Castingshows

25.05.2017 •

In der deutschen Provinz, denkt man als Großstädter, geht es noch beschaulich zu. Auch vor Kommunalwahlen. Man kennt die Mitbürger wie die Parteien und Kandidaten, man hat seine Traditionen und Wechselwähler sind da ohnehin eine verschwindende Minderheit. Im Wahlkampf treffen sich die Wettbewerber auf dem Marktplatz, halten Schwätzchen mit den Bürgern und verteilen bunte Luftballons. Und echte Spannung kommt da auch am Wahltag eher selten auf. Denkt man. Und liegt doch völlig daneben.

Auch auf dem Land verlassen sich Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters nicht mehr auf Bekanntheitsgrad und Erfahrung, sondern man beschäftigt einen Coach, um sein Image aufpolieren und sich für öffentliche Auftritte fit machen zu lassen. Mit Klaus Abberger hat der Dokumentarfilmer Klaus Stern einen dieser Spin-Doctors (wie sie in der großen Politik heißen) überredet, sich acht Wochen lang bei seiner Arbeit im süddeutschen Raum begleiten zu lassen. Das Ergebnis ist die für die ZDF-Reihe „37°“ entstandene Reportage „Der Bürgermeister-Macher“.

Klaus Abberger, ehemaliger Lokaljournalist, präsentiert sich als jovialer Selfmademan in Wildlederjacke, der mit seinen Kunden erst einmal den Ort erkundet, nach Themen sucht („Wäre Leerstand nicht ein Thema?“) und auch gleich ein paar Fotos der Kandidaten („Etwas mehr lächeln“) für die Werbekampagne schießt. Der Autodidakt, der es mit seinem Job immerhin zu einem schicken Sportwagen gebracht hat, bietet seiner Kundschaft ein Rundumpaket. Er gestaltet Broschüren, pflegt die jeweilige Homepage, lanciert Presseartikel, schreibt Reden und erteilt bei Bedarf auch rhetorischen Nachhilfeunterricht.

Solche Nachhilfe hat Thomas Zeilmeier, der in Ispringen bei Pforzheim das höchste Amt in der Gemeinde anstrebt, auch bitter nötig. Wie der Mann verzweifelt versucht, einen von Abberger verfassten müden Gag einzustudieren, dabei jedoch immer wieder schon an der Betonung des Wortes „Känguru“ scheitert, hat etwas Tragikomisches. Man fühlt sich an die Proben eines karnevalistischen Büttenredners erinnert, dem jegliches Talent dafür abgeht. Zwischendurch findet auch der Kandidat selbst sein Training „ziemlich lächerlich“, fügt sich aber, weil er weiß, dass bei seiner Rede im Rahmen der offiziellen Kandidatenvorstellung auch Entertainer-Qualitäten gefragt sind. Ähnlich geht es Carmen Merz, der zweiten Kandidatin in diesem Film, die ihr Glück in Zimmern ob Rottweil versucht und dabei ebenfalls auf Abbergers Dienste setzt.

Klaus Stern, vielfach preisgekrönter Dokumentarfilmer, hat einschlägige Erfahrungen mit Bürgermeistern und Provinz. In „Henners Traum“ (vgl. FK-Heft Nr.  47/09) begleitete er die ebenso ambitionierten wie absurden Versuche von Heinrich Sattler, Bürgermeister in Hofgeismar, in Nordhessen den größten Freizeitpark Europas zu errichten. Das Erstaunlichste ist eigentlich, dass es Klaus Stern einmal mehr geschafft, auch für diesen vergleichsweise kleinen Film für die Reihe „37°“ das Vertrauen seiner Protagonisten zu gewinnen. Was man sich nicht schwierig genug vorstellen kann. Schließlich war es hier nicht damit getan, den Coach zu überzeugen, sondern zudem mussten ja auch noch die beiden Kandidaten bereit sein, sich während der ohnehin stressigen Wochen von der Kamera begleiten zu lassen.

Und schließlich bestand für die drei Mitwirkenden bei ihren Wahlvorhaben auch das Risiko des Scheiterns. Zumindest der Medienprofi Abberger wird sich vorher schlau gemacht haben, wer ihm da bei seinem Tun über die Schultern schauen möchte. Dabei wird er erfahren haben, dass Klaus Stern seine Figuren nicht vorführt, geschweige denn, sie im Off-Kommentar mit Häme überzieht. Andererseits hält sie der Filmemacher aber auch nicht davon ab, sich selbst der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein Moment, das in Stern Langfilmen stärker zum Tragen kommt als hier in „Der Bürgermeister-Macher“ (1,84 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,1 Prozent); aber auch diese kurzweiligen 30 Minuten bleiben nicht ohne Situationskomik, wenn etwa deutlich wird, dass Abbergers Reden für seine beiden Kunden aus nahezu exakt denselben Hohlphrasen bestehen. Zudem gelingt es Klaus Stern wunderbar, gemeinsam mit Kameramann Frank Marten Pfeiffer mit nur wenigen Einstellungen die Atmosphäre der Provinz einzufangen. Die kontrastierende, dezent ironische Musik zu den Bildern tut ein Übriges. Und da die näher rückenden Wahltermine so etwas wie eine Countdown-Dramaturgie vorgeben, hat die Reportage sogar ein echtes Spannungsmoment.

Am Ende bringt der Coach beide Kandidaten durch und ist sichtlich erleichtert. Niederlagen – und die auch noch in einem Film dokumentiert – wären für ihn schließlich geradezu geschäftsschädigend gewesen. So weiß man am Schluss, dass selbst in der Provinz Bürgermeisterwahlen etwas von Castingshows haben. Dass der Film ohne jeden Kommentar auskommt, ist für Klaus Stern eine Selbstverständlichkeit, für die Reihe „37°“ jedoch schon fast eine Sensation. Denn überwiegend zeichnen sich deren Reportagen zu menschelnden Themen nicht nur durch ihre filmisch betuliche Machart, sondern auch durch Unmengen an Kommentartext aus.

25.05.2017 – Reinhard Lüke/MK