Benjamin Zakrisson-Braeunlich/Stephan Lacant: Toter Winkel (ARD/WDR)

Politische Konflikte erzählt als Familienkonflikte

31.05.2017 •

Der Schauplatz des Films präsentiert sich nach der Einblendung seines Titels als kleinbürgerliche Idylle: harmonisches Familienleben im Drei-Generationen-Verbund drinnen, Einzelhändler-Milieu mit Fußgängerzone draußen, ein Kleinstadt-Mittelstandsszenario, das es so eigentlich nur noch in abgelegenen Regionen gibt. Die ersten vier Minuten vor dem Filmtitel haben allerdings schon eine Ahnung davon gegeben, dass diese Welt nicht so heil ist, wie sie erscheint. Sie schildern in dramatischen Sequenzen die Abschiebung der aus dem Kosovo stammenden Familie Krasniqi, bei der der 16-jährigen Tochter Anya (Emma Drogunova) aber die Flucht gelingt.

In dem Film „Toter Winkel“ geht es jedoch vor allem um einen Vater-Sohn-Konflikt zwischen dem ortsansässigen Friseur Karl Holzer (Herbert Knaup) und dessen Sohn Thomas (Hanno Koffler), ein Konflikt, der durch das Aufeinanderprallen von heiler Familienwelt und rechtsextremistischer Gewalt sichtbar wird. Die Handlung suggeriert, dass der Rechtsextremismus in der Mitte der Bevölkerung angekommen ist. Es ist ein realistisches Szenario (die Autos im Film tragen sichtbar das Kennzeichen von Düren) und es erscheint dennoch unwirklich, weil es weitab von bekannten Milieus von gewaltbereiten Neonazi-Gruppen angesiedelt ist.

Der Film verbindet das Krimi-Genre mit dem Familiendrama; wichtige Entscheidungen, die den Fortgang der Handlung betreffen, fallen immer mit Blick auf die Familie. Sie ist auch der wichtigste Bezugspunkt, wenn es darum geht, darüber zu entscheiden, was ‘Recht und Ordnung’ ist. So kommen politische Argumente, allgemeine gesellschaftspolitische Krisen und Konflikte als mögliche Handlungsmotive, wenn überhaupt, nur andeutungsweise vor. Als Ursachen für rassistisches Denken und das Handeln des Sohnes erscheinen vielmehr die von Vater und Sohn betriebene Kaninchenzucht und ihrer beider Betätigung als Hobbyschützen. Die Kritik am gegenwärtigen politischen Klima beispielsweise beschränkt sich im Grunde genommen auf die Szenen vor dem Filmtitel, insofern hier die Abschiebung der kosovarischen Familie durch Polizei und Ausländerbehörde so gezeigt wird, dass sie vom Zuschauer – zunächst – für zutreffend gehalten wird.

Indem der Film jedoch politische Konflikte nur im Gewand von Familienkonflikten erzählt, wird er dem eigenen Realismus-Anspruch nicht gerecht. Das wird besonders bei den beiden Charakteren deutlich: So glaubt man – trotz guter schauspielerischer Leistungen – weder dem Vater den Friseur, der zum tragischen Helden wird, noch dem Sohn den fürsorglichen Familienmenschen, der ein Doppelleben als gewalttätiger Rechtsextremer führt.

Trotz dieser inhaltlichen Unstimmigkeiten ist „Toter Winkel“ sehr spannend. Bei dem Film hat Benjamin Zakrisson-Braeunlich das Drehbuch verfasst und Stephan Lacant Regie geführt (Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion). Die Handlung wird linear erzählt: Schritt für Schritt kommen die Protagonisten wie die Zuschauer der Wahrheit immer näher. Die ersten Informationen über einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund bei dem von einem Lastwagen tödlich erfassten Manuel gibt es nach knapp 20 Minuten durch einen mit Karl Holzer befreundeten Polizisten, der erste Ermittlungsergebnisse verrät. Und die erste Information darüber, dass es sich im Fall der Familie Krasniqi offenbar nicht um eine ‘echte’ Abschiebung gehandelt hat, kommt etwa in der Mitte des Films: Als Anya sich bei der Suche nach ihren Eltern endlich um Hilfe von amtlicher Seite bemüht, wird ihr unterstellt, die Abschiebung erfunden zu haben.

Kurz darauf singt Karl Holzers Enkelin Nora beim Haareschneiden durch ihren Opa die „Wacht am Rhein“. Holzer findet dann in der Garage das Handy von Anyas Vater und somit ist zumindest für den Zuschauer klar, dass es sich bei der Abschiebung in Wirklichkeit um eine kriminelle Tat mit rechtsextremem Hintergrund handelt. Rückblenden gibt es nur gegen Ende des Films; sie erzählen, was der kosovarischen Familie nach ihrer angeblichen Abschiebung tatsächlich widerfahren ist: Sie wurde von der rechtsradikalen Gruppe, mit der Holzers Sohn in Verbindung steht, ermordet und verscharrt.

Treibende Kraft bei der Aufdeckung der Hintergründe des Geschehens ist der Friseur und nicht die Polizei. Er ist aber nicht der über jeden Zweifel erhabene Held, sondern eine tragische Figur, die letztlich zum Mitschuldigen wird. Die beiden Erzählstränge des Films, nämlich die Geschichte der sich auf der Flucht befindenden Anya und die der Familie Holzer, werden zunächst parallel erzählt. Es ist schon eine Filmstunde um, als es zum ersten Mal so aussieht, als käme es zu einem Zusammentreffen: Karl Holzer klingelt an der Wohnungstür der Krasniqis, hinter der Anya steht, aber nicht zu öffnen wagt.

Zu einer echten Interaktion zwischen beiden kommt es jedoch erst in der Schlussphase des Films, als Karl Holzer seinem Sohn Thomas bei der Suche nach Anya hilft. Nachdem es Thomas nicht gelingt, das Mädchen zu töten, weil sein Vater ihm eine defekte Pistole untergeschoben hat, erscheint endlich die Polizei. Doch trotz dieses Ausgangs, bei dem das Unrecht letztendlich vollständig aufgedeckt wird, hat der Film (4,17 Mio Zuschauer, Marktanteil: 13,7 Prozent) kein Happy-End. In einer der letzten Szenen wird vielmehr Anya, die einzige Überlebende der Mordtaten an ihrer Familie, in ihrer Verzweiflung gezeigt.

31.05.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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