Klaus Stern: Henners Traum – Das größte Tourismusprojekt Europas. Reihe „100% Leben“ (ZDF)

Blaumilchkanal

20.11.2009 •

Auf den ersten Blick klingt das Projekt ebenso beeindruckend wie einleuchtend. In einem nordhessischen Provinzstädtchen, in dem es viele Arbeitslose und landschaftlich schönes Brachland gibt, soll ein gigantisches Luxus-Ferienresort entstehen, das „ein bisschen wie Schloss Versailles“ aussieht. Mit gleich mehreren Golfplätzen und Wellness-Centern sollen hier bei einem Investitionsvolumen von rund 420 Mio Euro knapp 1000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Sogar Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) meint: „Das ist der Durchbruch im Tourismus.“ Doch der Durchbruch lässt auf sich warten.

Von Januar 2006 bis November 2008 hat der Grimme-Preisträger Klaus Stern den Mann mit der Kamera begleitet, der als unermüdlicher Motor hinter diesem Projekt steht: Henner Sattler, CDU-Bürgermeister der 17 000-Seelen-Gemeinde Hofgeismar im eigentlich eher „roten“ Norden von Hessen. Sterns Dokumentarfilm „Henners Traum – Das größte Tourismusprojekt Europas“, der als Auftakt der siebenteiligen Reihe „100% Leben“ der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ ausgestrahlt wurde, erhielt jüngst den Hessischen Filmpreis, lief neun Monate in einem Kasseler Kino und sorgte in der Region für einige Diskussionen.

Es wäre für Klaus Stern ein Leichtes gewesen, Henners Traum als jene skurrile Provinzposse darzustellen, als die sie in den wohlwollenden Vorabkritiken zu dem Film der Einfachheit halber auch dargestellt wird: „Regnet es dort viel?“, fragt ein potenzieller Großinvestor, der einen Teil der notwendigen 400 Mio Euro zuschießen soll – und an Henner Sattlers Gesichtsausdruck scheint man ablesen zu können, dass er diesen nicht unwichtigen Standortfaktor für sein Ferienparadies offenbar nicht einkalkuliert hat. Doch so einfach ist die Geschichte nicht.

Es ist das große Verdienst dieser ebenso genauen wie zurückhaltenden Langzeitbeobachtung, die lokalpolitischen Mikromechanismen und ihre Protagonisten in ihrer „situativen Wendigkeit“ ganz aus der Nähe zu betrachten. Wenn Stern in den unterschiedlichsten Situationen der Planungsphase mit der Kamera dabei ist, dann entsteht zum Teil der Eindruck einer Doku-Soap. Doch „Henners Traum“ unterscheidet sich von diesem Genre radikal. Es gibt keinerlei Informationen per Off-Sprecher, und die spärlichen Inserts markieren jeweils nur den Ort und die Zeit. Der Zuschauer ist Zaungast bei Sitzungen, Meetings, Pressekonferenzen und Ortsterminen. Erst nach und nach reimt man sich zusammen, um was es eigentlich geht. Bevor der Zuschauer schließlich verstanden hat, dass da ein Luftschloss gebaut werden soll in Nordhessen, hat er eines aber bereits mitbekommen: Hier werden horrende Sitzungsgelder verbraten, und zwar für nichts.

„Henners Traum“ ist ein Film über einen vielfältig verzahnten bürokratischen Mechanismus, bei dem man nicht sagen kann, wo er anfängt und wo er aufhört. Klaus Sterns Beobachtungen befinden sich stets auf Augenhöhe des umtriebigen Bürgermeisters. Kritische Gegenstimmen zeigt der Film kaum, der somit fast ausschließlich aus der Sicht des Träumenden gedreht ist. Dabei wäre es schon sehr aufschlussreich gewesen, die Begründung des SAP-Milliardärs Dietmar Hopp zu hören, der nach anfänglichem Interesse dann doch die Finger von diesem Bauvorhaben ließ.

Henners Mit- und Gegenspieler ist der Architekt Tom Krause, der dem Projekt eine visuelle und verbale Gestalt gibt. Der Marketing-Profi, der mit seinem Architekturbüro bereits einige märchenhafte Paläste für schwerreiche Wüstenscheichs in Dubai gebaut hat, wirkt wie eine Mischung aus Global Player und Bauernfänger. Der viel beschäftigte Jet-Setter fliegt um die Welt von Termin zu Termin. Gegen Ende des Films sieht man nur noch, wie Henner mit ihm telefoniert. Tom Krause scheint gar nicht mehr zu landen.

„Henners Traum“ ist keine investigative Reportage über ein unrealistisches Immobilienprojekt und auch kein konventionelles Porträt über den ‘visionären’ Bürgermeister, von dessen Privatleben wir im Übrigen wenig mitbekommen. Wie in den Filmen von Harun Farocki, der mit großer Neugierde Strukturen und Prozesse betrachtet, lernen wir in Klaus Sterns 90-minütigem Dokumentarstück etwas über sich verselbständigende Dynamiken im Grenzbereich zwischen Politik und Wirtschaft. „Henners Traum“ ist ein Film über einen Provinzbürgermeister, der – mit Ephraim Kishon gesprochen – eine Art „Blaumilchkanal“ bauen will. Die als normaler Alltag geschilderte Absurdität besteht darin, dass hier jede Menge Staatsbeamte und Politiker involviert sind, ohne zu erkennen, dass das Ganze nicht funktioniert. Erst als die beauftragte Baufirma Bilfinger und Berger aussteigt, wird klar, dass das Projekt nicht mit der harten unternehmerischen Wirklichkeit geerdet ist.

Zwischendrin zeigt Stern uns idyllische Bilder der unberührten Landschaft. Auf leisen Pfoten stapft die Wildkatze durchs hohe Gras, unbekümmert von dem ganzen Mammutprojekt, das höchstwahrscheinlich nie realisiert wird. Anzeichen des Scheiterns sehen wir, wenn Henner den jungen Mann von der Werbefirma im Rathaus empfängt. Der Art Director will die DVD mit dem Werbeclip über das „Schloss Beberbeck Resort“ präsentieren – der gestaltet ist wie eine Vorabend-Daily-Soap. Doch dann streikt die hochgerüstete Videoanlage, die, so erfahren wir, immerhin „17.000 Euro“ verschlungen hat. Henner wird stinksauer und möchte die teure Elektronik am liebsten „in die Tonne“ werfen. Wenn man diese vermeintlich nebensächliche Panne im Verhältnis zum finanziellen Aufwand und der Blauäugigkeit der Beteiligten hochrechnet, wird indirekt klar, von welcher Natur die Verstrickungen sind, die hier geknüpft wurden.

„Henners Traum – Das größte Tourismusprojekt Europas“ ist ein Dokumentarfilm im besten Sinn des Wortes. Ähnlich wie in einem Spielfilm identifiziert der Zuschauer sich mit Henners Traum, der sich ganz allmählich in einen Alptraum verwandelt. Allein Henner scheint davon nichts mitzubekommen. Das Tragische und das Komische halten sich dabei die Waage. Nur 220.000 Zuschauer (Marktanteil: 4,7 Prozent) sahen diesen sehr guten Film, den das ZDF von halb eins bis zwei Uhr nachts wirklich zu einer unmöglichen Zeit sendete – auch ein Alptraum.

• Text aus Heft Nr. 47/09 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

 

 

20.11.2009 – 20.11.09 – Manfred Riepe/FK