Wolfgang Murnberger/Peter Probst: Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit (ARD/BR/ORF)

Filmisches Tiefland

11.12.2015 •

Luis Trenker (1892 bis 1990) hat auch heute noch einen überraschenden Bekanntheitsgrad. Einer seiner Filme war „Der Berg ruft“ und dieser Titel ist sogar zu einer viel benutzten und variierten Redewendung geworden. Mit seinem Gesicht, das wie in eine Bergwand eingemeißelt schien, hatte er in einem TV-Spot aus den 1970er Jahren für Pfanni-Knödel geworben. Wer aber dieser ehemals braune Gipfelstürmer wirklich war, weiß man irgendwie nicht so genau. In dieses Zwielicht versucht Wolfgang Murnberger mit seinem Spielfilmporträt „Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit“ vorzudringen. Das Drehbuch dazu verfasste der Vielschreiber und Grimme-Preisträger Peter Probst.

Mit einer Mischung aus Fakten und Fiktion fokussiert der Film (der wegen eines ARD-„Brennpunks“ 20 Minuten später begann als ursprünglich vorgesehen) zwei markante Episoden im knapp hundertjährigen Leben Trenkers. Aufgrund seines ‘Flirts’ mit den Nazis schien die Karriere des Naturburschen, Alpinisten und Bergfilmers nach dem Krieg vorüber zu sein. Um im Filmgeschäft wieder Fuß zu fassen, fährt er im Sommer 1948 zu den Filmfestspielen nach Venedig, weil er dort das Tagebuch der Hitler-Gattin Eva Braun an jüdische Hollywood-Produzenten zur Verfilmung verkaufen will. In diesem allerdings gefälschten Dokument diffamiert Trenker seine Ex-Geliebte Leni Riefenstahl, die im Filmgeschäft auch seine langjährige Kontrahentin war und den Notizen zufolge angeblich nackt vor Hitler getanzt haben soll.

Ob diese schräge Geschichte authentisch ist, ist zweitrangig. Sie bildet den originellen Aufhänger, um Trenkers Geschichte mit der Leni Riefenstahls ineinander zu spiegeln. Eigentlich eine gute Idee. In Rückblenden wird aufgerollt, wie die beiden sich kennenlernten, wie ihre Filmkarrieren verliefen und wie sie auf unterschiedliche Weise mit den Nazis paktierten und es sich dabei immer gutgehen ließen. Das klingt nach einer ironisch überdrehten Kolportage. Murnberger versucht dieses Biopic im Stil einer Serie von Boulevard-Zeitungsberichten zu inszenieren. Das gelingt nicht wirklich. Der im Vorfeld vielerorts gelobte Film ist schwere Kost, und zwar aus zahlreichen Gründen.

Man findet sich in den Rückblenden nur schwer zurecht, weil wichtige Nebenfiguren wie zum Beispiel der Bergfilm-Regisseur Arnold Fanck (André Jung) unscharf gezeichnet sind. Auch der Blick auf Trenkers Filme und seinen Einfluss auf das Kino – ein spannendes Thema – bleiben sehr schemenhaft. Das gilt leider auch für das Zentrum der NS-Macht. Arndt Schwering-Sohnrey verkörpert Propagandaminister Joseph Goebbels so klischeehaft exaltiert, wie man es aus vielen misslungenen deutschen Produktionen gewöhnt ist. Von dieser Hampelmannfigur geht keine spürbare Bedrohung aus.

Nicht überzeugend besetzt ist auch die Rolle jener ehrgeizigen Filmemacherin, die die Ästhetik der NS-Ideologie entscheidend prägte. Man kennt Leni Riefenstahl aus Ray Müllers dreistündiger Dokumentation, in der die damals fast 90-Jährige ihre handwerkliche Virtuosität demonstrierte, dabei aber auch ihre Engstirnigkeit und ihre unfassbare Verblendung demonstriert. Dieser charismatischen Figur wird die verhuschte Brigitte Hobmeier, die wie ein närrisches Hinkel durchs Bild flattert, nicht gerecht. In einer Szene, bei der man spürt, dass der Film in die Vollen gehen will, vollführt Riefenstahl einen Ausdruckstanz-Striptease. Dann hüpft sie breitbeinig auf den im Bett liegenden Trenker. Was ironisch überzogen gemeint ist, wirkt hier unfreiwillig komisch und offenbart nur fehlende Inspiration. Der Film findet nicht die Balance zwischen Farce und Biopic.

Die Besetzung der Hauptrolle mit Tobias Moretti, der ähnliche Wurzeln wie der Südtiroler Luis Trenker hat, scheint nahezuliegen. Doch der Burgschauspieler, der schon in Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ in einer ähnlichen Charakterrolle kaum überzeugte, kann auch den windigen Salonlöwen Trenker nicht zum Leben erwecken. „Sie können so gut erzählen, Herr Trenker“, schwärmt eine junge Journalistin. Doch dieses einnehmende Wesen nimmt man dem in diesem Film ungelenk chargierenden Moretti nicht ab. Er steht immer ein Stück neben der Rolle und außerdem nervt seine pausenlos aus dem Off säuselnde Erzählstimme. Worte, Worte, nichts als Worte. Luis Trenker? Nein, den nimmt man Moretti nicht ab.

Einmal nur ist der Protagonist dort zu sehen, wo man ihn in der Erinnerung platziert: Während er jauchzend seinem Publikum zuwinkt, seilt er sich artistisch von einer Felswand ab. Leider sieht das so aus, als kraxelte er in einem Kletterstudio, bei dem man digital ein Bergpanorama eingeblendet hat. Der Film (3,62 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,6 Prozent) wirkt seltsam künstlich und hat so gar keine Atmosphäre.

Deshalb funktioniert auch die Moral der ganzen Geschichte nicht. Als Trenker in Venedig seine fingierte Eva-Braun-Geschichte nach Hollywood verkaufen will, unterbricht der jüdische Filmproduzent sein Geschwafel: Nach sechs Millionen ermordeten Juden sei man nicht an Hitlers Fußbädern interessiert. Traurig wirft Trenker sein Manuskript in den Kanal. Daraufhin verirrt er sich in die Premiere von „Morituri“, einem der ersten Holocaust-Filme. Nein, davon will der notorische Opportunist nichts wissen. Doch die Ernsthaftigkeit dieser Argumentation passt nicht zu diesem belanglosen Biopic (Produktion: Roxy Film und EPO Film), das weder die Tragik noch das Groteske seiner Hauptfigur in den Griff bekommt. Das ist schade. Denn das Thema ist ein unbestiegenes Matterhorn. Filmisch gesehen ist Murnbergers Trenker-Porträt leider nur Tiefland.

11.12.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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