Empörung schafft Aufmerksamkeit

13.09.2018 • «Der Irrtum besteht darin, zu denken: ‘Menschliche Natur ist menschliche Natur und Technik ist dieses neutrale Ding, das keinen Einfluss hat.’ Aber das ist nicht wahr. Die Technologie hat eine bestimmte Tendenz, sie verfolgt ein Ziel, nämlich die Aufmerksamkeit möglichst vieler Menschen zu erreichen. Was kann die Aufmerksamkeit von Milliarden von Menschen erregen, fesseln und halten? Und nicht nur das, sondern auch: Was bringt sie dazu, Dinge zu teilen? Wie sich zeigt, eignet sich Empörung dafür besonders gut. Ob Facebook will oder nicht, sie kriegen mehr Aufmerksamkeit, wenn sie Feeds zeigen, die voller Empörung sind, als wenn sie sagen: ‘Solche Posts zeigen wir nicht.’ Verbreitet wird, was am polarisierendsten ist, was am empörendsten und furchtbarsten ist. Alles ist darauf ausgerichtet, das Schlechteste von uns hervorzubringen.»

Tristan Harris, von 2013 bis 2016 mit Sitz in San Francisco Ethik-Beauftragter bei Google, im Kinofilm „The Cleaners“, der am 28. August 2018 bei Arte (21.50 bis 23.15 Uhr) gezeigt wurde und zwei Wochen darauf am 11. September im Ersten Programm der ARD (22.45 bis 0.10 Uhr). Die Fernsehsender gaben dem Dokumentarfilm den Zusatztitel „Im Schatten der Netzwelt“. „Cleaners“ sind sogenannte Content-Moderatoren, die für Internet-Konzerne wie Facebook Beiträge sichten und unerwünschtes Material entfernen.
 

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Was wir da geschaffen haben

«Der Rohingya-Genozid in Burma ist nur eine unter vielen Auswirkungen. Ausgelöst von einigen wenigen Plattformen, die hier in Kalifornien von einer Handvoll Leuten geschaffen wurden, Leute, die so ähnlich aussehen wie ich, junge weiße Ingenieure, deren Entscheidungen, so wohlüberlegt sie auch sein mögen, Auswirkungen auf das Denken von zwei Milliarden Menschen haben. Und die Menschen in Burma haben keinerlei Kontrolle darüber. Sie können nicht melden, dass diese Fake News zum Genozid beitragen. Sie verbringen Tag für Tag auf Facebook und wissen um das Fake-News-Problem, das den Völkermord befeuert, aber sie haben keinerlei Möglichkeit, es zu melden und dafür zu sorgen, dass sich jemand darum kümmert. Wir sollten uns wirklich in Acht nehmen vor dem, was wir da geschaffen haben.»

Tristan Harris im selben Film

13.09.2018 – MK

Print-Ausgabe 24/2018

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