Alexander Adolph: Der große Rudolph (ARD/BR/WDR/ORF)

Eine echte Sternstunde

20.09.2018 • Die wundersame Geschichte vom exzentrischen Modemacher in München und dem naiven Mädchen aus der Provinz. Die Rudolph-Moshammer-Hommage von Alexander Adolph überrascht mit einer kuriosen Freundschaftsstory und begeistert als vergnüglicher Mix aus Gesellschaftssatire und Charakterporträt. Brillant gespielt, mit funkelnder Erzähllust in Szene gesetzt, entpuppt sich die 90-minütige Produktion „Der große Rudolph“ als echte Sternstunde des deutschen Fernsehfilms.

Der Exzentriker Rudolph Moshammer (großartig: Thomas Schmauser) putzt seine Erscheinung mit Perücke, Schoßhündchen Daisy und Rolls-Royce bizarr heraus. Was wie eine vulgäre Parodie auf Luxus und Extravaganz aussieht, findet als Image-prägende Selbstinszenierung bei der klatschsüchtigen Boulevardpresse Anerkennung. Das naive Mädchen Evi (hinreißend: Lena Urzendowsky) hat in Moshammers Boutique für Herrenausstattung eine Lehrstelle gefunden. Das schüchterne und unscheinbare Mädchen versteht sich gut mit seinem Chef. Irgendwie mögen die beiden sich, was anfangs merkwürdig erscheint und in einem beinahe märchenhaften Ton erzählt wird.

Rudolph der Magier („Ich verzaubere die Menschen“) und Evi als Inbild jener reinen Seele, die in echten Märchen verzauberte Prinzen erlösen könnte. Die Dritte im Bunde ist Moshammers Mutter (souverän: Hannelore Elsner). Sie zeigt sich intrigant und giftig wie die hexenhafteste Märchen-Stiefmutter. Im Gegensatz zu den anderen Protagonisten ist die Figur der Evi biografisch nicht verbürgt, funktioniert in ihrer schlichten Aufrichtigkeit und Zurückhaltung dramaturgisch aber als perfektes Gegenbild zum gespreizten Promi-Theater der Moshammers. (Zum Schauspieler-Ensemble in diesem Film zählen außerdem Robert Stadlober, Hanns Zischler und Sunnyi Melles.)

Die Erzählung beginnt mit Rudolphs Verkaufsmantra: „Ich zeige Ihnen, wer sie wirklich sind, ich sehe das Feinstoffliche, das Hochsensible!“ Der Großmeister der Selbstinszenierung und Selbstvermarktung stellt sich auf jeden Kunden ein, verkauft aber allen dieselbe Verheißung, die sinngemäß lautet: Ich entdecke dir dein wahres Selbst, wenn du meinen völlig überteuerten Krempel kaufst, an dem ja nicht das Dingliche interessiert, sondern einzig die von mir magisch imprägnierte Idee prachtvoller Selbstpräsentation. Ein Verkaufstrick, der mit ätzendem Witz demaskiert, aber auch in seiner ganzen Wirksamkeit gezeigt wird. Trägt nicht jeder die Sehnsucht nach der Offenbarung eines besseren, strahlenderen Ichs in sich? Es ist was dran an Rudolphs Aschenputtel-Narrativ, es wirkt, wenn man daran glaubt, Evi kann es bezeugen, wenn sie sich die Blüte, die Rudolph ihr schenkt, an die Jeansjacke steckt.

Die Erzählzeit des Films, den 4,13 Mio Zuschauer sahen (Marktanteil: 14,5 Prozent), konzentriert sich vorbildlich auf wenige Wochen des Jahres 1983 und hakt nicht in üblicher Biopic-Manier die Lebensstationen des Rudolph Moshammer (1940 bis 2005) ab. Auf Moshammers Kindheit und seinen tragischen Tod wird in Andeutungen verwiesen. Man sieht ihn 1983 als einen, der mit seiner Boutique an der Maximilianstraße Erfolg hat und sich als Zeremonienmeister für die Events der Münchner Möchtegern-Prominenz aufspielt. Aber seine Finanziers verlangen von ihm mehr Umsatz, mehr Medienpräsenz und echte Prominenz als Kundschaft, am liebsten steinreiche Adelige. Widerstrebend lässt Moshammer sich auf solche Forderungen ein und Evi kann ihm an diesem Wendepunkt seiner Karriere tatsächlich zur Komplizin werden.

Doch zur eifersüchtigen Mama, die alle seine Schritte dirigieren will, muss er sagen: „Ach, Mama, die Evi, das ist eine kleine verhuschte arme Sau, die niemand kennt, mit der kann man machen, was man will.“ Ja, Rudolph kann auch richtig fies sein, aber diese Gemeinheit sagt er nur, um die Mutter zu beruhigen. Die Mama ist sein Verhängnis. Mama ist es auch, die ausposaunt, dass er sich für die Obdachlosen unter der Wittelsbacherbrücke einsetzt, und sie behält mit der Prophezeiung Recht, dass Rudolph zum „König der Herzen“ avancieren werde. Wie er sich anfangs noch verzweifelt dagegen wehrt, dass sein aus der Erinnerung an den sozialen Absturz des Vaters entsprungenes Engagement für die Obdachlosen öffentlich bekannt und medial ausgeschlachtet wird, bildet das dramatische Herzstück dieses grandiosen Moshammer-Porträts (Produktion: Producers at Work).

Ein Hinweis noch für Tocotronic-Fans: Beim großen Party-Finale hat Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow als blondierter Sänger einer 1980er-Popband einen herrlichen Gastauftritt.

20.09.2018 – Rainer Gansera/MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

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