Anne Wild: Schwestern. Reihe „Debüt im Dritten“ (SWR Fernsehen)

Kloster, Kühe und Konflikte

04.12.2015 •

Seit nunmehr 30 Jahren bietet der Südwestrundfunk (SWR; bzw. sein Vorgängersender) mit der Reihe „Debüt im Dritten“ dem filmischen Nachwuchs ein Sprungbrett in die Professionalität. Debüt ist dabei nicht mit Premiere gleichzusetzen. Viele Erstlingswerke werden zu Festivals eingeladen oder gehen sogar in den Kinoverleih. Die größere Reichweite aber erhalten sie über das Fernsehen, selbst wenn die Erstausstrahlung im Dritten Programm eher in einer Nische stattfindet. Wobei eigentlich im Zeitalter der technischen Programmdiversifikation und der daraus folgenden zunehmenden Zuschauerautonomie von Nischen bald gar nicht mehr gesprochen werden kann. Und zu ergänzen wäre noch: Das SWR Fernsehen zeigt die Debütfilme immerhin zur Primetime um 20.15 Uhr.

Die Tragikomödie „Schwestern“ (Produktion: Dreamtool mit Beta Film), geschrieben und inszeniert von Anne Wild, war der dritte Beitrag der diesjährigen Staffel. Der Titel birgt doppelte Bedeutung: Gemeint sind leibliche Schwestern, aber auch Ordensschwestern. Katharina Kerkhoff (Marie Leuenberger) steht vor der festlichen Einkleidung und damit vor dem Schritt ins Noviziat. Zu diesem besonderen Ereignis sind mehrere Mitglieder ihrer Familie angereist, die Katharinas Entscheidung mit Respekt, aber auch mit Skepsis, Unverständnis oder sogar Ablehnung begegnen. Dennoch möchten sie der kirchlichen Zeremonie beiwohnen. Die aber verzögert sich.

Es bleibt Zeit für eine kleine Wanderung, für Gespräche, den Austausch von Neuigkeiten, auch für materielle Anliegen. Katharinas Bruder Dirk (Felix Knoop) plagen Geldsorgen, sein ambitionierter Kleinverlag trägt sich nicht. Er hofft auf eine Finanzspritze von Onkel Rolle (Jesper Christensen), einem alternden Dandy, der mit seiner deutlich jüngeren Freundin Jola (Lore Richter) erschienen ist, dennoch unverhohlen mit Katharinas Mutter Usch Kerkhoff (Ursula Werner) flirtet.

Während sich die Kerkhoffs die Zeit vertreiben, wird deutlich, dass alle mit ihrem bisherigen Leben hadern. Insbesondere Saskia (Maria Schrader), die aus London angereist ist, früher Sängerin war, aber ihre Stimme verloren hat, bekrittelt Katharinas Entschluss, Nonne zu werden, und bewundert sie zugleich für ihre Klarheit und Entschlossenheit. Namentlich Saskia, aber auch die übrigen empfinden ein Ausgesetztsein, sehen sich als ohnmächtige Spielbälle des Schicksals und hoffen insgeheim auf eine ähnliche Stabilität, wie sie Katharina im Kloster gefunden zu haben scheint. Nicht zwingend im Glauben, denn spirituelle Inhalte kommen in diesem Film nur beiläufig zur Sprache. Interessanterweise ist es die junge, als attraktives Anhängsel eingeführte Jola, die diesbezüglich Verständnis und tiefere Einsicht äußert. Eine erfreuliche Umwidmung eingängiger Klischees.

Über weite Strecken aber gleicht „Schwestern“ jenem Typ Film, in dem ein Familienfest oder ein Feiertag eine Gruppe von Personen zusammenführt, die alsdann situativ bedingt neue oder lange zurückgehaltene Konflikte austragen und, so das Hollywood-Muster, am Ende zu neuer Harmonie gelangen. Katharina, die angehende Novizin, erscheint erst spät auf der Bildfläche. Die Zeit bis dahin vergeht durch Gespräche, Diskussionen, kleine Streitereien. Katharinas kleine Nichte Marie (Rita Luise Stelling) sondert sich ab und wird gesucht, während ein heftiger Sturm aufzieht. Für ein wenig Slapstick ist gesorgt, weil die Gäste während ihres Spaziergangs ein Gatter offenlassen, woraufhin eine Kuhherde ausbüchst und nach Cowboy-Manier wieder eingefangen werden muss. Diese Szenen wirken jedoch aufgesetzt, wie Fremdkörper. Da werden die armen Kühe unnötigerweise wild gehetzt – unüblich in der Viehwirtschaft – und aus dem Nichts heraus beteiligen sich auch die Nonnen an der wüsten Jagd, sind jedoch im nächsten Moment schon wieder verschwunden.

An anderer Stelle gewinnt die Geschichte übernatürliche Züge. Die kleine Marie begegnet Menschen in Bienenkostümen, die sie locken und denen sie folgt, klettert zu einem Bienenschwarm auf einen Baum. Saskia schwant Unheil, sie rennt unvermittelt los und kommt gerade rechtzeitig, um die herunterstürzende Marie aufzufangen.

Der Sturm, Maries Rettung und dann auch die wundersame Wiederherstellung von Saskias Gesangsstimme lassen sich der Darstellung nach als Eingreifen Gottes deuten. Doch all das bleibt vordergründig, dringt nicht zum Kern der Fragen vor, die sich mit einem Ordenseintritt verbinden. Der ist für diesen Film Anlass, nicht Thema. Der Gang ins Kloster steht für den Rückzug aus einer unüberschaubaren, das Individuum überfordernden Welt. Eine Flucht also in ein Refugium mit eindeutiger Ordnung, strengen Regeln und gesichertem Auskommen. Es ist eine Lebenswirklichkeit, die bei den übrigen Verwandten insgeheim Neidgefühle wachruft.

Unter inhaltlichen und dramaturgischen Gesichtspunkten wirkt der 80-minütige Film unausgewogen, als seien dem Drehbuch zwei bis drei Entwicklungsstufen versagt geblieben. Als Talentprobe im Fach Regie allerdings verdient „Schwestern“ Anerkennung. Die Schauspielerführung überzeugt, insbesondere das Timing der komischen Momente, die vor allem vom dänischen Schauspieler Jesper Christensen getragen werden, der sehr prominent ist, seit es ab 2006 als Stammgast in den James-Bond-Filmen zu sehen ist. Auch in der gerade in den Kinos angelaufenen neuesten Bond-Produktion „Spectre“ ist er wieder dabei.

In „Schwestern“ (koproduziert von SWR und Arte) gönnt Autorin und Regisseurin Anne Wild Jesper Christensen ein paar köstliche, nonchalant servierte Sprüche in der Art von: „Zyankali im Handschuhfach. Serienmäßig“; oder: „Dicke Kinder sind schwer zu kidnappen.“ Prompt keimt der Gedanke auf: Diese Figur, den kauzigen Onkel Rolle, der in diesem Debütfilm so etwas wie der heimliche Star ist, möchte man gerne über einen längeren Zeitraum begleiten.

04.12.2015 – Harald Keller/MK

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