Familienfunken: Ein Symposium im Vatikan zum Thema „Familie im Film“

15.04.2016 •

Von Martin Thull

Das Schöne am Thema „Familie“ ist, dass jeder mitreden kann. Stammt doch ein jeder Mensch aus einer – irgendwie gearteten – Familie. Deshalb hat auch jeder seine eigenen Erfahrungen gemacht. Glückliche und weniger geglückte. Denn das Idealbild der Familie mit Vater, Mutter, Kindern ist nicht so selbstverständlich, wie manch einer der Familienideologen konservativen Zuschnitts glauben machen will. Das machte auch das Symposium des Vereins „Top Talente – Akademie für Film und Fernsehdramaturgie“, das jetzt im Campo Santo Teutonico im Vatikan zum 11. Mal stattfand (10. bis 12. März), mit Beispielen aus Theorie und Praxis zum Thema „Familie im Film“ anschaulich. 

Nicht einmal die Bibel kann helfen, ein Bild der „idealen“ Familie zu zeigen. „Top-Talente“-Geschäftsführerin Barbara Schardt verwies bereits in der Einleitung zu der Veranstaltung auf die „eher schräge“ Familie Jesu, die durchaus nicht dem entspreche, was gerne propagiert werde: „Keine Spur von Heiligkeit.“ Konflikte und Brüche seien nicht die Ausnahme, so Schardt, sondern eher die Normalität unserer Wirklichkeit. Sie sind aber auch der Humus, aus dem sich Drehbuchautoren bedienen. Und deshalb sind in Film und Fernsehen eher solche Familienkonstellationen zu sehen, die sich abseits von Norm und Harmonie entwickeln. Denn daraus ergeben sich dramaturgische Spannungen. Es gelten in den Medien andere Gesetze als lediglich die Befolgung des politisch vielleicht Wünschenswerten.

Der Historiker Christopher Neumaier (Potsdam) führte aus, dass sich das Verständnis von Familie im heutigen Sinne erst in jüngster Zeit entwickelt habe. Traditionell bestand die Familie aus mindestens zwei Generationen, die in einem Verwandtschaftsverhältnis zueinander standen und als Haushalts- und Wirtschaftsgemeinschaft lebten. Dies war auch die christlich-bürgerliche Kernfamilie. Im Prinzip gelte das noch heute so. Allerdings seien seit den 1970er Jahren Tendenzen zu beobachten, die dieses Prinzip auflösten oder – positiv gesagt – weiterentwickelten. Dabei spielte der Wandel der Arbeitswelt und damit auch des Frauenbildes eine entscheidende Rolle. In den 1920er Jahren entstand der Begriff der „Kameradschaftsehe“, einer Ehe, die in erster Linie auf eine kameradschaftliche Partnerschaft und weniger auf Liebe gegründet ist. „Ehe auf Zeit“, „Probeehe“, „freie Liebe“ oder „Ehe zu Dritt“ waren in den letzten Jahrzehnten weitere Stichworte, die Traditionen in Frage stellten.

Das Alte Testament

Gerade solche Auflösungserscheinungen aber bieten den Stoff für Filme. Das Publikum, so waren sich die versammelten Macher einig, mag die Geschichten mit Familienkonflikten. Denn daraus lassen sich dramaturgische Funken schlagen. Und wer genau hinschaut, der wird beispielsweise auch in einem Krimikosmos wie dem ARD-„Tatort“ und in den diversen Fernsehfilmen der großen Sender sowieso immer wieder nicht geglückte, unterschiedliche Familienmuster erkennen. Allerdings eher andeutungsweise, da solche Geschichten sich nebenbei nur selten in 90 Minuten erzählen lassen. Hier sind dann (lang laufende) Serien wie etwa das Krimiformat „SOKO Leipzig“ (ZDF) oder die Krankenhaus-Soap „In aller Freundschaft“ (ARD/MDR) das dankbarere Genre.

Reinhold Zwick (Universität Münster) spannte den Bogen in die archaische Zeit, von der das Buch Genesis im Alten Testament erzählt: Vater-Sohn-Konflikt bei Abraham und Isaak, Bruderkonflikte wie bei Kain und Abel oder Jakob und Esau, das Drama der Kinderlosigkeit oder der Leihmutterschaft, Inzest der Töchter mit dem Vater bei Lot – da folgt eine „Skandalgeschichte“ nach der anderen, gespeist von Intrigen und Neid. Das wäre Stoff für mehrere Familiensoaps. Zwicks Diagnose, belegt mit einer Fülle von Filmen aus Hollywood, aber auch etwa aus Afrika: Der Rückgriff auf biblische Stoffe ist immer auch eine Selbstvergewisserung für die Gegenwart – wenn etwa in Cecil B. DeMilles Film „Die zehn Gebote“, erschienen im Jahr 1956, Moses (Charlton Heston) gegen Pharao Ramses (Yul Brynner) kämpft, dann geht es, der Ideologie der 1950er Jahre entsprechend, auch um den Kampf zwischen Freiheit und Totalitarismus. Nicht direkt eine Familienthematik, aber ein taugliches Beispiel, wie historische Rollenmuster aktualisiert werden.

Nachweisbar sei dies auch im Hollywood-Film „Noah“ (2014) von Darren Aronofsky, wo nach Zwicks Analyse nicht nur im äußeren Habitus, sondern auch in der ausgearbeiteten Familienkonstellation die modernen Bezüge sichtbar werden – eine plurale Familie mit Verwerfungen bis hin zur „Demontage“ des Familienoberhaupts. Sein Fazit: Die biblischen Geschichten sind gar nicht so alt, sondern bergen elementare menschliche Konflikte in Familien und Paarbeziehungen, die es kreativ weiterzuentwickeln gelte. Psychologische Aspekte von Familie erörterte auf der Veranstaltung Pater Hans Zollner SJ (Rom). Entscheidend sei die Frage: „Was bin ich wert?“ Und dazu die Frage: „Wer liebt mich so, wie ich bin?“ Darauf ließen sich alle Konflikte zurückführen. Auch die Themen seien immer gleich: Geld, Sex, Kinder und Arbeit. Dies wiederum scheinen die Konstellationen zu sein, aus denen sich für Drama wie Komödie Honig saugen lässt. Der später vorgeführte ZDF-Fernsehfilm „Ein großer Aufbruch“ (Regie: Matti Geschonneck, Buch: Magnus Vattrodt) bündelt diese Themen in faszinierender Weise, da er zugleich unterhielt und nachdenklich machte. Familie sei, so Hans Zollner, als System größer als die Summe der Einzelnen. Familie sei die Umgebung, in der beispielsweise Kinder lernen, Wissen zu erwerben, Erfahrungen zu sammeln, Gefühle zu regulieren und Beziehungen zu gestalten. Jedes Mitglied einer Familie beeinflusse die anderen und umgekehrt.

Wo ist die intakte Familie?

Dem Eindruck, es gebe kaum noch intakte Familien, widersprach die Soziologin Andrea Buschner (Bamberg), die zum Beleg insbesondere statistisches Material anführte. Sie forscht schwerpunktmäßig über sogenannte Regenbogenfamilien, also über Verbindungen von homosexuellen Paaren mit Kindern. Dazu stellte sie fest, dass solche Familien zwar in der Öffentlichkeit eine gewisse Aufmerksamkeit erregen, tatsächlich aber eine Minderheit darstellten. Familie im Allgemeinen ist nach Ansicht von Buschner eine Solidargemeinschaft von Personen, die „Verantwortung und Funktionen übernehmen“. Dazu gehöre beispielsweise die Sorge für Pflegebedürftige und für Kinder und die Erziehung der Kinder zu solidarischen und kompetenten Bürgern. Die Sicherung des Fortbestands der Familie durch Fortpflanzung gehört demnach nicht (mehr?) zur Kerndefinition von Familie.

Als weitere filmische Beispiele zur Thematik waren auf dem Symposium die Kurzfilme der Gewinner der Studenten-Oscars 2015 zu sehen. „Erledigung einer Sache“ von Dustin Loose spielt mit Andeutungen um eine vermeintliche Vaterschaft, mit Elementen wie Gewissen, Schuld und Rache. „Alles wird gut“ von Patrick Vollrath zeigt die Nöte eines von der Mutter getrennt lebenden Vaters in der Sorge um seine Tochter und gipfelt in einer „Kreidekreisszene“ voller Dramatik, in der die Tochter wie eine Erwachsene dem „kindlichen“ Vater rät, von ihrer Entführung abzulassen. Und in „Sadakat“ nimmt Ilker Çatak die innertürkische Protestbewegung auf und lässt sie in einer Auseinandersetzung zwischen Eheleuten gipfeln, bei der der Mann die Frau an die Polizei verrät. Drei Filme – nicht einer zeigt eine sogenannte intakte Familie, sondern Lügen, Brüche, Konflikte oder eine Verschiebung klassischer Rollenmuster.

Der Kinofilm „Jack“ (2014) von Nele Mueller-Stöfen und Edward Berger stellt einen Zehnjährigen in den Mittelpunkt, der angesichts der gelegentlichen Ausbrüche der überforderten Mutter für seinen jüngeren Bruder die Vaterrolle übernimmt. Und der schließlich, als er das mangelhafte Vertrauen der Mutter entdeckt, zurück in das verhasste Heim geht. Auch hier kein positives Bild, sondern eher das Spiegelbild einer „Unterschichtfamilie“, in der die Rollen aus der Not neu verteilt werden, wobei die Mutter zwar einerseits liebevoll mit ihren Kindern umgeht, andererseits aber rücksichtslos das eigene Vergnügen sucht und dabei das Vertrauen zu ihrem älteren Sohn Jack leichtfertig verspielt.

Das harmonische Beispiel

So war es unter den auf dem Symposium gezeigten Filmen am Ende eine Dokumentation mit einer eher exotisch anmutenden Familienkonstellation, die als einziger Beitrag ein positives Bild zeichnete. Es handelt sich um Eva Maschkes Film „Vier werden Eltern“ (Arte/RBB), der am 29. April um 22.40 Uhr bei Arte ausgestrahlt wird. Er zeigt, wie zwei homosexuelle Paare sich kennen lernen und respektieren. Die Freundschaft geht so weit, dass nacheinander die Männer den Frauen als Samenspender zur Verfügung stehen mit der Abmachung, dass man anschließend die beiden Kinder gemeinsam groß ziehen will. In getrennten Wohnungen. Was bedeutet, dass die Kinder für jeweils drei bis vier Tage bei den Vätern sind, die anderen Tage bei den Müttern. Fragen, die alle vier Beteiligten gemeinsam bewegen, werden besprochen und demokratisch entschieden. Die Beobachtung läuft über rund 15 Monate und vermittelt ein harmonisches Familienleben.

Macht es also Sinn, mehr positive Beispiele für Familie in Film und Fernsehen zu fordern? Eher nicht. Denn auch jedes Scheitern einer Beziehung wie einer Familie birgt ja die Möglichkeit für den Außenstehenden (wie möglicherweise auch für die Betroffenen), diese Krise als Chance zu begreifen und ins Positive zu entwickeln. Und Film und Fernsehen erzählen Geschichten, die Spannung und Reibung erzeugen, die unterhalten wollen, nachdenklich stimmen, im besten Fall auch klüger machen. Die auf dem Symposium diskutierte Thematik machte das auch in den Podien unter anderem mit Brigitte Dithard (SWR), Reinhold Elschot (ZDF), Magnus Vattrodt, Matti Geschonneck, Nele Mueller-Stöfen und Eva Maschke deutlich. Familie – wie auch immer – ist und bleibt spannend.

15.04.2016 – MK

` `