Marco Kreuzpaintner/Norbert Eberlein: Beat. 7‑teilige Streaming‑Serie (Amazon Prime Video)

Die Atmosphäre der Techno‑Szene

23.12.2018 •

Die US-amerikanischen Streaming-Anbieter loten zunehmend den deutschen Markt aus, mit hierzulande produzierten Serien. Nach „You Are Wanted“ (vgl. MK-Kritik), der „Deutschland 83“-Fortsetzung „Deutschland 86“ und der achten Staffel von „Pastewka“ ist „Beat“ nun bereits die vierte deutsche Produktion von Amazon Prime Video. Die siebenteilige Serie thematisiert die Berliner Techno-Szene. Im Zentrum steht der Nachtschwärmer Robert Schlag (Jannis Niewöhner), von allen nur „Beat“ genannt, nach „beats per minute“, dem Rhythmus der Techno-Musik. Gemeinsam mit seinem Kumpel Paul (Hanno Koffler) leitet er einen angesagten Berliner Club, der mit einschlägigen Bildern vorgestellt wird. Robert, vom Drogenkonsum gezeichnet, taumelt bzw. schwebt die Treppe eines Baugerüstes herab und torkelt durch Hinterhöfe, bis er im pulsierenden Labyrinth einer Disco angekommen ist. Euphorisch tanzt die Menge im Stroboskoplicht. Kokainkonsum, ein Gewaltausbruch und Sex werden blitzlichtartig angedeutet.

Diese Darstellung von Euphorie, Adrenalin und Hedonismus ist allerdings aus unzähligen Berlin-Filmen bekannt. Glücklicherweise ändert sich bald der Tonfall. Der geschäftliche Erfolg des gemeinsamen Clubs führt nämlich zu Spannungen zwischen den alten Freunden. Während Paul wirtschaftlich denken muss, um Frau und Kind zu versorgen, ist Robert ein typischer Bohème. Kommerzielle Entwicklungen lehnt er ab. Das Motiv ist nicht neu, gewinnt jedoch durch die schillernde Hauptfigur an Kontur. Jannis Niewöhner verkörpert den coolen Paradiesvogel mit selten gesehener Verve. Dank ihm bleibt die Serie spannend – trotz eines schlampig eingefädelten Krimiplots.

So werden im Club zwei aufgeschlitzte, kunstvoll drapierte Leichen gefunden, was die Polizei merkwürdigerweise nicht weiter zu interessieren scheint. Man bleibt aber trotz dieser unplausiblen Wendung neugierig, weil die Serie von einer zweiten interessanten Figur getragen wird: Emilia, eine Geheimdienstagentin, soll Robert als Spitzel anwerben. Er soll Philipp Vossberg (Alexander Fehling) ausspionieren, den neuen Geschäftspartner seines Freundes Paul, der sich offenbar in den Club eingekauft hat, um Gelder der Russenmafia zu waschen.

Für Robert, einem anarchischen Freigeist, der im Hier und Jetzt lebt und Institutionen wie Polizei und Nachrichtendienste verachtet, erscheint dieses Angebot zunächst wie ein schlechter Witz. Warum sollte er für die Feinde seiner Überzeugungen tätig werden? Zum Umdenken kommt es jedoch, weil die Agentin Emilia, dargestellt von Karoline Herfurth (bekannt unter anderem aus dem Kinohit „Fack ju Göhte“), eine taffe Frau ist, die mit beiden Beinen im Leben steht und sich über ihren Beruf – und nicht über Männer – definiert. Da beide Figuren differenziert gezeichnet sind, kommt es zu einem glaubhaften Dialog auf Augenhöhe, in dem Emilias Argument, die Techno-Szene sei ein Freiraum, den es gegen Typen wie Vossberg zu verteidigen gelte, bei Robert Gehör finden. Diese Wendung und der rasante visuelle Erzählstil sorgen für Spannung.

Leider fallen die übrigen Charaktere in „Beat“ deutlich ab. Christian Berkel trägt als zwielichtiger Abteilungsleiter des Geheimdienstes ebenso zu dick auf wie Kostja Ullmann als geheimnisvoller Psycho mit Vorliebe für Schlagermusik. Enttäuschend agiert leider auch Alexander Fehling als Drahtzieher einer Organspende-Mafia, der sich sehr gerne selbst reden hört und in prätentiösen Monologen (Drehbuch: Norbert Eberlein) über die Boshaftigkeit des Kapitalismus doziert.

Defizite gibt es bei dieser Serie insbesondere bei deren Grundidee, die von Marco Kreuzpaintner stammt, dem Regisseur von „Beat“. Der durch den Kinderfilm „Krabat“ (nach Otfried Preußlers Roman) bekannt gewordene Filmemacher stützt sich auf Rainer Erlers seinerzeit im ZDF ausgestrahlten Organspende-Thriller „Fleisch“ (vgl. FK-Heft Nr. 22/79), dessen Plot Kreuzpaintner eine aktuelle Wendung hinzufügt. Im Zeitraffer zeichnet „Beat“ die Route von Flüchtlingen nach, die an der marokkanischen Grenze medizinisch gescannt und im Fall ihrer Tauglichkeit nach Stationen in Italien zu einem Lager in Deutschland deportiert werden. Dass jedoch Asylsuchende eine knappe Autostunde von der Berliner Charité entfernt unbemerkt von Polizei und Anwohnern in Käfigen gehalten und nach Belieben ‘ausgeschlachtet’ werden, weil sie als lebende Ersatzteillager für die Organspende-Mafia herhalten müssen – diese Grundidee der Serie ist völlig unplausibel.

Um die – nicht im Detail gezeigte – Brutalität dieser Schauergeschichte abzumildern, schlägt die Serie versöhnliche Töne an. Der Chirurg (Karl Marcovics), der den entführen Migranten auf Bestellung hin ihre Organe aus dem Leib schneidet, zeigt menschliche Regungen. Er versucht einen gefangengehaltenen syrischen Jungen zu retten. Diese in sich jedoch unschlüssige Geschichte dient dazu, um provokative Reizpunkte zu setzen. Überzeichnete Orgienszenen der Russenmafia sollen klarstellen, dass dies keine brave Serie des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist. Wenigstens teilweise geht dieses Konzept auf, denn die Serie (Produktion: Hellinger/Doll Filmproduktion, Warner Bros. Germany und Panthaleon Films) hat immerhin zwei starke Hauptfiguren und zeichnet ein atmosphärisch dichtes Porträt der Techno-Szene.

23.12.2018 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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