Christian Baars/Elena Kuch/Britta von der Heide/Antonius Kempmann/Arne Hell: Außer Kontrolle – Das gefährliche Geschäft mit der Gesundheit (ARD/NDR/WDR)

Schrottprodukte im Körper

29.11.2018 • In diesem Frühjahr führte die ARD das Label „Was Deutschland bewegt“ ein. Mit diesem Etikett wurde ein Paket von sechs gesellschaftspolitischen Dokumentationen versehen, die man am Montag zur Primetime um 20.15 Uhr ausstrahlte. Die ARD reagierte damit auf die Kritik, sie vernachlässige auf diesem Sendeplatz, gesellschaftlich relevante Themen. Als eine Art Obermarke für diese Sonderprogrammierung nutzte man zusätzlich noch den seit langem eingeführten Titel „Die Story im Ersten“. Die Filme der gleichnamigen Reihe laufen in der Regel montags um 22.45 Uhr.

Ihre Etikettierlust hat die ARD nun wieder anlässlich der Dokumentation „Außer Kontrolle – Das gefährliche Geschäft mit der Gesundheit“ ausgelebt. Auch dieser Film, Teilergebnis eines vom „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ) koordinierten Rechercheprojekts, an dem sich 250 Journalisten aus 36 Ländern beteiligt haben, ist dann gleich mit zwei Marken versehen: „Die Story im Ersten – Was Deutschland bewegt“. Da fragt man sich doch, warum die ARD glaubt, der Film „Außer Kontrolle“ könne nicht für sich stehen. Übrigens lief an diesem Montagabend noch ein weiterer Film in der Reihe „Die Story im Ersten“, und zwar zur angestammten Sendezeit um 22.45 Uhr: „Wölfe – schützen oder schießen?“. Das war dann wohl ein Beitrag, der nicht Deutschland bewegt, sondern vielleicht nur Förster oder Bauern oder Schäfer. Oder die ARD.

Doch zurück zum Film „Außer Kontrolle“. Das Thema der weltweit unter dem Projekttitel „The Implant Files“ (etwa: „Akte Implantation“) verbreiteten Recherchen, an denen auf deutscher Seite der NDR, der WDR und die „Süddeutsche Zeitung“ beteiligt waren, sind Missstände in der Medizinproduktebranche. Im Zuge zwei Jahre andauernder Recherchen fanden die beteiligten Journalisten beispielsweise heraus, dass sowohl die Vorabprüfung von Wirbelsäulenprothesen oder Brustimplantaten als auch das Meldesystem für Schadensfälle mangelhaft sind.

Fünf Autoren erzählen in dem NDR/WDR-Film „Außer Kontrolle“ exemplarische Geschichten von Menschen, die heute unter Langzeitschäden leiden, weil sie daran geglaubt haben, dass Implantate ihre Leiden beseitigen werden. Eines der Opfer, die in der Dokumentation zu Wort kommen, ist Thomas Waska, ein Mann, dem eine Operation in einer Bremer Klinik bevorsteht, die sich darauf spezialisiert hat, Schrottprodukte wieder aus dem Körper zu holen. Eine Wirbelsäulenprothese, die sogar bei Tests an Pavianen versagte, hat das Leben des 48-Jährigen ruiniert. Ein Filmteam ist bei der Operation dabei. Mit Formulierungen wie „Noch zwei Stunden bis zur Operation“ und „Es wird ein schwerer Eingriff“ versuchen die Autoren Spannung aufzubauen. Waskas Leidensgeschichte diente am Tag nach der Sendung als Aufhänger für ein vierseitiges „Implant-Files“-Special in der gedruckten Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“. Zum Publikationsstart des Rechercheprojekts am 26. November hatte die Zeitung einen zehnseitigen Sonderteil veröffentlicht.

Die Kritik, die der Film formuliert, gilt im Kern dem „mangelhaften europäischen Zulassungssystem“: Die Prüfstellen sind private Unternehmen, die wiederum Aufträge an freiberufliche Prüfer, sogenannteAuditoren, auslagern. Die Honorare für die Prüfer zahlen die Hersteller, die sich zudem aussuchen können, von wem sie ihre Produkte zertifizieren lassen. Von einer unabhängigen Prüfung kann hier also keine Rede sein.

Zu den prägenden Interviewpartnern im Film gehört die Gesundheitspolitikerin Dagmar Roth-Behrendt (SPD), die bis 2014 Mitglied im Europäischen Parlament war. Sie sagt, es sei ihr Ziel gewesen, eine unabhängige staatliche Prüfstelle zu schaffen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), seit langem ein Befürworter der privaten Prüfpraxis, sagt dagegen „Interviews immer wieder ab“, wie es in dem Film heißt. Andere Verantwortliche antworten ausweichend oder gar nicht, der TÜV Süd etwa, der größte deutsche Zertifizierer, habe trotz mehrerer Anfragen die entscheidenden Fragen nicht beantwortet, sagen die Autoren von NDR und WDR.

In solchen Situationen versuchen Fernsehjournalisten gern ihre Hartnäckigkeit unter Beweis zu stellen, indem sie den gesprächsunwilligen Personen unangemeldet auf die Pelle rücken. Eine der Autorinnen unternimmt in Sachen Spahn einen „Gesprächsversuch“ bei einer CDU-Wahlkampfveranstaltung. Der überrumpelte Minister blockt sofort ab. Ein ähnlicher „Gesprächsversuch“ bei einem hochrangigen Vertreter des TÜV Süd, von der Reporterin ebenfalls bei einer Veranstaltung überrascht, dauert etwas länger. Irgendeinen Wert haben solche Aufeinandertreffen für einen Film selten, im Gegenteil, bei manchen Zuschauern könnte es sogar Sympathie für die Auskunftsverweigerer wecken, weil diese hier überfallartig mit Fragen konfrontiert werden, auf die sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht vorbereitet sind. Warum die Macher von Dokumentationen und Politmagazinbeiträgen immer wieder auf solche Mätzchen verfallen, bleibt rätselhaft.

Für die Filmemacher spricht hier allerdings, dass sie die Situation illusionslos beschreiben. Sie gehen zum Beispiel auf ein Urteil des Landgerichts Freiburg ein, auf das der Kläger, der hier ein Verfahren gegen einen Hersteller von Hüftprothesen angestrengt hat, acht Jahre warten musste. Das Gericht hat ihm nun zwar 25.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen, doch das verurteilte Unternehmen ist in Berufung gegangen. Auf die angesichts der Umsätze im Implantategeschäft ohnehin lächerliche Summe wird er noch lange warten müssen.

Das Schlusswort in dem 45-minütigen Film hat die Politikerin Roth-Behrendt. Angesichts dessen, dass ein staatliches Prüfsystem für Implantate derzeit reine Utopie ist, sagt sie, sie schäme sich dafür, dass sie nicht darauf habe hinwirken können, dass solche Pläne umgesetzt werden. „Es macht mich so wütend, dass ich da auch anfangen kann zu weinen“, sagt sie. Dass eine Politikerin sich so äußert, ist eher ungewöhnlich. Es spricht für die Filmautoren, die mit Roth-Behrendt gesprochen haben, dass es ihnen gelungen ist, ihr diese Äußerung zu entlocken.

Ein kurzer Beitrag zu den „Implant Files“ war am 26. November bereits in der direkt davor laufenden 20.00-Uhr-Ausgabe der ARD-„Tagesschau“ zu sehen – garniert mit einem direkten Programmhinweis auf „Außer Kontrolle“ sowie die darauf folgende Talkshow „Hart aber fair“ (ARD/WDR), die ab 21.00 Uhr das Thema der Dokumentation aufgriff. Bereits am Tag zuvor, am Sonntag, waren in der Hauptausgabe der „Tagesschau“ und in den „Tagesthemen“ Berichte zu den „Implant Files“ gelaufen, im letzteren Fall auch verknüpft mit einem Hinweis auf die Dokumentation „Außer Kontrolle“. Dass der NDR, der innerhalb der ARD für die „Tagesschau“ und die „Tagesthemen“ zuständig ist, ein großes Interesse daran hat, die Recherchen möglichst breit zu streuen, ist nachvollziehbar. Man sollte sich aber grundsätzlich fragen, ob eine derart umfangreiche Vorabberichterstattung wie in diesem Fall nicht auch einen Kannibalisierungseffekt haben kann. Denn viele Zuschauer kennen die wichtigsten Ergebnisse der Recherchen dann bereits und werden sich das Anschauen des Films deshalb womöglich sparen. (Die Einschaltquote für „Außer Kontrolle“ lag bei 2,08 Mio Zuschauern und einem Marktanteil von 6,5 Prozent.)

29.11.2018 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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