Birgit Wärnke/Nino Seidel/Han-Ul Park/Katrin Kampling/Hendrik Maaßen: Football Leaks – Von Gier, Lügen und geheimen Deals (ARD/NDR)

Starke Recherchen, selbst geschwächt

16.11.2018 • In diesem Herbst bekam das an investigativem Journalismus interessierte Publikum innerhalb von gerade mal rund zwei Wochen gleich die Ergebnisse zweier großer internationaler Gemeinschaftsprojekte präsentiert: zunächst neue Recherchen zu den organisierten Steuerraubzügen, die unter den Namen „Cum-Cum“ und „Cum-Ex“ bekannt geworden sind und zwischen 2001 und 2016 europaweit einen Schaden von mindestens 55 Mrd Euro anrichteten, und am ersten November-Wochenende dann die Fortsetzung des Projekts „Football Leaks“, für das Journalisten aus ganz Europa überwiegend geheime Dokumente aus den obersten Etagen des Fußballgeschäfts auswerteten.

Fernsehseitig war in den beiden Fällen der Norddeutsche Rundfunk (NDR) beteiligt. Nieder­schlag fand dies in der 30-minütigen Dokumentation „Jahrhundertcoup: Angriff auf Europas Steuerzahler“, die am 18. Oktober um 21.45 Uhr im Ersten Programm der ARD zu sehen war (als monothematische Sonderausgabe des vom NDR verantworteten Politmagazins „Panorama“) und nun in der 60-minütigen Dokumentation „Football Leaks – Von Gier, Lügen und geheimen Deals“, die am 4. November auf dem Sendeplatz der an diesem Sonntagabend pausierenden Talkshow „Anne Will“ ausgestrahlt wurde.

Auffällig ist dabei, dass der NDR in keinem der beiden Fälle gemeinsam mit dem WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ agierte, mit denen er bei Großrecherchen sonst regelmäßig kooperiert. Vielmehr arbeitete er beim Thema Steuerraub unter anderen mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ und dem Recherchezentrum Correctiv sowie zwölf europäischen Medienhäusern zusammen und bei den Enthüllungen aus dem Fußballgeschäft mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, der 2016 die ersten Veröffentlichungen unter dem Etikett „Football Leaks“ initiiert hatte, und weiteren zwölf internationalen Partnern. Die jetzigen „Football Leaks“ wurden im Film als „ein Projekt des Recherchenetzwerks ‘European Investigative Collaborations’“ benannt.

70 Mio Dokumente haben die an der Berichterstattung zu den neuen „Football Leaks“ beteiligten 80 Journalisten ausgewertet. Die Beiträge zu den „Football Leaks“ im Dezember 2016 – damals ohne Mitwirkung des NDR – basierten auf der Auswertung von ‘nur’ 18,6 Mio Dokumenten. Dass es nicht leicht ist, die Ergebnisse solcher Recherchen fernsehgerecht umzusetzen, liegt auf der Hand. Möglicherweise hat sich das fünfköpfige NDR-Autorenteam auch deshalb dafür entschieden, seine Dokumentation „Football Leaks“ zu großen Teilen als Film über die Recherchen anzulegen. Der Zuschauer erfährt hier sehr, sehr viel darüber, wie Journalisten arbeiten, und das geht zu Lasten der eigentlichen Inhalte.

Der Protagonist der Dokumentation „Football Leaks“ ist Rafael Buschmann, Redakteur beim „Spiegel“. Er ist eine Schlüsselfigur, denn er ist weltweit der einzige Journalist, der persönlichen Kontakt zu dem Whistleblower namens John hat, die hier entscheidende Figur. Selbst Buschmanns Redaktion weiß nur ungefähr, wo sich die beiden treffen. Man kann die Geschichte der „Football Leaks“ also überhaupt nicht erzählen, ohne auf die außergewöhnliche berufliche Beziehung zwischen dem „Spiegel“-Redakteur und John einzugehen.

Das heißt aber nicht, dass man sie derart auswalzen muss, wie es in diesem Film geschieht. Wir sehen, wie Buschmann auf einem Flughafen wartet, wir sehen ihn in Hotelzimmern, wir sehen, wie er in einer Tiefgarage in ein Auto steigt und wegfährt und wir sehen ihn auch beim Autofahren. Nebenbei: Man wünschte sich, dass TV-Redaktionen es bald mal zum No-Go erklären, Journalisten dabei zu zeigen, wie sie mit dem Auto irgendwo hinfahren.

Ein zusätzliches Problem besteht darin, dass die NDR-Autoren gar keine Distanz zu ihrem Protagonisten haben bzw. sie gar nicht haben können. Sie haben bei diesen Recherchen schließlich zusammengearbeitet. Ja, der NDR hätte gar nicht einsteigen können in das Projekt, wenn Buschmann das Material, das John ihm geliefert hat, nicht mit den Kollegen vom Fernsehen geteilt hätte.

Von Anfang an versuchen die Filmemacher, Spannung dadurch aufzubauen, dass sie die Frage in den Raum stellen, ob John sich für diese Dokumentation erstmals vor einer Kamera zeigen werde. Angesichts all der im Film beschriebenen Vorsichtsmaßnahmen, die John aus Angst vor Verfolgern trifft, wäre es aber völlig widersinnig, wenn er, was Bilder angeht, auch nur das kleinste Risiko eingehen würde. Am Ende sieht der Zuschauer dann von der Seite und von hinten eine in einen dunklen Hoodie gekleidete männliche Person, die an einem Laptop sitzt. Der Hoodie hat eine große Kapuze, der Mann hat sie übergezogen. Er trägt graue Handschuhe, sie dienen möglicherweise dazu, ein Tattoo zu verdecken. Hinter dem Vermummten könnte sich letztlich fast jeder männliche Erdenbürger der westlichen Welt verbergen, der zwischen 15 und 65 Jahren alt und nicht außergewöhnlich klein ist. Dass sie John im Bild haben, feiern die Autoren als Scoop, obwohl es sich hier um einen Erfolg ohne jeden Wert handelt.

Auf inhaltlicher Ebene gibt es an dem Film „Football Leaks“ kaum etwas aussetzen. Und man versteht es gut, dass beispielsweise am Wochenende nach der Ausstrahlung dieser Dokumentation beim Fußball-Bundesliga-Spiel zwischen dem SC Freiburg und dem FSV Mainz 05 (10. November) auf den Zuschauerrängen ein Transparent mit der Aufschrift „Thanks to John and the Football Leaks Team“ zu sehen war. Als erhellend erweist sich zum Beispiel die Darstellung der Geheimpläne europäischer Großvereine (darunter aus Deutschland der FC Bayern München), die Champions League des europäischen Fußballverbandes Uefa zu verlassen und eine rein privatwirtschaftlich organisierte, von jeder Verbandskontrolle befreite und für die Klubs wesentlich ertragreichere „Super League“ zu gründen. Journalisten von Medienunternehmen, die an den „Football Leaks“ nicht beteiligt sind, verweisen zwar gern darauf, dass solche Pläne schon lange existierten und diese keineswegs geheim seien. Die vom internationalen Rechercheteam ausgewerteten Dokumente machen aber deutlich, wie detailliert sich die Vereine darauf vorbereitet haben.

Instruktiv sind auch die Ausführungen zu den massiven Verstößen der megareichen Klubs Manchester City (Premier League) und Paris Saint-Germain (Ligue 1) gegen die sogenannten Financial-Fair-Play-Regeln der Uefa – und vor allem zu der maßgeblichen Rolle, die Gianni Infantino, der frühere Generalsekretär des europäischen Fußballverbandes Uefa und heutige Präsident des Weltfußballverbandes Fifa, dabei spielt. Manchester City und Paris Saint-Germain dürften aufgrund astronomischer und irregulärer finanzieller Zuwendungen ihrer Besitzer und Sponsoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (Man City) bzw. Katar (PSG) eigentlich nicht mehr in der Champions League spielen. Doch Infantino, so die Filmautoren, verhinderte nennenswerte Sanktionen. Warum die Autoren auf die Idee kamen, den Infantino-Abschnitt mit einem Trip in den Heimatort des Fifa-Präsidenten, das Schweizer Städtchen Brig im Kanton Wallis, anzureichern, bleibt aber unerfindlich. Man erfährt hier, dass eine Bäckerei nach der Wahl Infantinos zum Fifa-Chef ein Brot nach ihm benannt hat und ein Cousin des Weltfußballherrschers dort einen Friseurladen hat.

Rätsel gibt auch die Rolle des Schauspielers und Fußballfans Peter Lohmeyer auf, der hier als eine Art Präsentator agiert und wohl die Stimme des Fußballvolkes verkörpern soll. „Ich sag Ihnen was: Die Hinterzimmerdeals, die zerstören den Fußball“, sagt Lohmeyer zum Beispiel. Die Maske hat ihn möglicherweise etwas älter gemacht, als er ist, damit der Eindruck entsteht, dass er die vermeintlich guten alten Zeiten des Fußballs noch miterlebt hat. Es mag ja sein, dass man bei der ARD glaubt, am Sonntag um 21.45 Uhr, also direkt nach dem „Tatort“, brauche man einen Promi wie Lohmeyer, damit die Zuschauer nicht umschalten. Aber wenn Präsentatoren einer Dokumentation das Publikum mit Worten à la „Ich sag Ihnen was“ ansprechen, dann ist das grundsätzlich ein filmgestalterisches Armutszeugnis.

Lohmeyer ist bekanntermaßen Anhänger des Bundesligisten FC Schalke 04, der hier – womit eine weitere Irritation benannt wäre – in Abgrenzung zu „Vereinen mit mächtigen Geldgebern“ bzw. als deren Opfer beschrieben wird, weil zwei zu dieser Gruppe gehörende Vereine Schalke die deutschen Nationalspieler Leroy Sané (Manchester City) und Thilo Kehrer (Paris Saint-Germain) abspenstig gemacht haben. Dass der staatseigene russische Gaskonzern Gazprom, der Sponsor Schalkes, kein „mächtiger Geldgeber“ ist, lässt sich allerdings auch kaum behaupten.

So schwächen die Macher der Dokumentation „Football Leaks – Von Gier, Lügen und geheimen Deals“ (2,66 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,9 Prozent) letztlich ihre starken Recherchen durch mehrere falsche filmische Entscheidungen. Das ist ja leider ein grundsätzliches Problem im Reportage- und Dokumentationsbereich des Fernsehens. In der Presse, im Radio und im Fernsehen gab es in den folgenden Tagen noch mehrere Beiträge zu weiteren Aspekten der „Football Leaks“.

16.11.2018 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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