Björn Platz: Eiskalte Spur – Die Göhrde-Morde und die verschwundene Frau (NDR Fernsehen)

Erlösung erst nach 27 Jahren

30.09.2019 •

Dem Drehbuchautor einer Krimireihe wie beispielsweise „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ hätte man eine solche Geschichte wohl nicht durchgehen lassen. Klingt es nicht arg nach Kopfgeburt, dass ausgerechnet die Schwester eines Hamburger LKA-Chefs spurlos verschwindet? Der hochrangige Kriminalbeamte ist Wolfgang Sielaff. Seine Schwester Birgit Meier lebte in einer eleganten Villa im niedersächsischen Brietlingen-Moorburg bei Lüneburg. An einem Abend im Sommer 1989 hat sie ein Gespräch mit ihrem Ehemann Harald, der sich von ihr getrennt hat. Man bespricht Scheidungsangelegenheiten; Harald Meier, Besitzer einer florierenden Druckerei, verabschiedet sich, Birgit Meier telefoniert noch mit ihrer Mutter und ihrer Tochter Yasmine, berichtet von einem harmonischen Gespräch.

Yasmine ist es, die anderntags ihren bei der Hamburger Polizei tätigen Onkel über das mysteriöse Verschwinden ihrer Mutter informiert. Das Auto befindet sich in der Garage, die Terrassentür steht offen, die Katzen laufen frei herum. Völlig untypisch für Birgit Meier, die an diesem Morgen eigentlich eine Küche kaufen wollte. Das Drehbuch, wenn es denn eines wäre, wird noch unglaubwürdiger. Die örtliche Polizei bearbeitet die Vermisstenanzeige geradezu lässig, vermutet einen Freitod, nimmt dann doch den Ehemann ins Visier, dem bei einem vorzeitigen Ableben seiner Ehefrau eine millionenschwere Abfindung erspart bliebe. Beweisen kann man Harald Meier nichts. Der Fall gerät zur Nebensache, denn dieselbe Polizeidienststelle ist zur gleichen Zeit mit zwei doppelten Leichenfunden im nahegelegenen Staatsforst Göhrde befasst. Diese Ermittlungen bündeln alle Kräfte.

Wolfgang Sielaff, der in Niedersachsen keine Befugnisse besitzt, bittet den zuständigen Staatsanwalt immer wieder um intensivere Recherchen. Vergeblich. Der Ehemann Harald Meier setzt eine Belohnung aus, der Fall wird in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY…ungelöst“ an die Öffentlichkeit gebracht. Es gibt Hinweise auf einen möglichen Täter, der bereits wegen Gewalt- und Sexualdelikten in Haft gewesen war und Kontakt zu Birgit Meier gesucht hatte. Nach viel zu langer Zeit erst wird dessen Haus durchsucht, der Verdächtige fahrlässigerweise vorher informiert. Er setzt sich ab, wird gefasst, laufen gelassen, noch einmal gefasst. In der Haft wählt er den Freitod. Birgit Meier – oder deren Leiche – bleibt weiterhin verschwunden. Ungeachtet der Tatsache, dass mehrere Aspekte auf einen Mittäter deuten, wird der Fall abgeschlossen. Asservate werden vernichtet, Akten gehen verloren.

Nur Wolfgang Sielaff lässt der unaufgeklärte Verbleib seiner Schwester keine Ruhe. Er beginnt selbst zu ermitteln und findet Unterstützung durch einen Strafverteidiger, der Akteneinsicht hat, eine Rechtsmedizinerin, einen Staatsanwalt und einen Kollegen vom Landeskriminalamt. Sie bilden eine private Ermittlergruppe und kommen, obwohl inzwischen viele Jahre vergangen sind und Aufzeichnungen wie auch mögliche Beweismittel nicht mehr zur Verfügung stehen, zu derart triftigen Ergebnissen, dass die zuständige Lüneburger Polizei den alten Fall wieder aufnimmt. Zumal es Sielaff und Kollegen gelungen ist, den mutmaßlichen Täter, der sich selbst gerichtet hatte, mit anderen Morden in Verbindung zu bringen, die ebenfalls noch der Aufklärung harren.

Der Journalist und Dokumentarfilmer Björn Platz, der zuvor bereits der NDR-True-Crime-Serie „Morddeutschland“ zulieferte, bekam die Gelegenheit, Wolfgang Sielaffs mühsame Ermittlungsarbeit über drei Jahre hinweg mit der Kamera zu begleiten. Also fast schon eine Langzeitbeobachtung, für die mit Recht 90 Minuten Sendezeit bereitgestellt wurden. Platz verzichtet in seiner Darstellung völlig auf die reißerische Manier inhaltlich verwandter US-amerikanischer Produktionen, die schon seit einiger Zeit in Mode sind und in Spartenkanälen wie Nitro, Sixx und Super RTL ganze Programmstrecken füllen. Die Autoren dieser Reihen zielen zumeist auf den Affekt. Dazu bedienen sie sich der Mittel boulevardesken Fernsehens, einer dramatischen Lichtführung, emotionstreibender Off-Kommentare und entsprechender Musikuntermalung bis hin zu nachgestellten Szenen.

Björn Platz kann darauf verzichten, weil ihm ausreichend brauchbares Archivmaterial zur Verfügung stand. Schon dessen sorgfältige Auswertung und übersichtliche Ordnung angesichts eines selbst von Fachleuten schwer zu rekapitulierenden Falles stellt eine beachtliche Leistung dar. Dazu kommen die selbstgedrehten Szenen und die in diesem Film angenehm nüchterne dokumentarische Begleitung der privaten Ermittler, ergänzt durch Interviews unter anderem zum damaligen Versagen der Lüneburger Polizei und Staatsanwaltschaft.

Unabhängig von den gezeigten spektakulären Verbrechen ist der vom NDR eigenproduzierte Film sehenswert, weil er die Arbeit und Strukturen der Strafverfolgungsbehörden frei von den dichterischen Freiheiten der üblichen Fernsehkrimis vorstellt. Kenntlich wird die Diffizilität forensischer Detektivarbeit, das komplexe Zusammenspiel verschiedener Fachrichtungen. Doch am Ende ist es, das stimmt nachdenklich, ein Zufall, ohne den die entscheidende Entdeckung, die den Beteiligten nach 27-jähriger Ungewissheit den erhofften Seelenfrieden bringt, wohl nicht gelungen wäre.

30.09.2019 – Harald Keller/MK