Christian Stiefenhofer: Albrecht Dürer Superstar. Reihe „Terra X“ (ZDF)

Schlagworte und Schauspielerei

13.09.2019 •

Was dem Louvre in Paris Leonardo da Vincis „Mona Lisa“, ist der Alten Pinakothek in München Albrecht Dürers „Selbstbildnis“ von 1500 – ein Publikumsmagnet. Die im Rahmen der ZDF-Reihe „Terra X“ ausgestrahlte Dokumentation „Albrecht Dürer Superstar“ (Produktion: Bilder Factual Entertainment) belässt es aber nicht beim Selbstlob des Museumsleiters Martin Schawe zu dem Werk, sondern nimmt den Zuschauer gleichsam an die Hand, um ihn in die Besonderheiten gerade dieses Gemäldes einzuführen. So geschieht es während der 45 Minuten an immer neuen Beispielen: das erste Selbstbildnis als Akt, die geometrische Auflösung eines liegenden Frauenakts, die zunächst versteckten Anspielungen auf aktuelle Ereignisse, versteckte Dämonen.

Neben der höchsten künstlerischen Begabung gelang es Dürer, auch kaufmännisch erfolgreich zu sein. Sein „AD“ gilt als das erste Markenzeichen der Geschichte und kann sich sogar neben aktuellen Logos noch gut behaupten. Vertreter verschiedener Fachrichtungen klären auf über die Maltechnik, die Herausforderungen der von Dürer verwendeten Ausdrucksweisen wie Kupfer- oder Holzstich, wie Silberstift oder Haarpinsel. Dürers „Feldhase“ oder die „Betenden Hände“ kennt weltweit jedes Kind. Es gibt kaum Motive, die mehr ausgebeutet und variiert wurden. Dabei wird leicht übersehen, wie innovativ und geradezu revolutionär Dürer arbeitete. Um Konventionen scherte er sich weder in seinem äußeren Auftritt noch in der Motivwahl seiner Bilder.

Das „Selbstbildnis“ in München zeigt den Maler in einer Position, wie sie bis dahin nur Christus vorbehalten war. Der Abgebildete schaut den Betrachter direkt an. Kommt hinzu, dass Dürer sich mit langen Haaren und Bart malt, eine Hand spielt mit einem Pelz, den zu tragen seinem Stand als Maler eigentlich nicht angemessen war. Wenn man so will, eine einzige Provokation. Ein Selbstporträt voller Selbstbewusstsein und Zeugnis seiner hohen handwerklichen Kunst. Also gleichsam eine Bewerbung um neue Aufträge durch Selbstinszenierung. Dann war da noch sein Geschäftssinn: Von manchen seiner Druckgrafiken verkaufte er Tausende Exemplare. Mit seinen Meisterwerken ist er auch heute noch allgegenwärtig.

Nicht zuletzt deshalb vergleicht Filmautor Christian Stiefenhofer Dürer mit dem Mitbegründer der Pop Art, Andy Warhol. Der US-amerikanische Künstler hat seine Bilder ebenfalls serienweise vermarktet, Alltag verfremdet, eine Epoche geprägt. Neben der Bezeichnung „Superstar“ für Albrecht Dürer, die schon ein wenig gewagt ist, formuliert der Autor dann auch noch, Dürer sei der „Andy Warhol der Renaissance“ gewesen. Was waren dann Michelangelo oder Leonardo da Vinci? Und andere Meister dieser Zeit? Vielleicht ist es nötig, mit solchen Schlagworten das Publikum bei der Stange zu halten. Bleibt beim Zuschauer immerhin der Eindruck, dass Dürers Meisterschaft in vielen Zeichen- und Maltechniken zu seiner Zeit kaum übertroffen wurde. Und die Beispiele im Film machen neugierig und locken dazu, künftig im Museum genauer hinzusehen und die versteckten Botschaften zu entdecken und zu entziffern.

Bei „Terra-X“-Beiträgen sind Reenactments inzwischen unvermeidlich. Sie sollen in diesem Fall Dürers Innovationskraft demonstrieren, der Zuschauer kann ihm gleichsam als lebendigem Menschen bei der Erschaffung seiner Bildwelten über die Schulter schauen. Mag diese Bildsprache den Gewohnheiten des Publikums dieser erfolgreichen Dokumentationsreihe und der Sendezeit unmittelbar vor der Primetime geschuldet sein – inhaltlich bieten diese Szenen einmal mehr so gut wie nichts. Den Schauspielern bringen sie ein paar Drehtage, in der Regel mit ganz wenig Text. Dürer geht mit seinem Vater als Knabe über den Nürnberger Markt, Dürer steht mit einer Frau in einer Gasse und unterhält sich, Dürer malt eine nackte Frau und korrigiert ihre Arm- und Handhaltung. So wird es nachgespielt in der Dokumentation (3,55 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,3 Prozent) und es ist alles eher Füllmaterial, gelegentlich Veranschaulichung des Textes aus dem Off. Eigentlich verzichtbare Schauspielerei.

Christian Bartels hat am 25. Juli in seiner Medienkolumne bei evangelisch.de (die Ende August seitens evangelisch.de leider beendet wurde) diese Einschätzung auf den Punkt gebracht: „Der ungebremste Einsatz von Reenactments, der sich in den späten 2010er Jahren eingebürgert hat, zeugt von schockierend geringem Vertrauen ins Publikum. Und er unterminiert die Glaubwürdigkeit der dokumentarischen Genres, ganz besonders bei öffentlich-rechtlichen Sendern.“ Dokumentationen ohne nachgestellte Spielszenen zu produzieren, müsse Sender ja nicht davon abhalten, so Bartels, aufwändige historische Spielfilme oder Serien zu drehen (vielleicht anstelle einiger Krimis). Gute Historienfilme zu produzieren, sei ohnehin nichts, das sich billig nebenbei erledigen lasse, sondern es sei eine Kunst.

13.09.2019 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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