USA: Die Broadcast-Networks gehen in der neuen Serien‑Saison auf Nummer sicher

12.06.2019 •

Umlagert von neuen Konkurrenten aus dem wachsenden Lager der Streaming-Anbieter bereiten die vier großen US-amerikanischen Broadcast-Networks ABC, CBS, NBC und Fox ihrem Publikum in diesem Jahr eine Enttäuschung: Sie haben soeben für die im kommenden Herbst beginnende Serien-Saison 2019/20 weniger neue Produktionen angekündigt als jemals in jüngster Zeit. Noch im vorigen Jahr ersetzten sie 40 Serien durch neue Produktionen; in diesem Jahr werden es nur 26 sein. Und das schließt die sogenannten „Midseason Replacements“ im Januar 2020 mit ein. Wer darauf gehofft hat, in der nächsten Saison eine reichere Auswahl an neuen dramatischen und komödiantischen Fernsehserien zu bekommen, fühlt sich enttäuscht.

Es sieht so aus, als ob das Vorbild der großen Hollywood-Studios auf die Programmplanung der Broadcast-Networks abfärbt. In zunehmendem Maß klammern sich die amerikanischen Filmproduzenten an Produktionen, die ihre Zugkraft im Kino bereits bewiesen haben und versehen sie mit immer neuen Fortsetzungen und Ablegern. Die „Star-Wars“- und „Avengers“-Filme, deren Zahl allmählich in die Dutzende reicht, sind dabei nur die Spitze des Eisbergs und damit einer Produktionspolitik, die ganz auf Nummer sicher geht. Nicht Millionen, sondern Milliarden Dollar scheffeln die Studios auf diese Weise vom vorwiegend jungen Publikum ab. Ideenreichtum und Wagemut bei der Förderung anspruchsvollerer Sujets bleiben dabei auf der Strecke.

Mangel an Phantasie

Nicht viel anders sieht es aus, wenn man die Ankündigungen der Broadcast-Networks für die kommende Serien-Saison unter die Lupe nimmt. Seit Jahren vertraute Titel beherrschen das Feld: „Chicago Med“, „Chicago Fire“, „Chicago P.D.“, „Law & Order: SVU“, „NCIS“, „Hawaii 5-0“, „The Good Doctor“, „Magnum P.I.“, „Grey’s Anatomy“ und weitere alte Bekannte beherrschen das Angebot. Alle diese Serien haben sich als Favoriten des Publikums etabliert und ihre Fortsetzung in die nächste TV-Saison verleiht den Networks eine Art Garantie auf hohe Einschaltquoten. Wer unter den Zuschauern allerdings Abwechslung und neue Einfälle bevorzugt, kommt kaum noch zum Zuge.

Die Networks nennen das „Stabilität“, aber dies ist ein hochtrabendes Wort für den sich hier manifestierenden Mangel an Phantasie. In Wahrheit sind es die Unsicherheit angesichts der sich ausweitenden Streaming-Konkurrenz und die Furcht vor den zur Etablierung neuer Serien heutzutage erforderlichen hohen Marketing-Budgets, die das Festklammern am vertrauten Alten fördern. Karey Burke, die neue Präsidentin von ABC Entertainment, gab Mitte Mai bei der Vorstellung ihres Jahresprogramms 2019/20 zu erkennen, dass ihr einfach nicht genügend Geld zur Verfügung stehe, um die Realisierung neuer Konzepte und den Start neuer Serien erfolgversprechend zu unterstützen. Die Folge davon ist, dass ABC statt der elf neuen Serien, die das Network in der Saison 2018/19 noch herausbrachte, diesmal nur vier anbieten wird. Ähnlich sieht es bei CBS, NBC und Fox aus.

Wenn ABC Ende September die nächste Serien-Saison eröffnet, befinden sich zunächst mit „Emergence“ und „Stumptown“ nur zwei neue dramatische Serien im Programm dieses Networks. „Emergence“ handelt von einer Polizeichefin, die am Ort eines mysteriösen Unfalls ein Kind findet, das keine Erinnerung an das Geschehen mehr hat und dessen Identität im Mittelpunkt der Ermittlungen steht. „Stumptown“ rückt eine Militärveteranin ins Zentrum, deren Scharfsinn sie zwar zu einer tollen Privatdetektivin macht, aber gleichzeitig in die Schusslinie sowohl der Kriminellen als auch der Polizei befördert.

Frauen in den Hauptrollen

In dem überraschungslosen Herbstangebot von CBS fallen nur „All Rise“, eine Gerichtsserie über eine Handvoll Richter, Staatsanwälte und Verteidiger im Umgang mit einem brüchigen Strafverfolgungssystem, und „Evil“ auf, eine Serie, die sich auf eine Psychologin fokussiert, deren Aufgabe es ist, logische Erklärungen für übernatürliche Ereignisse zu finden. Von NBC kommt „Bluff City Law“, eine weitere Anwaltsserie um eine brillante Rechtsanwältin und deren tumulthafte Beziehung zu ihrem Vater und seiner erfolgreichen Kanzlei. Das Fox-Network hält „Prodigal Son“ bereit, die Geschichte eines Psychologen, der der Sohn eines Massenmörders und berühmt für seine Fähigkeit ist, sich in das Denken von Kriminellen hinein­zuversetzen.

Aus der Schematik der bisher genannten Produktionen könnte allenfalls die Fox-Serie „Not Just Me“ ausbrechen, die sich mit den möglichen Folgen von künstlicher Befruchtung und des Samenspendens beschäftigt. Der bisher vorliegenden Inhaltsangabe zufolge tut die Serie das am Beispiel einer jungen Frau, deren Welt auf den Kopf gestellt wird, als ihr Vater, ein berühmter Frauenarzt, enthüllt, dass er mit seinem eigenen Sperma rund hundert künstliche Befruchtungen ermöglicht habe.

Kaum verwunderlich ist, dass die Broadcast-Networks mit der Mehrzahl ihrer Serien nicht nur modischen Trends und Vorlieben des Publikums folgen, etwa der ungebrochenen Sucht nach weiteren Kriminal- und Anwaltsgeschichten, sondern auch darauf einschwenken, die aktuell immer stärker artikulierte gesellschaftlichen Forderung nach der Gleichberechtigung der Geschlechter zu bedienen: Fast alle neuen Serien der Herbstsaison präsentieren in ihren erzählten Geschichten weibliche Figuren in den Hauptrollen und unterscheiden sich wenigstens dadurch von den Routinekonzepten früherer Serien-Jahrgänge.

12.06.2019 – Ev/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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