Es war ein Medienereignis

Im Abstand von 40 Jahren: Zur Wiederholung der US‑amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“

Von Dietrich Leder
15.03.2019 •

40 Jahre nach der deutschen Erstausstrahlung von 1979 wiederholten die Dritten Programme von WDR, SWR und NDR im Januar 2019 die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“, deren Drehbuch Gerald Green schrieb und die von Marvin J. Chomsky inszeniert worden war. Sie erzählt als Familiendrama von der Ermordung der europäischen Juden durch das Hitler-Regime. Die Ausstrahlung der vierteiligen Serie in Deutschland muss man im Rückblick als Medienereignis in mehrfacher Hinsicht beschreiben. Und zwar als Politikum des deutschen Fernsehens, als Ergebnis einer medialen Inszenierung, als Folge der Zuschauerreaktionen und als Gegenstand einer politisch-ästhetischen Debatte. Die Serie war in den USA von NBC in Auftrag gegeben und von dem Network im April 1978 gezeigt worden.

Zum Politikum wurde „Holocaust“ hierzulande, weil der damalige Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks (BR), Helmut Oeller, öffentlich erklärte, sein Sender werde sich, sollte die Serie im Ersten Programm der ARD laufen, aus dem Programm ausblenden. Um diesem Veto aus dem Weg zu gehen, machte der WDR, der federführend für die ARD die Rechte erworben und die deutsche Synchronisation in Auftrag gegeben hatte, den Vorschlag, dass „Holocaust“ von allen Anstalten gemeinsam in den Dritten Programmen ausgestrahlt werden solle. Dieser Kompromiss wurde akzeptiert. Und der Aufmerksamkeitsverlust, der mit dem Rückzug aus dem Ersten einherging, wurde auf diese Weise kompensiert, denn eine solche Zusammenschaltung der Dritten Programme hatte es zuvor noch nicht gegeben. Publizität war der Ausstrahlung damit gesichert, die durch seminarähnliche Veranstaltungen, bei denen der WDR Journalisten vorab die Serie präsentierte, noch verstärkt wurde.

Der Titel einer Serie als Synonym für den Mord an den Juden

Als Medienereignis wurde die „Holocaust“-Ausstrahlung dadurch inszeniert, dass der WDR jeder einzelnen Folge je eine live gesendete Diskussionsrunde folgen ließ, an denen Zeitzeugen und Historiker teilnahmen und die Zuschauer sich über Telefon beteiligen konnten. Das, was dann geschah, hatten aber selbst die Programmplaner mit den damaligen WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach nicht erwartet: Zusammengerechnet erreichte die Serie einen Marktanteil von 40 Prozent, war also erfolgreicher als die Konkurrenzangebote von ARD und ZDF. Sie wurde zum Gegenstand der Gespräche in den Familien, in Schulen und Universitäten, in den Kneipen wie auf der Straße. An „Holocaust“ kam man in jenen Januartagen nicht vorbei. Und die, die die Serie gesehen hatten, waren in hohem Maß aufgewühlt. Das bezeugen die Protokolle der Anrufe und der Briefe, die Zuschauer später an die Sender schrieben. Die meisten zeigten sich tief erschüttert über das, was sie gesehen hatten, und teilten dies bewegt mit.

Diese Wirkungsgeschichte ist ein weiterer Teil des Medienereignisses. Keine Fernsehserie wurde umfassender diskutiert, wurde umfassender untersucht in Bezug darauf, was sie beim Publikum auslöste. Das führte zu vielen Artikeln und Büchern. Selbst im Abstand der Jahre war die Serie noch ein Referenzpunkt: Als Peter Reichel 2004 unter dem Titel „Erfundene Erinnerung“ untersuchte, wie „Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater“ der Bundesrepublik erschienen, nahm „Holocaust“ dort ein größeres Kapitel ein. Und die größte Wirkung war vielleicht, dass für einige Jahre der Titel der Serie zum Synonym für den Völkermord an den Juden wurde, ehe ihn ein anderer Filmtitel ablöste.

Bleibt die politisch-ästhetische Debatte, die um die Frage kreiste, ob die Ermordung der europäischen Juden mit den Mitteln des Unterhaltungsfernsehens dargestellt werden dürfe. Diese Frage verneinten unisono linke Medienwissenschaftler und konservative Rundfunkpolitiker. Hier zeigte sich eine Ablehnung des kommerziellen US-Fernsehens, die zwischen Kapitalismuskritik und einer Abneigung den USA gegenüber changierte und die unter Linken wie auch Rechten in der Bundesrepublik populär war. Damals galten – man kann es aus heutiger Sicht kaum glauben – US-Serien generell als trivial. Und so wurde denn auch „Holocaust“ mit Western-Serien wie „Bonanza“ oder Krimiserien wie „Kojak – Einsatz in Manhattan“ verglichen, amerikanischen Produktionen, die seinerzeit in Deutschland in den öffentlich-rechtlichen Programmen liefen. Dass es im kommerziellen Fernsehen der USA auch anderes gab, war damals unvorstellbar.

Vieles war nur wenigen Zuschauern bekannt

Wie wirkt die Serie „Holocaust“ – die in Deutschland mit dem Zusatztitel „Die Geschichte der Familie Weiss“ ausgestrahlt wurde –, nun im Abstand von 40 Jahren? Verblüffend ist die Genauigkeit, mit der hier die Mordmaschinerie der Nazis beschrieben wird. In den zehn Jahren von 1935 bis 1945, in denen die Serie spielt, sind die wichtigsten Momente von der Ausgrenzung über die Entrechtung und die Ghettoisierung bis zur Ermordung der Juden dargestellt und die daran beteiligten Täter in der NSDAP, in der SS, in der Polizei und in der Wehrmacht porträtiert. Parallel dazu wird geschildert, wie die Opfer die Gefahr zuerst nicht erkennen können, schließlich von der Gewalt bis zur Handlungsunfähigkeit paralysiert sind, ehe einige von ihnen sich zum Widerstand entschließen und als Partisanen, im Warschauer Ghetto oder im Vernichtungslager Sobibor den Mordkommandos von Wehrmacht und SS mit der Waffe in der Hand entgegentreten. Das ist umfassend recherchiert und auf der Basis der Erkenntnisse von Raul Hilberg erzählerisch entwickelt.

Dass vieles von dem nur wenigen Zuschauern der Serie 1979, 34 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, bekannt war, lag beispielsweise auch daran, dass Raul Hilbergs wissenschaftliches Standardwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“, dessen erste Auflage 1961 in den USA erschienen war, erst 1982 durch einen kleinen Verlag ins Deutsche übersetzt wurde. Es lag zudem daran, dass die politische Rechte in Deutschland an diese Vergangenheit und ihren Anteil an den Verbrechen nicht erinnert werden wollte. Und ein großer Teil der politischen Linken schwieg über den Antisemitismus als Motor des Massenmordes, weil der Antisemitismus sich nicht in die polit-ökonomische Analyse dessen, was sie Faschismus nannten, einfügen ließ.

Der marxistische Philosoph und Ökonom Moishe Postone, der lange auch in Frankfurt am Main lehrte und der Kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer zuzurechnen ist, schrieb 1980 in einem Artikel mit der Überschrift „Antisemitismus und Nationalsozialismus“, dass die Serie „Holocaust“ gerade für die Menschen einer jüngeren Generation ein „Schockerlebnis“ gewesen sei. „Es war das erste Mal, dass sie konkret und hautnah mit dem Schicksal der Juden konfrontiert wurden. Sie hatten natürlich davon gewusst, aber offensichtlich abstrakt.“ Die Serie füllte diese Abstraktion mit Lebensgeschichten, die so oder so tatsächlich dieses mörderische Ende nahmen.

Tatsächlich hatten die vielen emotionalen Reaktionen eine Ursache auch darin, dass die Serie als doppelte Familiengeschichte angelegt ist. Zum einen wird erzählt, wie die assimilierte Familie Weiss in die Unterdrückungs- und Mordmaschinerie hineingezogen wird und ihre Mitglieder nach und nach ermordet werden: die Tochter, die nach einer Vergewaltigung durch SA-Männer psychisch erkrankt und deshalb in dem Mordprogramm, das die Nazis „Eutha­nasie“ nannten, umgebracht wird; der Bruder des Vaters wird nach einem Ausbruchversuch aus dem Warschauer Ghetto hingerichtet; Vater, Mutter und der älteste Sohn sterben in den Gaskammern von Auschwitz. Nur der jüngere Sohn, der früh in die Illegalität ging und sich Partisanen in Osteuropa anschloss, überlebt. In der letzten Szene der Serie, die vor 40 Jahren bei der deutschen Ausstrahlung herausgeschnitten worden war, entscheidet er sich, mit Kindern griechischer Juden, deren Eltern ebenfalls in Auschwitz ermordet waren, nach Palästina zu gehen.

Die emotionale Geschichte von Opfern und Tätern

Zum anderen wird erzählt, wie ein Bekannter der Familie Weiss, ein Jurist namens Erich Dorf, in der SS aufsteigt, bis er engster Mitarbeiter von Reinhard Heydrich und Adolf Eichmann wird, die mit der Konstruktion der Mordmaschinerie beauftragt sind. Dorf, der von einer ehrgeizigen Frau angetrieben wird und dessen Kinder noch nach dem verlorenen Krieg an den Nationalsozialismus glauben, ist der Prototyp jener vielen tausend Handlanger, die aus eigenen Karrieregründen, aus Opportunismus, aber auch aus einem massiven Antisemitismus heraus, an der Ausrottung der europäischen Juden mitwirkten. Mit Erich Dorf gelangt der Film in die Führungsetagen der Nazis, so dass die Serie ein durchaus vielgestaltiges Bild der Mörderriege um Heinrich Himmler, Hans Frank und wie sie alle hießen zeichnet.

In der Parallelmontage von Szenen, in denen die eine Familie immer stärker verfolgt wird, während die andere sozial aufsteigt und ein privilegiertes Leben führt, wird die Geschichte von Opfern und Tätern zugespitzt und zugleich emotional enorm aufgeladen. Dem konnten sich die Familien, die vor dem Fernsehgerät saßen und die Serie schauten, nicht entziehen. Als „Holocaust“ in Deutschland ausgestrahlt wurde, gab es zumeist nur einen Fernsehapparat in den Wohnungen. Fernsehereignisse schauten die Familienmitglieder zusammen, ob es sich um die große Samstagabendshow handelte, um den „Tatort“ oder um eine der angesagten Serien. Nun sahen deutsche Familien, wie die Verzweiflung und die Panik in der Familie Weiss wuchs, wie sie sich zu wehren beginnt, wie sie Hoffnungen hegt, die wenig später an der mörderischen Wirklichkeit zerschellen. Und sie sahen, wie die Familie Dorf traditionell Weihnachten feiert und sich an einer Innerlichkeit berauscht, die man im Rückblick als eine Voraussetzung der zynischen Ignoranz gegenüber dem Leid der Millionen Juden bestimmen kann.

Die Erzählkonstruktion der Serie, die erst die vielen Begegnungen beider Familien ermöglicht, steckt voller Trivialitäten. Immer wenn die Geschichte geschürzt werden muss, greift der Zufall ins Geschehen ein. Zudem müssen ganze Handlungsstränge enorm verkürzt und beschleunigt werden, wie die Liebesgeschichte zwischen dem jüngeren Sohn und einer tschechischen Jüdin oder die Wandlung des älteren Sohns zum Künstler, der die brutale Wirklichkeit der Lager in Zeichnungen festhält. Bei diesen Trivialitäten, die ästhetisch in den viele Szenen abschließenden Zoom in die Augen eines der Protagonisten gipfelt, handelt es sich meistens um Handlungsmuster, wie man sie aus den Serienmelodramen kennt, die auf die Emotionalisierung ihrer Zuschauer ausgerichtet sind. Beim Wiedersehen sind es diese melodramatischen Momente einer Serienroutine, die einen angesichts des Dramas der Familie Weiss ärgern.

Die deutsche Ausstrahlung 1979 hatte ein anderes Ende

Ebenso irritiert der Schnitt, dem bei der deutschen Ausstrahlung 1979 die letzte Szene der Serie zum Opfer fiel. Sie wurde nun im Original mit deutschen Untertiteln bei der Ausstrahlung im Januar angefügt. Ein Motiv des zuständigen WDR-Redakteurs Peter Märtesheimer für dieses Herausschneiden kann gewesen sein, dass er im Schlussbild die deutsche Familie Dorf zeigen wollte, die nach dem Selbstmord des Vaters diesen glorifiziert und die Massenmorde an den Juden als „Gräuelpropaganda“ verleugnet. Mit dieser Szene, die eine Reaktion auf die Nazi-Verbrechen festhält, wie sie in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft nicht selten anzutreffen war und sie sich noch in Wutausbrüchen, Beleidigungen und Drohbriefen an die WDR-Verantwortlichen anlässlich von „Holocaust“ zeigte, sollte – so könnte man die Entscheidung von Märtesheimer deuten – die Serie an ihrem Ende auf die Gegenwart ihrer Ausstrahlung hinweisen. Man kann den Schnitt aber auch anders deuten: Gefiel dem Redakteur womöglich die Idee der Schlussszene nicht, dass der überlebende Sohn der Familie Weiss im zionistischen Projekt eines eigenen jüdischen Staats in Palästina den letzten verbliebenen Sinn seines von den Morderfahrungen durchherrschten Lebens sieht?

Bleiben zwei zentrale Fragen der politisch-ästhetischen Debatte, die sich nicht einfach mit dem Wirkungserfolg der Serie wegwischen lassen. Beide hat Claude Lanzmann gestellt, der 1979 bereits an seinem großen, 1985 fertiggestellten Dokumentarfilm „Shoah“ arbeitete. Der hebräische Begriff „Shoah“ war es, der dann den aus dem Griechischen stammenden Begriff „Holocaust“ als Synonym für den Massenmord an den Juden ablöste. Die erste Frage, die Lanzmann in seinem Artikel „Vom Holocaust zu Holocaust oder wie man sich seiner erledigt“ stellte, bezieht sich darauf, dass die Familie Weiss die Identifikation für das Publi­kum deshalb ermöglichte, weil sie sich durch nichts von den Familien vor den Fernsehapparaten unterschied, die Familienmitglieder zudem mit amerikanischen Schauspielern besetzt waren, die wie Meryl Streep oder James Woods ihr Starpotenzial andeuteten. Die Frage lautet: „Hätten sich die Fernsehzuschauer nicht ebenso leicht in jüdischen Männern und Frauen aus Polen, der Ukraine oder Weißrussland mit ihrer Kleidung, ihren Traditionen, ihren Besonderheiten, ihrer Fremdartigkeit wiedererkannt?“

Zwei Fragen von Claude Lanzmann

Die zweite Frage bezieht sich auf die dramatische Szene, in der die Mutter Berta Weiss mit anderen Frauen, unter ihnen eine junge Italienerin, derer sie sich wie eine Tochter annimmt, in die Gaskammer geht. „Sie erwarten“, beschreibt Lanzmann die Szene, „den Tod ernst, würdevoll, wie es in solchen Szenen zum guten Ton gehört. In Wirklichkeit hat sich das anders abgespielt: Nach Jahren der Ghetto-Existenz, des Terrors, der Erniedrigung und des Hungers hatten jene, die mit Peitschen und Gummiknüppeln angetrieben und in Fünferreihe in die Todeskammern gedrängt wurden, weder die Muße noch die Kaltblütigkeit, mit Vornehmheit zu sterben. Zu zeigen, wie es wirklich zugegangen ist, wäre in der Tat unzumutbar gewesen und hätte außerdem auf keinen Fall eine tröstliche Identifikation ermöglicht.“

Diesen Zweifel, der ästhetische Entscheidungen stets auch als politische begreift, hat die Serie beim Wiedersehen nicht ausgeräumt. Dennoch erscheint in der Rückschau der Versuch, der mit „Holocaust“ unternommen wurde – allen Trivialitäten zum Trotz – legitim. Angesichts einer Gegenwart, in der sich der Antisemitismus wieder breitmacht, als sei nichts begriffen, mag man allerdings an die vielgerühmte Wirkung der Serie auch nicht recht glauben. Dass 1985 die Ausstrahlung von „Shoah“, zu der sich erneut die Dritten Programme zusammenschalteten, keine entsprechende Wirkung zeigte, deutete das bereits an. Man wollte mitfühlen, aber wenig wissen.

15.03.2019/MK

Print-Ausgabe 19/2019

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