USA: Bill Cosby und das Ende einer Symbolfigur

30.06.2017 •

Als sich die Jury eines Schwurgerichts im US-Bundesstaat Pennsylvania am 17. Juni nicht auf einen Schuldspruch einigen konnte und der Richter das Scheitern des Strafverfahrens gegen den heute 79-jährigen amerikanischen Fernsehstar Bill Cosby bekanntgab, war das keines­wegs das Ende einer überall in den Vereinigten Staaten mit Spannung verfolgten Anklage wegen zahlreicher sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen. Der Staatsanwalt hat sogleich Maßnahmen für ein neues Verfahren eingeleitet und die Öffentlichkeit hält weiterhin an ihrer Enttäuschung und Verachtung eines Mannes fest, der auf dem Bildschirm jahrzehntelang den ehrenhaften und erfolgreichen ‘kleinen Mann’ repräsentiert hatte, an dem sich die ganze Nation ein Vorbild nahm. Nicht nur die Klage der heute 44-jährigen Andrea Constand, sondern auch die (strafrechtlich inzwischen verjährten) Vorwürfe von über 50 weiteren Frauen werden Cosby für den Rest seines Lebens verfolgen.

Kein anderer Komödiant war in den USA durch seine Fernsehauftritte zu einer auch nur von fern vergleichbaren Symbolfigur des liebenswerten Familienvaters und aufrechten Repräsentanten des amerikanischen Traums geworden wie Bill Cosby. Vor allem seine vom Network NBC ausgestrahlte Sitcom „The Cosby Show“ (hierzulande zunächst im ZDF unter dem Titel „Bill Cosbys Familienbande“ zu sehen und später bei Pro Sieben) brachte ihm über viele Jahre immer neue Anerkennungen und die Verehrung durch das amerikanische Publikum ein. Cosby war darüber hinaus auch eine wichtige Symbolfigur für die gleichberechtigte Integration afro-amerikanischer Mitbürger in die mit Rassenproblemen gespickte Nation.

Ein großes Medienthema

Doch der Strafprozess gegen Bill Cosby, der sich zu einem großen Medienthema entwickelte, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Vereinigten Staaten werden seit einiger Zeit erschüttert von einer Welle von Vorwürfen und Anklagen wegen sexueller Belästigungen oder Misshandlungen, die gegen Berühmtheiten und Organisationen aller Art erhoben wurden. Von dem Taxi-Unternehmen Uber bis hin zu Bill O’Reilly, dem im April gefeuerten Starmoderator des Senders Fox News (vgl. MK-Meldung), reichen die Skandale, deren Details die Nachrichten im amerikanischen Fernsehen beherrschen.

Während einst viele Amerikaner Übergriffe dieser Art gern verziehen oder heruntergespielt haben, ist die alte Gewohnheit, angesehenen Personen des öffentlichen Lebens sexuelles Fehlverhalten nur im Ausnahmefall vor Gericht anzukreiden, einer neuen Sensibilität gewichen. Eine Folge davon ist, dass Cosbys bisher immer irgendwo gegenwärtige Komödien vom Bildschirm verschwunden sind. Namhafte Konzerne ziehen überdies ihre Werbung aus Sendungen umgehend zurück, die auch nur am Rande mit privaten Skandalen zu tun haben. Und hinzu kommt, dass das Publikum millionenfach in den sozialen Medien auf bekannt gewordene Vorwürfe sexueller Belästigungen reagiert. NBC hat alle Pläne, eine neue Serie für Cosby zu entwickeln, eingestellt. Auch die Talentagentur CAA, deren langjähriger Klient Cosby war, hat jede Beziehung zu ihm gelöst. Die einzige Gelegenheit, Bill Cosby heutzutage im weiten Fernsehuniversum zu Gesicht zu bekommen, bieten die Bilder von seinem Gerichtsverfahren, die – zumindest aktuell – umfangreich verbreitet werden.

30.06.2017 – Ev/MK

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