Ukraine: Zurab Alasania erster Intendant des neuen öffentlich‑rechtlichen Rundfunks NSTU

02.06.2017 •

Mit der Ausrichtung des 62. Eurovision Song Contest (ESC) in Kiew hat der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk der Ukraine seine erste große Bewährungsprobe bestanden. Vom 9. bis 13. Mai 2017 beteiligten sich am Finale und den beiden Halbfinalrunden diesmal insgesamt 42 Länder unter dem Motto „Celebrate Diversity“ an dem Gesangswettbewerb der europäischen Rundfunkunion EBU. Gewinner wurde erstmals Portugal mit dem Sänger Salvador Sobral und seiner Ballade „Amar Pelos Dois“ („Liebe für uns beide“). Mehr als 200 Mio Zuschauer weltweit sahen am 13. Mai das ESC-Finale live. EBU-Mediendirektor Jean Philip De Tender äußerte seinen „Stolz über unser Team in Kiew, das drei unglaubliche Shows ablieferte“.

In der Ukraine war das Finale des Eurovision Song Contest das bisher erfolgreichste Fernsehereignis für den neuen öffentlich-rechtlichen ukrainischen Rundfunk NSTU (= Nazionalna Suspilna Teleradiokompanija Ukraini). Die fast vierstündige Finalshow sahen in der Ukraine im Schnitt 3,8 Mio Zuschauer bei einem Marktanteil von 18,3 Prozent für das vom NSTU veranstaltete Programm UA Pershij (= Ukraine Eins). Erst am 19. Januar 2017 war der öffentlich-rechtliche Rundfunk als neue Gesellschaft amtlich registriert worden. Vom 1. Januar bis 12. Mai 2017 leitete die Verwaltungsexpertin Hanna Bitschok für eine Übergangszeit den neuen Sender.

Mitgestalter nach der Euromaidan-Revolution

Am 13. Mai trat nun auch Zurab Alasania, der erste gewählte NSTU-Intendant, sein neues Amt offiziell an. Der 52-jährige Fernsehjournalist war am 10. April vom NSTU-Aufsichtsrat im zweiten Wahlgang mit 10 von 17 Stimmen für vier Jahre zum Intendanten (Vorstandsvorsitzenden) gewählt worden. Auf seinen Gegenkandidaten Oleg Naliwajko entfielen die anderen sieben Stimmen. Im ersten Wahlgang hatten Alasania und Naliwajko jeweils acht Stimmen erhalten (bei einer Enthaltung). Insgesamt hatten sich acht Kandidaten um das Intendantenamt beworben.

Zurab Alasania und Oleg Naliwajko hatten in der Ukraine nach der Euromaidan-Revolution im Februar 2014 maßgeblich den Übergang vom staatlichen zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk mitgestaltet. Es war eines der wichtigsten Projekte der Regierung unter Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk nach dem Sturz des prorussischen Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch im Februar 2014. Bereits am 17. April 2014 hatte das ukrainische Parlament das neue „Gesetz über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ verabschiedet (vgl. FK-Meldung).

Der erste NSTU-Intendant Zurab Alasania ist ein Ukrainer georgischer Abstammung. Er studierte in den 1980er Jahren Bauwesen in Charkow, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Nach der Unabhängigkeit des Staates im Gefolge der Auflösung der Sowjetunion begann Alasania ab 1996 als Journalist zu arbeiten und war für unabhängige Fernsehunternehmen als Autor, Korrespondent und Moderator in Charkow tätig. Nach der „Orangenen Revolution“ in der Ukraine im Januar 2005 war er von 2005 bis 2010 Direktor des regionalen staatlichen Rundfunks in Charkow. 2013 gehörte er zu den Gründern des Internet-Bürgerfernsehens Hromadske.tv. Von März 2014 bis November 2016 leitete er als Intendant das staatliche ukrainische Fernsehen NTKU. Im November 2016 war Alasania als NTKU-Intendant wegen Meinungsverschiedenheiten mit der Regierung über die Finanzierung des ESC 2017 und des in Planung befindlichen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunks zurückgetreten.

Halbierung der Mitarbeiterzahl

Die Rundfunkreform in der Ukraine wird von Staatspräsident Petro Poroschenko und der Regierung aus der konservativen Volksfront (NF) und der liberalen Partei Solidarität-Block Petro Poroschenko (SBPP) getragen. Auch die sechs oppositionellen Parteien im Parlament in Kiew unterstützen die Rundfunkreform. Im 17-köpfigen NSTU-Aufsichtsrat vertreten neun Mitglieder Organisationen der Zivilgesellschaft, acht Mitglieder in dem Aufsichtsgremium kommen von den im ukrainischen Parlament vertretenen Parteien. Vorsitzende des Aufsichtsrats ist die Journalistin Tatjana Lebedjewa.

Als Prioritäten für seine Arbeit nannte Zurab Alasania die politische und finanzielle Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und eine durch Einsparungsnotwendigkeiten bedingte Halbierung der Mitarbeiterzahl bis zum Jahr 2020. Derzeit arbeiten etwa 8000 Menschen für die Sendeanstalt. Die Bildung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks NSTU erfolgte weitgehend auf der Grundlage einer Fusion des vorherigen nationalen Fernsehens NTKU mit regionalen Hörfunkunternehmen und dem Fernsehsender Kultura. Der nationale Hörfunk NRKU ist bisher weitgehend autonom geblieben (vgl. auch diese MK-Meldung).

02.06.2017 – Mathias Ebert/MK