Journalisten und Geiselgangster

10.08.2016 •

Moderator: Frau Friedrichsen, dann müssen wir zum Schluss noch einmal kurz sprechen über eine andere wichtige Seite dieses Verbrechens. 30 Jahre liegt diese Geiselnahme von Gladbeck zurück, knapp 30 Jahre, und keiner, der die Fernsehbilder damals gesehen hat, wird es wahrscheinlich vergessen können. Glauben Sie, dass so etwas wie damals heute noch mal möglich wäre? Geiselnehmer, die in einem Fluchtauto regelrechte Pressekonferenzen abhalten und die auch Journalisten zu Vier-Augen-Gesprächen dazu bitten?

Gisela Friedrichsen: Also, ich glaube, dieses Verbrechen damals oder diese Tat damals hat zu einem geführt, nämlich einem Nachdenken innerhalb der Journaille, dass man so etwas nicht macht, dass man also, selbst wenn man da tolle Bilder machen könnte und tolle Interviews führen könnte, dass das unmöglich ist. Das ist das eine. Aber ich hoffe auch wirklich inständig, dass man bei der Polizei gerade aus einem solchen Versagen, wie es damals ja an allen Ecken und Enden festzustellen war, so viel gelernt hat, dass es zu solchen Situationen nicht mehr kommt. Ich glaube, die Journalisten ... man kann so schimpfen über sie, wie man will, durchaus zu Recht – auf der anderen Seite aber waren sie diejenigen, die mit diesen Geiselgangstern gesprochen haben, die vielleicht sogar dafür gesorgt haben, dass es nicht zu einem größeren Blutvergießen gekommen ist, als es ohnehin dann stattgefunden hat. Diese zwei Geiselgangster, die saßen in Köln umringt von einer Menschenmenge und haben sich da produziert, oder auch an der Raststätte Grundbergsee, es war jede Menge Publikum da. Die waren beide bewaffnet, die hätten nur schießen brauchen. Das ist verhindert worden, weil die Journalisten sie abgehalten haben davon und gesagt haben, ‘Komm, wir zeigen euch den Weg zur Autobahn’, oder ‘Macht das nicht’, oder dass auch Geiseln entlassen wurden, rausgelassen wurden, Frauen und Kinder. Das hat man eigentlich den Kollegen von mir zu verdanken, weil die Polizei eigentlich nur hinterhergehechelt ist und sich derart töricht angestellt hat, dass man das heute kaum noch für möglich hält.

Aus einem Deutschlandfunk-Interview vom 9. August mit der Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen vom „Spiegel“. Anlass für das Gespräch war, dass 28 Jahre nach dem sogenannten Gladbecker Geiseldrama einer der beiden Täter, Dieter Degowski, demnächst möglicherweise aus der Haft entlassen wird. Das Interview führte Deutschlandfunk-Moderator Tobias Armbrüster in der Sendung „Informationen am Morgen“.

10.08.2016 – MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren