Immer noch Befangenheit

ARD-Dokumentation: Das Gladbecker Geiseldrama und die Medien

Von Brigitte Knott-Wolf
16.06.2006 •

16.06.2006 • Der Banküberfall mit Geiselnahme in Gladbeck im August 1988 hat Programmgeschichte geschrieben, denn er wurde zu einem Medienereignis, das immer noch Beispielcharakter hat, wenn es darum geht, über die Rolle der Medien in der aktuellen Berichterstattung zu diskutieren. Im Verlauf dieser Geiselnahme gelang es den Tätern seinerzeit, drei Tage lang die Polizei zur Untätigkeit zu verdammen, indem sie die Medien für ihre Zwecke instrumentalisierten. Daraus haben Polizei und Medienverantwortliche später wichtige Konsequenzen für ihre künftige Arbeit gezogen, damit sich ein solcher Vorgang nicht noch einmal wiederholen kann.

Die ARD machte das Gladbecker Geiseldrama jetzt zum Thema einer Folge ihrer Reihe „Die großen Kriminalfälle“. Die vom WDR verantwortete Produktion mit dem Titel „Gladbeck – Dokumentation einer Geiselnahme“ lief am Montag, den 12. Juni, im Ersten (21.00 bis 21.45 Uhr). Der Film von Michael Gramberg zeigt zunächst einige dokumentarische Szenen mit den Geiselnehmern aus der Kölner Innenstadt, bevor er die Abläufe der Ereignisse vom 16. bis 18. August 1988 in chronologischer Reihenfolge rekonstruiert. Damit wird bereits deutlich, welchen Schwerpunkt der Filmemacher gesetzt hat: Nicht auf die Rekonstruktion des Kriminalfalls an sich ist sein Hauptaugenmerk gerichtet – und insofern passte das Stück nicht wirklich zum Format „Die großen Kriminalfälle“ –, sondern es ging primär um das mediale Geschehen in diesem Zusammenhang, das den Verlauf wesentlich mitbestimmt hat und dessen bizarrste Szenen eben jene aus der Kölner Fußgängerzone sind.

Ein Medienskandal

Die Kritik am Verhalten der Medien hatte bereits unmittelbar nach dem Ende der Geiselnahme eingesetzt; bei der Befreiungsaktion kamen zwei Geiseln ums Leben. So diskutierte der WDR-Rundfunkrat in seiner Sitzung vom 25. August 1988 über das „Gladbecker Geiseldrama“ und das „Verhalten von Journalisten bei der Informationsbeschaffung“. In einer einstimmig verabschiedeten Stellungnahme forderte das Gremium dabei die Journalisten zu mehr Sensibilität im Umgang mit dokumentarischem Material auf und kritisierte als entscheidenden Fehler, „den Geiselgangstern während ihrer Straftaten eine so breite Möglichkeit der Selbstdarstellung vor der Kamera“ gegeben zu haben. Die Verantwortung für die Berichterstattung in der ARD hatte, da sich das Geschehen überwiegend in Nordrhein-Westfalen ereignet hatte, weitgehend beim WDR gelegen.

Dieser Umstand wird in Grambergs Dokumentation – Produzent: WDR – nicht explizit erwähnt; man sieht jedoch gelegentlich, so bei Interviews mit den Geiselnehmern, ein Mikrofon mit WDR-Logo im Bild. Ausführlicher wurde in dem Film dagegen auf die Berichterstattung durch das Radio-Bremen-Regionalmagazin „Buten un binnen“ eingegangen, die sich auf die Zeitphase bezog, als die Geiselnehmer einen Bus in Bremen besetzten. Es wurde auch eine Sequenz gezeigt, in welcher der spätere Bremer Bürgermeister Klaus Wedemeier die Journalisten offen im Studio wegen ihrer Berichterstattung kritisiert. Gramberg lässt darüber hinaus den damaligen stellvertretenden Chefredakteur des Kölner Boulevardblatts „Express“ zu Wort kommen, der in das Auto der Geiselnehmer gestiegen war, um den Wagen aus der Kölner Fußgängerzone zu dirigieren. Schließlich gibt es auch Statements des Pressefotografen, der zeitweise den Kontakt zwischen Geiselnehmern und Polizei herstellte.

Die Ereignisse beim Gladbecker Geiseldrama zeigten, wie schlecht die Polizei zu diesem Zeitpunkt auf ‘amerikanische Medienverhältnisse’ vorbereitet war: auf die schnelle Live-Berichterstattung und die Konkurrenz um die spektakulärsten und aktuellsten Bilder (private Fernsehsender gab es erst seit einigen wenigen Jahren hierzulande). Die Medien machten eine ganze Nation zu Voyeuren des Geschehens und zu Zeugen einer kopflos handelnden, auf einen bloßen Beobachterstatus reduzierten Polizei. Einen solchen Beobachterstatus hätten eigentlich die Medien einnehmen müssen. Stattdessen übernahmen sie Polizeiaufgaben und verhandelten mit den Geiselnehmern.

Gramberg lässt in seinem Kommentar keinen Zweifel an dem Versagen der Polizei, auf das Fehlverhalten der Medien hingegen geht der Kommentar weit weniger ausführlich ein. Zu Einsichten dieser Art muss der Zuschauer weitgehend durch eigene Anschauung des dokumentarischen Materials kommen. Das kann er allerdings auch, denn Gramberg hat gerade solche Filmsequenzen ausgesucht, in denen sich das Verhalten der Journalisten deutlich manifestiert. Man hat zeitweise sogar den Eindruck, als sei der Kommentar, der das Polizeiverhalten sehr kritisch thematisiert, von einer anderen Person verfasst worden als von derjenigen, die die Auswahl der in dieser Dokumentation zu zeigenden Bildsequenzen vorgenommen hat, die sich ausgiebig dem Verhalten der Journalisten widmen. Sogar Ausschnitte aus den Hörfunkinterviews, die bereits während der Geiselnahme in der Gladbecker Bank mit den beiden Haupttätern gemacht wurden, sind im Film zu hören. Währenddessen standen bereits die ersten Fernsehteams draußen, die live vom Geschehen berichteten. Die Dokumentation zeigt ebenfalls ausführlich die Interviews mit den Geiselnehmern und die Szenen aus der Kölner Fußgängerzone, verschweigt aber leider dabei, welche Passagen damals auch tatsächlich ausgestrahlt und welche seinerzeit als nicht sendefähig zurückgehalten wurden und erst jetzt von Gramberg aus dem Archiv geholt worden sind. Um aus heutiger Sicht das Verhalten der Medien beurteilen zu können (denn außer den Reportern vor Ort gibt es ja auch noch Redakteure, die letztlich darüber entscheiden, was dann tatsächlich gesendet wird), wäre eine solche Kennzeichnung des dokumentarischen Materials von großem Nutzen gewesen.

Ein Polizeiskandal

Was damals sicher nicht gesendet worden ist, sind die Bilder vom toten Jungen, der aus dem Bus getragen wird. Hier gibt auch der Kommentar seine Zurückhaltung in Sachen Medien auf und weist den Zuschauer explizit daraufhin, dass einer der Journalisten, die den Jungen wegtragen, noch kurz dessen Kopf anhebt, um ihn in die Kamera zu halten. Gramberg hat sich für seinen Film mit dem Vater des bei der Befreiungsaktion an einer Autobahnraststätte getöteten Jungen und mit der Mutter der bei der Überwältigung der Täter getöteten jungen Frau in Verbindung gesetzt und sie beide kurz zu Wort kommen lassen. In einem vom WDR verbreiteten Interview weist Gramberg darauf hin, dass es „eine Art Selbstbeschränkung der Anstalten“ gegeben habe, „die die Mutter der getöteten Frau erwirkt hat“, die nicht gewollt habe, dass Bilder ihrer Tochter in den Medien weiter gezeigt würden. Erst nachdem er sich vor etwa einem Jahr mit der Mutter in Verbindung gesetzt habe, habe sie der Ausstrahlung solcher Bilder zugestimmt.

Ausführlich nimmt auch der damalige nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Schnoor Stellung, obwohl das, was er sagt, keinerlei neue Information enthält. Auch das Maß an Zerknirschung über das Fehlverhalten seiner Polizei, das er dabei zeigt, hält sich in erstaunlich engen Grenzen. Auf diese Weise stützt Schnoor zwar nicht den im Film erhobenen Schuldvorwurf gegenüber der Polizei, aber er kann ihn auch nicht wesentlich entkräften. So bleibt der Vorwurf, hier gehe es auch um einen Polizeiskandal, mehr oder weniger unwidersprochen im Film stehen. Es wäre zu wünschen gewesen, wenn es noch mindestens ein Statement im Film gegeben hätte, in dem klipp und klar analysiert worden wäre, wie der massive Auftrieb an Journalisten polizeiliches Eingreifen unmöglich gemacht hat.

Dass es der Polizei im Vorfeld nicht gelungen ist, die Medien vom Geschehen fernzuhalten, erscheint als der eigentliche Skandal. Die Dokumentation ist, wie sie jetzt das Geschehen rekonstruiert, ein einziges Menetekel darüber, was alles passieren kann, wenn die Polizei nicht rechtzeitig die Medien in Schach hält. Durch seinen Verzicht auf die Reflexion dieser Problematik verhindert Gramberg allerdings auch die Grenzziehung in anderer Richtung: wo nämlich eine fehlende kritische Öffentlichkeit zu Missbrauch polizeilicher Macht führen kann. In gewissem Sinn hat die durch die extensive Berichterstattung der Medien öffentlich gewordene Blamage der Polizei auch einen wichtigen Beitrag zu Verbesserung der Polizeiarbeit geleistet.

Michael Gramberg macht keine eigenen Interviews mit den Tätern, in denen er sie um eine Bewertung der Vorgänge aus ihrer heutigen Sicht befragt. Er greift auch nicht auf diesbezügliches Filmmaterial aus der inzwischen über 15-jährige Rezeptionsgeschichte dieses Medienereignisses zurück. So gibt er den Tätern von damals keine neue Chance zur Wiederbelebung ihrer ‘Starrolle’, die ihnen damals zugefallen war und die sie offensichtlich waidlich für ihre Zwecke ausgenutzt hatten. Gramberg verzichtet ebenfalls darauf, Täterporträts zu erstellen und nach den Beweggründen der Geiselnehmer zu forschen. Das unterscheidet seinen Film von Produktionen, wie sie bei den Privatsendern RTL und Vox 1998 aus Anlass des 10. Jahrestages der Ereignisse gezeigt worden sind.

RTL hatte sich hier zur besten Sendezeit zum ersten Mal an einem eigenen Doku-Drama versucht – Titel: „Wettlauf mit dem Tod“ (19.8.1998) –, das den Kriminalfall möglichst spannend zu rekonstruieren versuchte und neben der Wiedergabe von Archivmaterial und dem Nachspielen des aktuellen Geschehens auch Interviews mit Beteiligten enthielt, darunter die damals bereits aus dem Gefängnis entlassene Mittäterin Marion Löblich. Vox hatte eine Woche zuvor am späten Abend die Dokumentation „54 Stunden Angst – Das Geiseldrama von Gladbeck“ mit anschließender Studiodiskussion (11.8.1998) gesendet, in deren Mittelpunkt eine Analyse des Tathergangs und der Täter durch einen Psychologen stand (vgl. FK-Artikel).

Die jetzige 45-minütige ARD-Dokumentation von Michael Gramberg ist kein bloßes Remake dessen, was bereits am 10. Jahrestag dieses Geiseldramas zu sehen war. Sie zeigt jedoch gerade in ihrer Gründlichkeit, mit der sie einerseits das Verhalten der Journalisten abbildet, aber andererseits in der Kommentierung und in den eingeholten Interviews dieser Thematisierung ausweicht, dass immer noch Befangenheit im Umgang mit diesem Problem vorherrscht.

• Text aus Heft Nr. 24/2006 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

16.06.2006/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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