Michael Gramberg: Gladbeck – Dokument einer Geiselnahme (WDR Fernsehen) / Nadja Kölling: 54 Stunden – Das Geiseldrama von Gladbeck. Schwerpunktsendung des „Spiegel TV Magazins“ (RTL)

Journalisten im Aktualitätsrausch

15.08.2008 • Mit diesen Dokumentationen wird an den 20. Jahrestag der Geiselnahme in Gladbeck am 16. August 1988 erinnert, die erst zwei Tage später nach insgesamt 54 Stunden zu Ende ging. Es ist nicht das Verbrechen als solches, sondern das damit verbundene Medienspektakel, das die Erinnerung an das Ereignis wachhält: ein bis zu diesem Zeitpunkt noch nie dagewesenes Aufeinandertreffen von Medien und Polizei, das für den fatalen Verlauf verantwortlich war.

Die Medien berichteten seinerzeit live, selbst in der seriösen ARD-„Tagesschau“ wurden Täter-Interviews gesendet. Wie im Aktualitätsrausch gaben Journalisten jegliche Distanz auf, verließen die Position des Beobachters und griffen aktiv ins Geschehen ein. Zeitweise übernahmen sie Polizeiaufgaben, während die Polizei selbst sich durch die Medienleute in ihrer Arbeit stark behindert sah. Die Journalisten hätten, so lautete der Vorwurf, durch ihre Anwesenheit nicht nur einen polizeilichen Zugriff unmöglich gemacht, sondern auch den Tätern in unverantwortlicher Weise ein öffentliches Forum geboten.

Vor allem die anderthalbstündige Dokumentation von Michael Gramberg im WDR Fernsehen rückt diesen Aspekt in den Vordergrund. Sie anzusehen, sollte daher in der Journalistenausbildung zur Pflichtveranstaltung werden. Von Gramberg wurde bereits 2006 innerhalb der ARD-Reihe „Die großen Kriminalfälle“ eine Dokumentation unter dem gleichen Titel gesendet, die allerdings nur 45 Minuten lang war (vgl. FK-Artikel). Sein neuer Film ähnelt im Aufbau stark diesem vor zwei Jahren ausgestrahlten, ebenfalls vom WDR produzierten Stück. Er beginnt wie damals mit Szenen aus der belebten Kölner Fußgängerzone, wo das Auto mit den Tätern und den Geiseln steht. Erst dann rekonstruiert der Film den Banküberfall mit der anschließenden Geiselnahme, die zwei Tage vorher in Gladbeck begann. Die Szenen in Köln bilden zweifellos den Höhepunkt an Medienpräsenz, die diesen Fall so spektakulär machten. Hier, in der engen Fußgängerpassage, drängen sich die Menschen um das Fluchtauto. Das Ende des Geiseldramas, bei dem eine Geisel im Kugelhagel ums Leben kommt, findet dagegen auf einer leeren Autobahn statt.

Gegenüber der 2006 gesendeten Fassung ist die neue WDR-Dokumentation gründlicher und genauer (weil doppelt so lang), ohne dass man den Eindruck hätte, sie sei dabei zu lang geraten. Auch nach 20 Jahren und in Kenntnis des Geschehensablaufs wird man von der filmischen Darstellung in den Bann gezogen, die zwischen akribischem Report der Ereignisse und kritischer Reflexion der Verhaltensweisen von Journalisten und Polizei wechselt. Der Filmautor verlässt dabei nie die Position des distanzierten Beobachters, selbst dann nicht, wenn er das Geschehen bewertet und einordnet. Er scheut sich nicht, die polizeilichen und journalistischen Fehlleistungen zu dokumentieren und im Kommentar zu benennen und zu analysieren, bleibt aber im Ton sachlich und vermeidet Polemik.

In der jetzt im WDR Fernsehen gesendeten Dokumentation wird allerdings nicht deutlich, zu welchen Zeitpunkten die späteren Interviews für den Film geführt wurden. Nur dann, wenn es sich um Originalmaterial von 1988 handelt, wird jeweils das Datum eingeblendet. Es kann nur vermutet werden, dass in den vergangenen zwei Jahren nach der Ausstrahlung der 45‑minütigen ARD-Version kein neues Filmmaterial mehr hinzugekommen ist, sondern das bereits im Jahr 2006 vorhandene Material jetzt für diese doppelt so lange Fassung verwendet wurde. Wie in der Kurzversion vor zwei Jahren liegt auch der Schwerpunkt der nunmehr im Dritten Programm des WDR ausgestrahlten erweiterten Fassung zweifellos bei der kritischen Auseinandersetzung mit der Polizeiarbeit und dem Verhalten der Journalisten. Die Opfer kommen nur sehr knapp zu Wort; Täter-Interviews werden überhaupt nicht geführt, auch keine Interviews, die sich – über die notwendige Information zum Verständnis des Tathergangs hinaus – mit den Profilen der Täter auseinandersetzen.

Im Gegensatz dazu setzte die „Spiegel-TV“-Sendung bei RTL einen anderen Akzent. Das „Spiegel TV Magazin“ widmete dem Jahrestag eine eigene, knapp 45-minütige Schwerpunktsendung mit dem Titel „54 Stunden – Das Geiseldrama von Gladbeck“. Eine noch umfassendere Version – eine 100 Minuten lange Dokumentation – wird am Samstag (16. August) als „Spiegel TV Special“ ab 22.05 Uhr auf Vox zu sehen sein („Gladbeck 1988 – Anatomie eines Geiseldramas“).

Die bei RTL gezeigte Dokumentation von Nadja Kölling unterscheidet sich von dem 90-minütigen WDR-Film Michael Grambergs dadurch, dass sie sich intensiver mit den Tätern und Opfern befasst, weniger mit den medialen Aspekten. Auch die Angehörigen der Opfer sprechen vor der Kamera, das weitere Schicksal der Hinterbliebenen wird thematisiert, ihre bis heute andauernde Traumatisierung belegt. Ausführlich kommen Tatiana und ihr Vater zu Wort: Sie war als neunjähriges Mädchen im Bus in Bremen als Geisel genommen worden, ihr 15-jähriger Bruder Emanuele ist von den Geiselnehmern erschossen worden. Die Mutter der bei der Überwältigung der Täter ums Leben gekommenen Geisel Silke Bischoff wird – wesentlich ausführlicher, als es im WDR-Film der Fall ist – ebenfalls interviewt (zu sehen ist sie allerdings nur von hinten). Ebenso wird Ines Voitle befragt, die zweite Geisel. Sie überlebte bei der Befreiungsaktion auf der Autobahn. Dann sieht man auch Interviews mit den beiden Haupttätern; die stammten allerdings aus dem Jahr 1991 und wurden unmittelbar nach der Verurteilung der Täter aufgenommen. Vom formalen Aufbau her blieb diese Dokumentation von „Spiegel TV“ jedoch eher diffus. Eine willkürlich erscheinende Aneinanderreihung von Filmsequenzen ließ sie eher als schnell zusammengeschusterte Reportage erscheinen.

Das Interesse der Medien an diesem Fall scheint ungebrochen, wie aus Anlass dieses Jahrestages die vielen Artikel auch in den Zeitungen und Zeitschriften beweisen. Nicht zuletzt wird es die Fülle an Originalmaterial sein, die in den Archiven zur Verfügung steht, die Filmemacher reizt, sich immer wieder mit dem Ereignis auseinanderzusetzen, das als „Gladbecker Geiseldrama“ in die deutsche Geschichte einging. Selbst 20 Jahre danach stand bei den beiden Dokumentationen immer noch die Rekonstruktion des Ablaufs der Geschehnisse im Vordergrund. Dabei wäre es an der Zeit, auch die Rezeptionsgeschichte dieses Medienereignisses in den Medien selbst einmal zu reflektieren. So hatte seinerzeit der Deutsche Presserat reagiert und seine Richtlinien überarbeitet („Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben“, heißt es seither in Ziffer 11 des Kodex). Ebenso beschäftigten sich die Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ausführlich mit dem Fall.

Andererseits ist Gladbeck als Medienereignis in gewisser Hinsicht bereits historisch geworden: Damals gab es weder (Foto-)Handys noch Internet. Keine noch so gute Zusammenarbeit zwischen Medien und Polizei noch eine Abschottung der professionellen Medienvertreter könnte heute verhindern, dass solche Szenen über Internet-Portale öffentlich würden und für einen entsprechenden Menschenauflauf am Tatort führten.

• Text aus Heft Nr. 33-34/2008 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

15.08.2008 – Brigitte Knott-Wolf/FK
Fatales Mitwirken der Medien: Diese 90-minütige Dokumentation anzusehen, sollte in der Journalistenausbildung zur Pflichtveranstaltung werden (der WDR-Film von Michael Gramberg ist via YouTube abrufbar) Foto: Screenshot