Medienspektakel ohne Ende

Zwei Fernsehsendungen zum 10. Jahrestag des Gladbecker Geiseldramas

Von Brigitte Knott-Wolf
28.08.1998 •

28.08.1998 • Es ist ein Datum, das Programmgeschichte geschrieben hat: Die Geiselnahme in einer Bank in Gladbeck, am 16. August 1988, wurde zu einem Medienereignis, das für viele Jahre die öffentliche Diskussion über die Qualität der Fernsehberichterstattung und die Stellung der Medien in der Verbrechensbekämpfung beeinflusst hat. Heute seien alle klüger, beeilen sich Vertreter der Medien und der Polizei zu behaupten.

Doch die Sendungen im Fernsehen zum 10. Jahrestag der Ereignisse legen eher die Vermutung nahe, dass sich das Rad der Fernsehgeschichte auch in diesem Fall nicht zurückdrehen lassen wird. Der Aktualitätsdruck, unter dem die Medien arbeiten, und damit die Gefahr, dass irgendwann wieder einmal ein unglückseliges Zusammenspiel (resp. die nicht funktionierende Zusammenarbeit) von Polizei und Medien eine Katastrophe dieses Ausmaßes heraufbeschwören wird, hat eher noch zugenommen. Zwei mehrstündige Sendungen des Privatfernsehens beschäftigten sich jetzt mit diesem Ereignis: „54 Stunden Angst – Das Geiseldrama von Gladbeck“ hieß der Beitrag auf Vox (von Andrea Klüting und Michael Sagorny; Dienstag, 11.8.98, 22.10 bis 23.40 Uhr); „Wettlauf mit dem Tod – Das Geiseldrama von Gladbeck“ lautete der Sendetitel bei RTL (Buch und Regie: Geronimo Beckers; Mittwoch, 19.8.98, 20.15 bis 22.10 Uhr).

Fiktion und Wirklichkeit

Die Sendungen widmen sich dem eher drittklassigen Banküberfall in Gladbeck vor zehn Jahren, der sich allerdings schnell zu einem Medienspektakel entwickelt, weil die Täter von Anfang an auf die Medien als Gegengewicht zur Polizeimacht setzen. Mit dieser Strategie haben sie zunächst Erfolg, weil sie die Polizei tatsächlich zur Passivität verleitet und zu machtlosen Beobachtern zu degradieren scheint, bis diese dann der mehrtägigen Odyssee zwischen Bremen und Köln ein blutiges Ende setzt. Gladbeck zeigt, wie schlecht die Polizei zu diesem Zeitpunkt auf „amerikanische Medienverhältnisse“ vorbereitet ist. Der Illusion, eher einer Fernsehinszenierung beizuwohnen statt einem ‘echten’ Verbrechen, scheinen zeitweise nicht nur die Geiseln zu erliegen. Der wird allerdings von den Tätern selbst ein jähes Ende gesetzt, als sie ihre Drohung wahrmachen und einen 15jährigen Jungen unter ihren Geiseln in einem Bremer Bus ‘wirklich’ erschießen.

Aus dem Medienspektakel wird sehr schnell ein Medienskandal, genauer gesagt: ein Fernsehskandal, denn gerade der kurze Weg der aktuellen Bilder und Interviews vom Geschehen in die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender, die untereinander um die schnellsten und spektakulärsten Bilder konkurrieren, machen eine ganze Nation zu Voyeuren. Gladbeck ist der erste innenpolitische Medienskandal, der das Fernsehen mit seiner aktuellen Berichterstattung betrifft. Der Medienskandal des Vorjahres um den Politiker Uwe Barschel (CDU) ist noch in erster Linie ein Skandal der Printmedien gewesen. Und ein Jahr später (1989) folgt dann der Golfkrieg; da ist es die außenpolitische Berichterstattung, die dabei eine ziemlich unrühmliche Rolle spielt. Nach dem Motto „Erst kommen die Bilder, dann kommt die Moral“ (so die Überschrift eines FK-Artikels über das Gladbecker Geiseldrama), spielen diese Ereignisse seitdem in vielen Mediendebatten, medienkritischen Essays, medienethischen Podiumsdiskussionen und Grundsatzerklärungen eine große Rolle.

RTL mit Doku-Drama

RTL nutzt diese latente Aktualität des Gladbecker Geschehens zur Etablierung eines neuen Programmgenres, dem Doku-Drama, das sich offen an entsprechende amerikanische Vorbilder („true stories“) anlehnt. Doch die in die Programmpresse lancierten Verbindungen zu Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (ARD) über die Schleyer-Entführung hätte sie besser unterlassen, denn ein solcher Vergleich zeigt sogleich die Schwächen des RTL-Films. Zwar ähneln vor allem die ersten Spielszenen, die den Banküberfall schildern, dem Beginn von „Todesspiel“ und auch die Besetzung der Rollen mit schauspielernden Doppelgängern wie auch die fließend ‘weichen’ Übergänge von Spielszenen zu dokumentarischen Szenen erinnern an diesen Film von Breloer. Aber dem RTL-Doku-Drama „Wettlauf mit dem Tod“ fehlt der analytische Charakter, der die Rekonstruktion eines bereits bekannten Geschehens für den Zuschauer erst spannend macht, weil er dabei neue Einsichten gewinnen kann.

Die Sensation, auf die RTL setzt, besteht in Interviews mit Beteiligten, die noch einmal erzählen, was sie erlebt haben. Darunter sind auch lange Passagen mit der inzwischen freigelassenen Mittäterin Marion Löblich, die sich als reuige Täterin darstellt. Die unrühmliche Rolle der Medien wird bagatellisiert, es werden die Polizisten als die eigentlich Verantwortlichen an dem Desaster herausgestellt. Die streng der Chronologie folgende Rekonstruktion wirkt schon nach den ersten Minuten langatmig und schleppend, weil nach dem eigentlichen Überfall zu wenig passiert, um diesen Film als Action-Drama, als das er konzipiert ist, durchhalten zu können.

Vox setzt auf den Psychologen

Da hat im Vergleich Vox mit seiner Dokumentation „54 Stunden Angst“ besser abgeschnitten. Sie wird von Henning Quanz anmoderiert, der später auch die Studiodiskussion mit Ulrich Kienzle (damals Chefredakteur von Radio Bremen), Otto Pfannenschmidt (Polizei Köln) und Rolf Bossi, dem ehemaligen Verteidiger eines der Täter, leitet. Ausführliche Interviews, die gleich zu Beginn des Films eingespielt werden, stützen seinen analytischen Charakter. Neben originalen Filmaufnahmen sieht man auch viele Originalpressefotos vom Geschehen, die den Erzählfluss anhalten und dem Kommentar Gelegenheit für Hintergrundinformationen geben. Die Entwicklung der Täterprofile durch biografische Hinweise und die kommentierende Begleitung durch den Psychologen vermittelten einen wesentlich informativeren Einblick ins Geschehen.

Es ist vor allem dieser Psychologe in der Rolle des Erzählers, dem der Zuschauer gebannt zuhört und der es ihm ermöglicht, das Geschehen aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Bei der anschließenden Studiodiskussion, die sich inhaltlich sehr eng an die Dokumentation anschließt, spielt dann auch das Verhalten der Medien eine wichtige Rolle. Für Ulrich Kienzle (der dann von Radio Bremen zum ZDF wechselte) ist allerdings keine Besserung in Sicht. Angesichts der heutigen Mediensituation, in der sich der Wettbewerb durch schnelle Satellitenschaltungen, die redaktionelle Entscheidungen, ob etwas sendefähig ist oder nicht, überflüssig machen, noch wesentlich verschärft, seien „die moralischen Krokodilstränen“ umsonst vergossen worden. Der eigentliche Kern des Skandals, dass Medienvertreter im Geiselgeschehen nicht mehr nur als Beobachter auftreten, sondern plötzlich aktiv mitwirken, indem sie beispielsweise Vermittlungsaufgaben zwischen Polizei und Tätern übernehmen, kommt aber auch hier zu kurz.

Denn auch für Vox gilt, dass sein TV-‘Remake’ die Gladbecker Geiselnahme in erster Linie als Polizeiskandal darstellt. Sie heute für das Fernsehen zu rekonstruieren, scheint insofern ein Kinderspiel, weil die Archive mit Originalaufnahmen vom Geschehen voll sind. Schwieriger ist es schon, diese auch senden zu dürfen, weil immer noch – und vielleicht verschärft – die Konkurrenz der Medien um die besten Bilder wirksam ist. Noch härter wird das Geschäft, wenn es darum geht, wer welche Tatzeugen vor die Kamera bekommt und welche Summen für Exklusiv-Interviews zu zahlen sind. Da zeigt sich dann, dass Gladbeck immer noch ein Mediengeschäft ist und somit das Medienspektakel noch immer kein Ende gefunden hat.

• Aus Heft Nr. 35/1998 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

28.08.1998/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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