Erst kommen die Bilder, dann kommt die Moral

Die aktuelle Berichterstattung über die Gladbecker Geiselnahme im August 1988

Von Peter Leudts
19.08.1988 •

19.08.1988 •Noch nie hat das publizistische Echo eines Verbrechens, vor allem im Fernsehen, derart deutlich gemacht, wie angeknackst das Selbstverständnis des aktuellen Journalismus ist. Selten hat nahezu eine ganze Zunft demonstriert, dass kaum jemand mehr sich dem Sog widersetzen will oder kann, den die Medienkonkurrenz und das Diktat der Aktualität und des Spektakulären auszuüben vermögen. Und noch nie ist in der „naturwüchsigen“ Dramaturgie der Bilder das stille Einverständnis der meisten von uns mit den Voyeuren der Kamera sichtbar geworden, wie gerade bei der letzten Station der Geiselnehmer in Köln. Es war eben nicht nur der Pulk der professionellen Beobachter. Hier demonstrierten Straßenpassanten, dass sich diese Medienberichterstattung in einem großen Einverständnis mit seinem Publikum befindet.

„So etwas  dürfte es eigentlich nur in Amerika geben.“ Dieser Satz des Münchner Polizeipsychologen Günter Sieber bezog sich nicht auf die Geiselnahme selbst, sondern auf die Art und Weise, wie die großen Massenmedien mit diesem Ereignis umgingen.  Von Anfang an machten sie den schlimmen Kriminalfall zu einem Kriminalspiel der Nachrichtenzeit. Bevor noch die Geiselnahme eskalierte, steigerten sich die Berichterstatter in Hörfunk und Fernsehen in einen bisher nicht gekannten und nicht für möglich gehaltenen Aktualitätsrausch.

Um nur die auffälligsten Missgriffe und Grenzverletzungen zu nennen, da war unter anderem das lange Live-Interview mit den Gangstern im privaten Radio FFN in Niedersachsen und es gab ein aufgezeichnetes Telefoninterview bei RTL plus mit einem der Geiselnehmer, ebenfalls am ersten Tag. Der Informationswert war wie bei den Telefongesprächen mit den Geiseln gleich Null, nur halt mit dem Kitzel versehen, dass hier ein zu allem entschlossener Geiselnehmer oder eine psychisch angespannte Geisel sprach.

ARD und ZDF standen diesem Nachrichtengebaren um nichts nach. Auch sie brachten (am 17.8.) aus Bremen ein Interview mit einem der Gangster. In Köln schließlich, am dritten Tag des Geiseldramas, hielten alle ohne Ausnahme „drauf“. Es gab keine aktuelle Nachrichtensendung mehr, die nicht auch Bilder, Gesprächs- und Interviewfetzen direkt vom parkenden Fluchtauto brachte. Der letzte Rest von Distanz war dahin. Dass es dennoch eine Steigerung gab, führte der stellvertretende Chefredakteur des Kölner Boulevardblattes „Express“, Udo Röbel, vor, der die Abfahrt der Gangster mit ihren Geiseln dirigierte und zu ihnen – ohne Zwang – ins Auto stieg.

Viele der Politiker, die jetzt ein anderes Verhalten (oder Unterlassen) der Medien anmahnen, müssten an sich innehalten. Die Geister, die sie riefen, werden sie jetzt nicht mehr los. Konkurrenz belebt das Geschäft, lautete ihre Parole, und auf welch exzessive Weise, führten uns die Massenmedien vor. Es war auch nur eine Variante im alltäglichen Konkurrenzkampf um News und Storys, wenn man nur Exklusivvertrags des „Sterns“ mit dem Flughasardeur Rust erinnert. Es ist der Konkurrenzkampf im dualen Rundfunksystem, der nach dem „Vorbild“ der Boulevard- und Illustriertenpresse hier durchschlägt und der ein eingeschränktes Verständnis aktueller Berichterstattung zu fördern scheint, das zu dem durch mobile Technik und Teams erleichtert wird. Vor Ort wird ein ungeheurer Aufwand an Personal und Material getrieben. Im Kampf um die besten Bilder und deutlichsten Worte tritt die journalistisch aufwendige und mühsame Recherche nach Hintergründen zurück. An die Stelle der Chronistenpflicht tritt der Aktualitätsfetischismus. Die Bilder im Nachbarkanal üben einen Wettbewerbsdruck aus, dem sich kaum jemand entziehen will.

Der Tross der Reporter, der sich an die Fersen der Gangster heftete, die unzähligen Kameras und Mikrofone, ständig in Aktion und aufnahmebereit, die Bilder im Fernsehen, die Reaktionen auf diese Form der Berichterstattung auch bei den Gangstern zeigten, wie sehr hier Kriminalität und Medien „kooperierten“. Es war am Rande der Komplizenschaft, ein gegenseitiges Benutzen. Den einen nützte es bei ihrem Verbrechen, den Medien in ihrer Nachrichtendramaturgie. Ohne auch nur einen Anflug von Zweifel erkennen zu lassen, machte der Moderator (Armin Halle) bei „Sat 1 Blick“ aus dem Medienrummel eine Sternstunde des Fernsehens: Zum ersten Mal seien Millionen Menschen in der Bundesrepublik Zeugen eines Kapitalverbrechens geworden.

Nicht umsonst wurde so häufig von einem Live-Krimi gesprochen. Viel weiter ist auch Wolfgang Menges Fantasie mit dem fiktionalen Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ (1968) nicht gegangen. Nur dass diesmal die Fiktion von der Realität eingeholt wurde. Und das Erschreckende: Es sind tatsächlich nicht allein die Professionellen, die auf Neuigkeiten lauern. Das Publikum ist längst genauso gierig und noch viel skrupelloser und kann nicht einmal professionelle Interessen geltend machen. Klingt da die Bitte, die der Deutsche Presserat zur Presseberichterstattung über erpresserischen Menschenraub im Juli 1977 an die Redaktionen der publizistischen Medien richtete, „bei der Berichterstattung über Gewaltdrohungen aller Art Zurückhaltung zu üben, ohne die grundsätzliche Informationspflicht zu vernachlässigen“, nicht antiquiert?

Etwas Kritisches lieferte uns aber diese Berichterstattung, die die Deutsche Journalisten-Union als abenteuerlich, makaber und kaum mit den ethischen Grundsätzen des Journalismus vereinbar charakterisiert, ungewollt doch. Sie bot nicht nur  den Gangstern jede Gelegenheit zum Interview und schilderte ihr Handeln und das der Polizei, sondern sie dokumentierte auch immer das Verhalten und die Aktivitäten des Medienpulks und lieferte so – ungewollt – die Basis für die Kritik an Auswüchsen der Berichterstattung. ARD-Anstalten und ZDF reagierten schnell und bis zu einem gewissen Grad auch selbstkritisch. Wenigstens thematisierten sie die öffentliche Kritik an der Berichterstattung. Bei RTL plus wurde die Rolle der Medien kurz in einem Interview mit dem vielgefragten Polizeipsychologen angerissen. Sat 1 ignorierte das Thema und brachte in der dort typischen Problemsicht den stellvertretenden Chefredakteur des Kölner „Express“ als „Vertrauensperson“ der Gangster zu weiterem zweifelhaften Ruhm.

Während „Tagesthemen“ und „Heute-Journal“ die Rolle nachrichtlich und in Filmdokumenten noch kritisch zur Diskussion stellten, versagten die Kommentatoren. Hier war von Selbstkritik kaum mehr was zu spüren. Dem Fernseh-Chefredakteur von Radio Bremen entlockte es auch beim zweiten Nachdenken nur einen ärgerlichen Hieb auf die Kollegen in Mainz, die ein Interview mit einem der Gangster „geklaut“ und vor den „Tagesthemen“ auf den Markt gebracht hätten. Der Leiter der Hauptredaktion ‘Aktuelles’ und damit zuständig für „Heute“ und „Heute-Journal“, Peter Voß, verteidigte das Interview gar und charakterisierte es als eine „wichtige Information für alle“ – ohnehin ein seltsamer Kommentarstil, wenn Programmverantwortliche das Verhalten ihrer eigenen Abteilung rechtfertigen und das als Kommentar ausgeben. Lediglich der Leiter der Informationsgruppe ‘Zeitgeschehen Aktuell’ beim WDR, Gerd Berger, plädierte in der „Aktuellen Stunde“ (West 3) für eine Berichterstattung nur innerhalb bestimmter Grenzen. Und die sei dort überschritten, wo der Journalist seine passive Rolle des Beobachters aufgebe.

Die elektronischen Medien, insbesondere das Fernsehen, müssen sich über ihre Rolle klar werden und wieder auf Distanz gehen, nicht nur in solch spektakulären Fällen. Und zwar nicht in erster Linie, weil sie sonst die Verfolgungs- und Ermittlertätigkeit der Polizei behindern, sondern vor allem aus eigenem Interesse. Wer will Ihnen sonst noch die Kritik abnehmen, mit der sie zu Recht oder zu Unrecht polizeiliches Handeln hinterfragen.

• Text aus Heft Nr. 33/1988 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

19.08.1988/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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