Eine neue Richtung des Dokumentarfilms

Zu Klaus Wildenhahns Film „In der Fremde“

Von Egon Netenjakob
16.08.1968 •

16.08.1968 •Lebendige Wirklichkeit wird abgebildet und dokumentiert, seit es Film gibt, seit lächerlich kurzen 72½ Jahren, seit in einem Pariser Café ein fasziniertes Publikum lebende Abbildungen bestaunte von so alltäglichen Vorgängen wie „Le déjeuner de bébé“. Am Anfang waren also Dokumentarfilme.

In der Folge jedoch hatte der Dokumentarfilm eigentlich immer etwas im Schatten des Spielfilms gestanden, und in Anleihen wie zum Beispiel den üblichen Rahmenhandlungen der „Kulturfilme“ schien sich eine gewisse Inferiorität des Genres auch formal auszudrücken. Es ist aber durchaus möglich, dass die eigentliche Zeit des Dokumentarfilms noch nicht oder erst gerade begonnen hat. Dafür sprechen einige Anzeichen. In Spielfilmen hat es mindestens seit dem Kriege Strömungen eines betonten Realismus gegeben, ein engagiertes Streben nach Wirklichkeitsnähe. Aber erst in neuerer Zeit zeigen wichtige Filme die Tendenz, das Erbe des Bühnendramas, die fremden dramaturgischen Konstruktionen, konsequent zu ignorieren, die Zeichen der Wirklichkeit unbefangen aufzuspüren und ungekünstelt, ohne eigentliche „Story“ zu formulieren.

Der Dokumentarfilm selbst setzt sich mindestens seit Leacocks Anstrengungen neue Ziele. Dem subjektiv interessantesten Objekt Mensch geht es immer gründlicher zuleibe, unterstützt durch neue technische Entwicklungen, durch handliche Kameras und hochempfindliche Filme und Mikrofone. Im deutschen Fernsehen erschloss die Sendereihe „Zeichen der Zeit“ neue Bereiche. Meist bei Massenveranstaltungen wie Sportereignissen, Schützenfesten, Kongressen, Inszenierungen des Tourismus wurde stilistisch immer perfekter Verhaltensforschung mit der Kamera betrieben.

Einen weiteren Schritt scheint uns ein Dokumentarfilm getan zu haben, der beim diesjährigen Kurzfilmfestival in Oberhausen das Publikum in besonderem Maße langweilte und zu heftigen Protest- und Hohnbekundungen hinriss, „In der Fremde“ von Klaus Wildenhahn. Er vermittelt Vorgänge, wie sie in ihrer scheinbar banalen Alltäglichkeit so ausführlich und unverfälscht bisher noch nicht übermittelt wurden: das Verhalten von Arbeitern an ihrem Arbeitplatz.

Wildenhahn, der bisher ein paar Arbeiten für das Dritte Programm des Norddeutschen Rundfunks lieferte, reiste für die Fernsehspielabteilung (!) des NDR mit Kameramann, Toningenieur und sehr viel Filmmaterial an eine Bauplatz im Odenburgischen, einsam gelegen an der Bahnstrecke Osnabrück–Bremen. Nicht weniger als zwei Monate lang filmte das Team im Rezessionsjahr 1967 beim Bau eines Futtermittelsilos die Bauarbeiter, Zimmerleute und Poliere. Den Dokumentaristen enthüllten sich dabei laut Ansage „die Beziehungen der Arbeiter untereinander, das Verhältnis der Vorgesetzten zu den Untergebenen und der Einfluss der monatelangen Trennung von den Familien“. Die Auswahl und chronologische Anordnung des gefilmten Materials ergab einen Film von eineinviertel Stunden, original in Bild und Ton. Die Sprechertexte enthalten sich jeden Kommentars und beschränken sich auf die zum Verständnis unbedingt notwendigen Informationen (Sendung: 9. Juli 1968, ARD).

Die Hoffnung, im Arbeitsalltag am Bau Interessantes aufzuspüren, erfüllte sich. Wildenhahn und seine Kollegen hatten zum Beispiel das Glück, ein kapitales Prachtexemplar von Baustellenpolier anzutreffen. Der aus Schlesien stammende Polier – nach seiner Sprachfärbung zu urteilen – beherrscht die Formeln mühelos, mit denen man Untergebene steuert. Was aus dem Wortsinn seiner Reden nicht hervorgeht, ist doch zu spüren: Er hat auch ein Herz für seine Leute.

Aber es gibt auf dieser Baustelle auch ernst Konflikte. Die Ursache ist ein Interessengegensatz zwischen Baufirma und Arbeitern. Die beiden Gleitbau-Poliere sind von der Firma angewiesen, mit möglichst wenig Überstunden auszukommen. Ein Arbeiter formuliert die allgemeine Meinung: „Wenn du jetzt in der Fremde liegst und du kannst und darfst nur acht Stunden machen…, das ist ein Ding, das gar nicht geht…[in der Kneipe,] da gibt man mehr Geld aus, wie man verdient… Wenn ich in der Fremde bin, dann will ich 12 bis 14 Stunden pro Tag haben.“ Von den Arbeitern bedrängt, kommt ein Polier in Schwierigkeiten: „Aber solange ich nur die Firma vertrete, muss ich ja teilweise gegen meine Kollegen gegenanarbeiten.“ Der andere Polier weiß es anders: „Wir haben in erster Linie die Interessen der Firma zu vertreten.“ In dieser dienstfertigen Auffassung wird er von dem Vorgesetzten bestärkt, der auf die Baustelle gekommen ist, um den Streit zu schlichten. Der erwartet von seinen Polieren einen „sauberen Kern“ und „die Ehrlichkeit, die Aufrichtigkeit, die Anständigkeit dem Unternehmen gegenüber“ ist für ihn „ausschlaggebender als irgendwelche genialen Ideen“.

In den Baubuden gibt es auch Freizeitprobleme. Das Fernsehen interessiert mit einem Boxkampf und findet kein Gehör mit einem politischen Kommentar. Die Arbeiter lesen „Bild“. Man redet über Weiber und erzählt Anekdoten wie als die Gleitbauer einmal „stinkeblau“ waren. Kurz vor Abschluss der Arbeiten gibt es den „Gleiterball“ mit Lärm, Besäufnis und Schlägerei.

Ein Stück ungeschönter Wirklichkeit also, vorgelegt in einer um Objektivität bemühten subjektiven Auswahl. Die möglichen Aspekte bei der Beurteilung der vermittelten Verhaltensmuster sind zahlreich. Die Fixierung würde es zum Beispiel erlauben, Aktion für Aktion, Satz für Satz, Geste für Geste geradezu mikroskopisch genau zu untersuchen. Man könnte sich etwa für die Umgangssprache interessieren oder für die Herkunft des Liedes vom schlaffreudigen „jungen Zimmermannsgesell“ oder für die rhetorischen Formeln und die Machtmittel, welche die Ordnung aufrechterhalten. Ein vorzügliches Studienmaterial für Soziologen, Psychologen, Theologen (von Religion war nicht die Rede) oder wer immer Interesse hat an den Arbeitern und der Welt der Arbeit.

Diese zwei Monate Filmarbeit auf der Baustelle haben den Dokumentarfilm einen Schritt weitergebracht. Der normale Alltag ließ sich vermitteln und er erwies sich als interessant. Wildenhahns bewusst kunstloser Film könnte leicht die Illusion erwecken, als sei nun eine brauchbare, kopierfähige Methode gefunden, den Bereich der indirekten Erfahrung durch Television zu erweitern und Läden, Fabrikhallen, Büros, soweit nicht zu öffentlichkeitsscheu, dem Fernsehen zu öffnen. In Wirklichkeit ist der Autor jedoch keineswegs überflüssig geworden. Auch in der bewussten und radikalen Zurückhaltung, in der konsequenten Sachlichkeit dieses Films verrät sich ein sehr persönliches nicht austauschbares Engagement.

Der neue Dokumentarfilm wäre jedoch auch anders, subjektiver in Auswahl, Kameraführung und Kommentar denkbar. Die möglichen Variationen sind zahllos. Ein Hauptproblem dürfte dabei das Publikum bleiben, das in seiner Mehrheit keineswegs bereit ist, aktiv mitzuarbeiten. Die Filmemacher werden immer wieder überlegen müssen, wie es listig verlockt werden kann, das Material, die Informationen bereitwillig aufzunehmen. Der sehr persönliche „Zeichen-der-Zeit“-Stil mit seiner scheinbaren Leichtigkeit und eleganten Pointierung in Bild und Kommentar hat es leichter. Das Publikum wird nicht so einfach zu überzeugen sein, dass das Menschenleben interessant ist, wo man’s auch packt, und dass der Film ein wunderbares Medium ist, vielen bekannt zu machen, was jeder lebt, aber nicht sieht. Der neue Dokumentarfilm à la Wildenhahn könnte eine Konkurrenz für manchen Spiel-Autor sein. Eine „Spülstein-Dramatik“ jedenfalls wird von der gesammelten Wirklichkeit übertroffen.

• Text aus Heft Nr. 33/1968 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

16.08.1968/MK

Print-Ausgabe 10/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren