Klaus Wildenhahn: Freier Fall – Johanna K. (West 3)

Annäherung an Außenseiter

11.06.1993 •

11.06.1993 • Unermüdlich und treulich begleitet der Film eine Frau und man ahnt zunächst nur, was sich da verbirgt. Klaus Wildenhahn (Kamera, wie früher oft bei ihm: Gisela Tuchtenhagen) dringt in das Leben eines Transvestiten ein, der als junger Mensch Ingenieur war, vom Wasser- und Straßenbau zur Flitterwelt überwechselte, zum Striptease, zur Prostitution, endlich ein Buch über das androgyne Schicksal, über den Mythos des Geschlechterwandels schrieb. Dieser Weg, stellt sich allmählich heraus, war ein Weg der Selbstfindung (auch der Erfüllung – wer wollte darüber befinden?).

Wildenhahn und Tuchtenhagen begleiten Johanna K. nach Ibiza, nehmen teil am Alltag auch einer Freundin, eines Freundes, der/die dort ein Nachtlokal betreibt, sie kehren zurück nach Hamburg, gehen in die Wohnung, lassen sich erzählen, begleiten Johanna K. bei einem Ausflug. Manchmal erfasst die Kamera Wildenhahn, der das Mikro hält: fast verdutzt, verlegen darüber, im Bild zu sein, dabei spürbar zugewandt, nicht nur als Tonmann der aufmerksame Zuhörer.

Allmählich gibt Johanna K. ihre Reserve auf, berichtet fließender, endlich ohne Vorbehalte: von der schwierigen Identität eines „Transis“, „Frau oben, unten Mann“, von ihrer Glamourperiode, von der Schwierigkeit, die Geschlechtsmerkmale, auch die primären, beim Divakostüm zu verstecken, von Schönheitsoperationen mit lästigem Silikon und von anderen Themen aus ihrer spezifischen Existenz. Bei einem Fallschirmabsprung, den sie huckepack mitgemacht hat, ist ein Video von ihr aufgenommen worden. Daher der Titel „Freier Fall“. Der ist natürlich auch Ausdruck für das Lebensrisiko, das dieser Mensch eingegangen ist. Der leise selbstironische Ton von Johanna K. prägt sich tief ein, langsam auch das Gesicht, das anfangs maskenhaft und starr wirkt, fortschreitend aber feine Züge des Ausdrucks erkennen lässt.

Der lange Film ist geduldig und verlangt Geduld. Kapitel werden durch Schwarzfilm markiert. Es gibt Trugschlüsse, bei denen man denkt, jetzt ist es zu Ende und das meiste gesagt. Dann geht es aber doch weiter und es wird Zeit für neue Entdeckungen. Die Entfaltung oder Erschließung eines Menschen bestimmt den Rhythmus, nicht das auf Zerstreuung trainierte Temperament des Zuschauers. Mit dem wachsenden Vertrauen von Johanna K. wächst bei uns die Vertrautheit mit ihren ungewohnten Lebenskonditionen. Da stellt sich kein Exotismus ein, der überglänzen oder dämonisieren würde.

Jennie Livingston kann in ihrem Film „Paris ist burning“ (1990) über die New Yorker Transi-Szene merklich anders verfahren: Sie bündelt die Aussagen mehrerer Personen, sie fordert ihnen Bekenntnis und Offenbarungen ab, die sie auch erhält, sofort anscheinend. Vielleicht sind die Menschen, die sie fragt, eher daran gewöhnt, Erfahrungen und Sehnsüchte umgänglicher mitzuteilen, schneller zu formulieren, weil sie Teil einer offenen Konversationskultur sind, die Formeln zum Lebensverständnis allemal abfordert. Auch handelt es sich um eine hektischere, brutalere Umwelt in New York, der Tod ist nahe, Altern kein Problem, jenseits der Vorstellungsgrenze. Nicht so in Hamburg. Die Umstände hier gebieten den Außenseitern offenkundig mehr Vorsicht und erlegen der sanften Neugier Wildenhahns den Modus behutsamer Annäherung auf, den er natürlich auch sonst wählt, wenn es ihm freisteht.

Damit kein Zweifel entsteht: Dokumentarfilme dieser Art, vom Charakter sorgfältiger Humanität und protestantischer Unkorrumpierbarkeit geprägt, sind ein Kontrastprogramm zu allen schnellfertigen visuellen und verbalen Phrasen, auch vielen Scheinbewältigungen von ‘Fremdenproblematik’ im übrigen Programm. Wildenhahn lässt es gar nicht dazu kommen, dass man sich vorschnell „ein Bild“ macht. Wir nehmen diesen Menschen, um den er sich kümmert, erst genau wahr, nachdem er sich lange Zeit unseren Blicken ausgesetzt hat. Dann erkennen wir seine eigene Normalität, die mit unserer so viel zu tun hat. Wildenhahns Dramaturgie des klugen Aufschubs verhindert die voreilige Zuordnung und Abfertigung, das prompte Eh-schon-Wissen. Ein Modell dafür, wie Vorurteile zu unterlaufen sind.

• Text aus Heft Nr. 23/1993 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

11.06.1993 – Thomas Koebner/FK

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