Klaus Wildenhahn: Heiligabend auf St. Pauli (ARD/NDR)

Tigerhans & Co.

03.01.1969 •

03.01.1969 • Klaus Wildenhahn dreht das, was man kompromisslosen Dokumentarfilm nennt. Ohne Kommentar, ohne künstliches Licht, aber auch ohne versteckte Kamera und Mikrofon. „Nichts wird gestellt“, sagt Wildenhahn, „rein gar nichts… Man arbeitet nicht versteckt, sondern offen. Man verbirgt sich mit seinem Apparat an keiner Ecke, sondern zeigt sich seinem Gegenspieler, dem Mann, den man filmen will und der weiß, dass das Spiel begonnen hat.“ Also eine ehrliche Sache, wo der Regisseur sich selbst nichts vormacht und nichts seinen Objekten. Allerdings noch keine Gewähr für guten Dokumentarfilm; denn dass man mit ehrlichen Mitteln auch unehrliche Filme machen kann, hat Wildenhahn in seinem jüngsten Dokumentarfilm vorexerziert.

Er ist Heiligabend 1967 mit seinem Kameramann Hans-Joachim Theuerkauf in eine kleine Gaststätte auf St. Pauli gezogen und hat dort ungefähr zehn Stunden gefilmt, die Wirtin, die Stammgäste, die Laufkundschaft. Ergebnis: ein 60-Minuten-Streifen, in dem eine Reihe weiblicher und männlicher  Gesichter zu sehen sind, zu hören: Gesprächsfetzen, einmal ein deutlich zu verstehender Dialog zwischen der Wirtin und einem jungen Mädchen. Eindruck: Da sitzen ein paar heruntergekommene, vereinsamte Menschen am Heiligabend in einer Kneipe, einige vorübergehend, andere die ganze Zeit.

Warum ist das ein unehrlicher Film? Weil er nur die Hälfte zeigt, die halbe Wahrheit. Es ist nicht wahr, dass diese Menschen da einfach so sitzen. Sie werden gezwungen, da zu sitzen. Wer die bürgerliche autoritäre Norm, die für den Heiligabend ganz bestimmte Verhaltensweisen vorschreibt, nicht erfüllt oder nicht erfüllen kann, dem bleibt keine andere Wahl. Das ist nicht Background, sondern Ursache für das Verhalten auch derjenigen Menschen, die da in der Kneipe auf St. Pauli sitzen. In Wildenhahns Film ist davon nichts zu spüren. Seine schummerig-schönen, garantiert-dokumentarischen Bilder machen aus der Hamburger Heiligabend-Kneipe einen Zoo, in dem es einige ungewöhnliche Menschen-Exemplare zu bestaunen gibt: Amateurboxer, Prostituierte, Seeleute, Falschspieler, einer hieß Tigerhans und einer hatte sogar einen Buckel.

Es gibt Touristen, die durch die „Verruchtheit“ der Reeperbahn derart angeregt werden, dass sie wie wild mit ihrer Kleinbildkamera drauflos fotografieren. So ähnlich muss es dem Regisseur Wildenhahn ergangen sein, als er zum ersten Mal am Heiligabend nach St. Pauli kam.

Text aus Heft Nr. 1/1969 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

03.01.1969 – Ludwig Metzger/FK

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