Die Burschen von „Monitor“

Zur 500. Sendung eines Politmagazins mit treuen Anhängern und vielen Kritikern

Von Claus Hinrich Casdorff
21.03.2003 •

Am 13. März 2003 ging das vom WDR verantwortete ARD-Politmagazin „Monitor“ zum 500. Mal auf Sendung. Der WDR feierte das Jubiläum an diesem Tag in seinem Dritten Fernsehprogramm mit einer langen „Monitor“-Nacht von 23.00 bis 4.00 Uhr. Das Magazin gibt es seit 38 Jahren. Sein Gründer und erster Leiter war Claus Hinrich Casdorff. Er blickt im folgenden Beitrag für die FK zurück auf die Anfänge und seine insgesamt 18‑jährige Tätigkeit bei „Monitor“. Casdorff, geb. am 6.8.1925 in Hamburg, begann seine Rundfunklaufbahn beim Radio (NWDR und WDR), bevor er 1961 zum Fernsehen wechselte. 1965 gründete er beim WDR „Monitor“. Nachdem er das Magazin in andere Hände übergab, wurde er Fernsehchefredakteur der WDR-Landesprogramme und Regionalisierungsbeauftragter des Intendanten Friedrich-Wilhelm von Sell. Außerdem moderierte er zwölf Jahre lang die Sendereihe „Ich stelle mich“ im Dritten Programm des WDR. 1995 ging Casdorff in den Ruhestand. • FK

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„Jedes zeitkritische Magazin hat treue Anhänger, aber auch eine große Zahl von Kritikern.“ Diese Binsenwahrheit habe ich in den 18 Jahren, in denen ich Chef des WDR-Fernsehmagazins „Monitor“ war, immer wieder am eigenen Leib verspürt. Schon der Start im Mai 1965 war von einer solchen Kontroverse gekennzeichnet. Wir, die Verantwortlichen Redakteure des Westdeutschen Rundfunks, hatten beschlossen, uns aus dem Verbund mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) und dem damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) zu lösen, mit denen wir ein paar Jahre lang die Sendung „Report“ gebastelt hatten, als Gegengewicht zu dem „roten“ Panorama vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) aus Hamburg.

Bei „Report“ mit Helmut Hammerschmidt, dem späteren Intendanten (1965 bis 1977 beim Südwestfunk), knirschte es so oft im politischen Gebälk, dass wir uns selbständig machen wollten. Die Entscheidung wurde auf einer Intendantenkonferenz in Stuttgart getroffen; als kleines Kirchenlicht nahm ich daran natürlich nicht teil. Doch als Hammerschmidt meine Anwesenheit entdeckte, weil er die Restaurants „Alte Post“ und „Neue Post“ verwechselt hatte, war sein einziger Kommentar: „Jetzt weiß ich, wer der Antreiber im WDR war, die Freundschaft aufzukündigen.“ Seit diesem Tag war die Zahl der „Monitor“-Gegner um eine wichtige Persönlichkeit gewachsen. Ich habe das aber mit Gelassenheit ertragen können.

In den Kneipen Kampfgesänge

Unser Start – mit dem damaligen WDR-Chefredakteur Franz Wördemann – war wahrlich kein Zuckerschlecken. Ich musste gemeinsam mit Freunden einen Titel erfinden, „Monitor“ gefiel uns am besten, schon wegen der Doppelbedeutung „Kontrollgerät im Studio“ und dem Anspruch „Wächter und Mahner“ zu sein. Dann musste eine ganz neue Redaktion aufgebaut werden, mit lauter neuen und frischen Gesichtern, und schließlich die Kärrnerarbeit, zu den eingeführten Namen „Panorama“ und „Report“ offensiv ein Gegengewicht zu schaffen.

Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis wir ein Gleichgewicht und später eine führende Position erobert hatten. Einschaltquoten unter 30 Prozent verursachten uns Zahnschmerzen, bis zu 50 Prozent sind wir aufgelaufen. Es wäre aber vermessen, die Traumzahlen nur auf eigene Leistungen zurückzuführen. Wir hatten damals als Gegner und Konkurrenten außerhalb der ARD ausschließlich das „ZDF Magazin“ des (unlängst kurz vor seinem 80. Geburtstag verstorbenen) Gerhard Löwenthal in die Schranken zu verweisen, die kommerzielle Nebenbuhlerschaft kam viel später – auch wenn ich bis heute nicht erkennen kann, unter welchen Titeln ich zeitkritische Magazine bei den Privaten erkennen soll.

Die Burschen von „Monitor“ waren, wie jeder Beobachter sehen konnte, eine verschworene Gemeinschaft. Jeden Tag und oft genug auch viele Nächte hockten wir zusammen, verblüfften die Besucher von bürgerlichen Kneipen mit Kampfgesängen, kein Redakteur hielt es für außergewöhnlich, wenn der Chef eine Schlusskonferenz für 23.00 Uhr ansetzte. Heute wäre das unmöglich. Wir aber waren bereit, jedes geordnete Familien- und Eheleben für unser Programm aufs Spiel zu setzen.

Die Wortbalgerei mit  Strauß

„Monitor“ galt zu meiner Zeit als rosa-rot. Eine Einschätzung, mit der ich durchaus einverstanden war, so lange sie den Unterschied zu den konservativen Hervorbringungen aus anderen ARD-Anstalten deutlich machte. Natürlich hatten wir, wie gesagt, Freunde und Feinde, unser oberster Grundsatz aber war: Heftiger Widerstand gegen jede radikale Strömung von rechts oder links. Wir hatten dabei allerdings niemals den Anspruch, die Retter der Nation zu sein oder alles besser zu wissen. Außerdem war ich stets entschlossen, dafür zu sorgen, dass „Monitor“ nicht als das Werk eines einzelnen wirkt, sondern eine Gemeinschaftsarbeit ist. Deshalb habe ich die Zusatzsendung „Monitor nachgefragt“ (im Dritten Programm des WDR) ebenso eingeführt wie die Autorenmoderation, bei der jeder Redakteur seinen Beitrag selbst kommentierte und dem Hauptmoderator nur die verbindenden Worte überlassen blieben.

Natürlich waren wir aber keine politischen Eunuchen, unsere kritischen Anmerkungen zur CSU und vor allem zu ihrem Idol Franz Josef Strauß haben immer wieder die politischen Beobachter erregt. Höhepunkt dieses Kleinkrieges war das legendäre Interview mit Strauß, das der WDR auf Wunsch seiner Zuschauer inzwischen fünfmal wiederholt hat. Die Wortbalgerei mit Strauß war ein Teil unserer Reihe „Im Kreuzfeuer“, in der Rudolf Rohlinger und ich in zwölf Jahren mehr als 180 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens befragt haben. Nicht jedes Gespräch war eine hitzige Redeschlacht, aber niemals haben wir uns gescheut, dem Partner verbal auf den Leib zu rücken. Auch hier gibt es inzwischen Veränderungen, die mir nicht gefallen.

Sie kamen als Greenhorns

Ich könnte noch Seiten mit meinen „Monitor“-Erinnerungen füllen, es war schließlich die interessanteste Zeit meiner journalistischen Arbeit. Aber auch 300 Sendungen sind Geschichte. Auf eines bin ich nach wie vor stolz: auf die Tatsache, dass „Monitor“ eine Kaderschmiede war. Aus der Redaktion sind hervorgegangen: der langjährige Chef des Bonner ARD-Studios, Martin Schulze; der spätere ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser, „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert, der heutige Chef von „Frontal 21“ (ZDF), Claus Richter; der einstige Programmdirektor von Radio Bremen, Rüdiger Hoffmann; der Regierungssprecher des Landes Brandenburg, Erhard Thomas (SPD) – und viele andere mehr. Sie kamen zu mir, meist als „Greenhorns“, und sie gingen als geschulte Fernsehjournalisten. Ich muss nur zugeben, dass die meisten von ihnen jetzt schon an die Pensionsgrenze kommen, da wird mein eigenes Alter erkennbar.

Als „Monitor“-Chef habe ich drei Nachfolger: Gerd Ruge, Klaus Bednarz und seit kurzem endlich einmal eine Frau, Sonia Mikich. Wir haben ihnen eine gute Arbeit hinterlassen. Bei allen unterschiedlichen Auffassungen verdienen sie Respekt und den Wunsch nach einer glücklichen Hand bei ihrer sicher nicht leichten Arbeit.

Text aus Heft Nr. 12/2003 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

21.03.2003/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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